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Götterdämmerung
(Leseprobe aus: Götterdämmerung,
Roman, Seite 62-76, 2003, Frankfurter
Verlagsanstalt)
Die Gänge des Labors waren ihr so
vertraut wie die Linien in ihrer Hand. Blind hätte sie sich zurechtfinden können.
Jeder Blick durch die Fenster war ihr vertraut; sie kannte alle Birken, die um
den weiten Gebäudekomplex standen, zu allen Jahreszeiten. Sie hätte
seitenlange Aufsätze über den Einfall des Lichtes auf jeden Baum schreiben können,
über die Schattierungen des Schnees in den langen, langen Wintern. Sie kannte
jedes Farbspektrum, von der bläulichen, kristallenen Helle bis zu der Mischung
aus schmutzig gelb und braun Monate später.
Sie hatte in den fünfundzwanzig Jahren ihres Lebens die Luft, die diese Blätter
bewegte, nur selten ungefiltert geatmet. Und das nur in der Nacht, die ihren
Aufenthalt im Freien begrenzte. Und die Sommernächte in Alaska waren endlos
hell. Selbst das dämmrige Licht um ein Uhr morgens ließ sie um ihre Haut fürchten.
Sie war dankbar für die unterirdischen Gänge, welche die Gebäude der Station
miteinander verbanden und die von den anderen nur im Winter genutzt wurden; ihr
gaben sie die Möglichkeit, sich immer sicher zu fühlen. Die Winternächte
wiederum waren zu kalt, viel zu kalt, um länger als nur ein paar Minuten draußen
zu bleiben, und sei es, um eine Aurora borealis zu bewundern.
»Ich wünschte, das Labor wäre irgendwo in den unteren achtundvierzig«, sagte
sie einmal zu ihrem Vater, den Ausdruck gebrauchend, mit dem die Bewohner
Alaskas die übrigen Staaten der USA bezeichneten. »Warum nicht neunundvierzig?«,
hatte sie als Kind den Mann gefragt, der ihr und ihrem Vater die Lebensmittel
brachte. »Weil kein vernünftiger Mensch Hawaii dazuzählt«, hatte er
geantwortet. »Das ist kein ehrlicher Staat, das ist eine Ansammlung von
Touristenabzockstellen.«
»Nimm Florida zum Beispiel«, sagte sie zu ihrem Vater. »Das ewige Dröhnen
der Stromgeneratoren hier geht mir auf den Geist. In Florida wäre das bestimmt
anders. Wärst du nicht gerne wieder daheim? Oder wenigstens in Kalifornien, wo
so viele der anderen Labors sind.«
Ihr Vater lächelte sie an und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie roch die
Reste von Talkumpuder, die das ständige Tragen von Laborhandschuhen
unweigerlich hinterließ.
»Daheim ist für mich, wo du bist, Beatrice«, erwiderte er ernst. »Und für
dich würde ein Umzug nichts ändern. Das weißt du doch.«
Sie wusste es. Manchmal, wenn sie in den Spiegel blickte, spürte sie den
Wunsch, ihre helle, viel zu helle Haut von ihrem Körper zu ziehen. Striemen aus
ihr herausreißen, als Strafe für das Gefängnis, das ihre Haut war. Natürlich,
es hätte schlimmer sein können. Sie besaß Pigmente; sie war nicht eine völlige
Gefangene wie andere Fälle. Manchmal glaubte sie, dass sie ihre
Aufenthaltszeiten in der Sonne steigern könnte, wenn sie es nur wollte. Aber
jedes Mal, wenn sie es versuchte, kam sofort die Furcht zurück, die Furcht,
deren flüsternde Stimme sie gehört hatte, seit sie denken konnte:
Die Sonne wird dich verbrennen.
Ein Satz, der ihr von ihren Eltern vehement eingetrichtert worden war, weil man
nur so bei einem Kleinkind Erfolge erzielte und nicht, wenn man es komplizierter
formulierte, etwa: »Du hast eine sehr, sehr empfindliche Haut, und die hohe
UV-Strahlung draußen ist an sich schon gefährlich genug.« Aber das Wissen
verringerte die instinktive Übelkeit nicht, die sich in ihrem Magen breit
machte, kaum dass sie einmal die Laborgebäude oder die Wohntrakte verließ, in
denen sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Einer der Hauslehrer ihrer Kindheit
hatte eine Psychotherapie vorgeschlagen, aber ihr Vater empfand, wie viele
seines Faches, nur Verachtung für die Psychoanalyse, der er den Namen »Wissenschaft«
absprach, und hielt Menschen, die sich ihr anvertrauten, für Schwächlinge. Sie
war seine Tochter.
Im Übrigen war sie nicht unglücklich mit ihrem Leben. High School und College
per Fernkurs zu absolvieren, bedeutete zwar, nie Freunde ihres eigenen Alters
kennen zu lernen, doch was ihr das Fernsehen über High School und College
berichtete, schien ihr erschreckend genug und ließ den Verlust nicht zu groß
erscheinen. Für Beatrice gab es keine qualvollen Bemühungen, zu dieser oder
jener »Clique« zu gehören, das »Richtige« zu tragen oder den »richtigen«
Freund zu haben. Als Kind und als Teenager war sie das Maskottchen des Labors,
und es gab niemanden, der ihr diese Aufmerksamkeit streitig machte. Einige der
anderen Wissenschaftler hatten zwar Familie, und ihr wurden Fotos von anderen
Kindern gezeigt, doch solche Kinder lebten dann in Anchorage oder in den unteren
achtundvierzig und waren nicht wirklicher als die Teenager aus dem »Frühstücksclub«.
Ob Franks Tochter Ellie mit ihrer neuen Mathelehrerin besser zurechtkam oder
Annette auf dem Disneykanal einen Freund fand, lief auf das Gleiche hinaus: Es
waren nur Geschichten.
Gerade als sie alt genug war, um sich zu wünschen, Menschen kennen zu lernen,
die ein von ihren Eltern und der Welt des Labors abgetrenntes Leben lebten,
machte ihr die Technik ein Geschenk; Menschen, die sie mochten, nicht, weil es
keine andere Wahl gab, sondern um ihrer Persönlichkeit willen. Der Fortschritt
schenkte ihr das Internet.
Das Labor gehörte zu den ersten Einrichtungen Alaskas, die an das Netz
angeschlossen wurden, noch lange vor der städtischen Verwaltung von Seward, der
nächstgelegenen Stadt, die immerhin 3000 Einwohner zählte. Natürlich geschah
das nicht, damit die Tochter des wichtigsten Wissenschaftlers das Internet als
Spielzeug entdecken konnte, aber das war ein angenehmer Nebeneffekt. Sie fand
Websites, die sie interessierten, sie trat E-Mail-Listen bei, sie hielt sich in
Chaträumen auf und stellte fest, dass ihr Mangel an gesellschaftlicher
Erfahrung keine Rolle spielte, wenn es darum ging, über Gedichte von Sylvia
Plath zu diskutieren oder über die neueste Folge von Star Trek: The Next
Generation. Im Übrigen steckte das Netz voller Leute, die exzentrisch genug
waren, dass man ihnen Gehör und Zeit schenken wollte. Einmal nahm sie an einer
Diskussion teil, bei der jemand steif und fest behauptete, der eigentliche Grund
für die Golfkriege sei weder das Ölvorkommen von Kuwait oder Irak noch die
Freiheit der betroffenen Völker gewesen, sondern der Zugang zu einer
unterirdischen Anderswelt.
Dergleichen Debatten waren frivoler Zeitvertreib, das wusste Beatrice, aber ein
notwendiges Gegengewicht zu ihren wissenschaftlichen.
Der Computer war bereits vorher ihr bester Freund gewesen, und sie begriff sehr
schnell, was er konnte oder besser können sollte. Sie war noch ein Kind
gewesen, als ihr Vater und einige seiner Kollegen sie einbezogen, wenn es
Probleme mit der EDV gab. Sie hatte Zeit, und aufgrund der Tätigkeit ihres
Vaters entwickelte sie Systeme, wie man biologische Reaktionen in elektronische
Signale und damit in für Computer lesbare Impulse umsetzen konnte, um die
zeitraubende Routine der Analysen im Reagenzglas abzukürzen. Sie verschlang
alles, was sie im Netz zu den neuesten Entwicklungen im Bereich der
Mikroelektronik fand. Als sie schließlich eine Idee skizzierte, die für die
Biochip-Entwicklung innerhalb der A.W. Holding, zu der ihr Arbeitgeber Livion
gehörte, den Durchbruch erzielte, hörte sie auf, ein Maskottchen zu sein, nur
die »Tochter«, und wurde zu einer von den übrigen fast hundert
Wissenschaftlern geschätzten Mitarbeiterin. Sie hatte ein eigenes Einkommen,
das sie von ihrem Vater unabhängig machte. Sie war stolz auf ihre Leistungen.
Dennoch, manchmal schaute sie in den Spiegel, sah ihr ovales, zu helles Gesicht
mit den großen Augen und dem sorglos zurückgesteckten Haar und fragte sich, ob
das alles war. Dann wiederum fand sie sich albern. Mit sechzehn hatte sie für
einen der Labortechniker geschwärmt, lange genug, um heimlich Gedichte an ihn
zu schreiben und sein Foto in ihrem Zimmer zu verstecken. Bis ihr Vater, der
ihre Verliebtheit entdeckt haben musste, verlegen, aber bestimmt offenbarte, was
das Objekt ihrer Anbetung verbarg: Der Mann hatte nicht nur eine Freundin in
Seward, sondern auch eine Ehefrau in den unteren achtundvierzig. Seiner Frau
hatte er einen Brief geschrieben, in dem er sich über Beatrices »pubertäre
Kuhaugen« lustig machte. Ihr Vater hielt ihr die Kopie vor die Nase, mehrfach
geknickt und an einer Stelle eingerissen.
»Woher hast du das?«, hatte sie fassungslos gefragt und sich geweigert, an die
Echtheit des Dokuments zu glauben.
»Bea, du weißt doch, dass unsere Korrespondenz hier ständig kontrolliert
wird. Das muss so sein, wegen der Sicherheit. Er weiß das auch; jeder
Mitarbeiter muss seine schriftliche Einwilligung geben, ehe er hier anfängt. Er
weiß das, und trotzdem...«
Es war das schnelle Ende von Beatrices erster Romanze, die ohnehin nur in ihrer
Phantasie bestanden hatte. Seither beschränkten sich ihre Schwärmereien auf
fiktive Helden; sie sagte sich, dass eine reale Bindung sie ohnehin nur stören
würde. Welcher Mann will schon eine Freundin, die das Haus nicht verlassen
darf?
Im Netz spielte dergleichen keine Rolle.
Am dankbarsten war sie für das Internet in den Wochen nach dem 11. September.
Die Telefonleitungen funktionierten nicht. Kollegen versuchten vergeblich, ihre
Familien in Washington oder New York zu erreichen. Sie hatte selbst zwei Freunde
in New York und vier in Washington. Das Netz funktionierte. Da Alaska in einer
anderen Zeitzone lag, wachte sie mit den Nachrichten über den Anschlag auf, hörte
sie mit den Frühstücksneuigkeiten. An diesem Tag wurde im Labor nicht
gearbeitet; ihr Vater und viele andere Laborangehörige, ganz gleich, ob Mann
oder Frau, brachen immer wieder in Tränen aus. Beatrice selbst war entsetzt,
aber sie konnte nicht weinen. Es erschien zu unwirklich, zu sehr Teil eines
Katastrophenfilms, wie sie ihn vom Fernsehen her kannte. Sie war in erster Linie
um ihre gesichtslosen Freunde besorgt, ihre Freunde aus dem Netz, deren richtige
Namen sie noch nicht einmal hätte nennen können.
Dedalus, ein Bewohner Manhattans, meldete sich endlich am Abend. Es sei wie ein
Kriegsgebiet, berichtete er, Staub und Asche überall und Unmengen verzweifelter
Menschen. LittleW, ihre andere New Yorker Freundin, meldete sich nie mehr. Ob
sie nun in einem der zerstörten Wolkenkratzer gewesen war oder nicht, für
Beatrice war sie ein Opfer des Anschlags, und ihr Verlust machte das Geschehene
für sie wirklich.
»Wir werden es den Mistkerlen zeigen, Dad, nicht wahr?«, sagte sie zu ihrem
Vater, und er nickte. Zu diesem Zeitpunkt schwirrten zwar schon Vermutungen
umher, aber noch niemand konnte mit Sicherheit sagen, wer die Mistkerle überhaupt
gewesen waren. Es machte Beatrice nichts aus, dass die Sicherheitsbestimmungen für
das Labor danach noch strenger wurden; was änderte das für sie persönlich?
Und sie hatte auch nichts zu verbergen.
Der April, der gewöhnlich die Schneeschmelze mit sich brachte, ließ noch auf
sich warten, und die kalte Märzluft gestattete es ihr nur kurz, nachts nach
draußen zu gehen, also verbrachte sie die Abende, an denen ihre Freunde unter
den Laborkollegen in Seward ausgingen, für gewöhnlich vor dem Computer.
Es war erst gegen sechs Uhr, und Beatrice befand sich noch im Labor. Sie
besuchte gerade einen der medizinisch orientierten Chaträume und unterhielt
sich mit ein paar Online-Bekannten, als sich ein neuer Teilnehmer einloggte. Der
Name fiel ihr auf, weil er ihr bekannt vorkam und im Gegensatz zu den meist
phantasievollen Netz-Namen nicht nach einem Pseudonym klang.
<Neil LaHaye ist soeben diesem Chat beigetreten.>
Sie ging rasch die Namen durch, an die sie sich erinnern konnte, aber er gehörte
nicht zu den Fachgrößen, mit denen sie sich auskannte. Trotzdem, der Name
zerrte irgendetwas aus einem Winkel ihres Gedächtnisses hervor, das sich noch
nicht zeigen wollte. Andere Teilnehmer waren schneller.
<He>, tippte einer von ihnen, <verwandt oder verschwägert mit Liebesgrüße
aus Los Alamos?>
<Bekenne mich schuldig.>
Natürlich. Sie hatte Liebesgrüße aus Los Alamos gelesen, vor Jahren; es stand
auf dem Lektüreplan eines ihrer Fernkurse. Was ihr am stärksten in Erinnerung
geblieben war, war der bittere Geschmack von Zorn, als sie das Memorandum der
staatlichen Atom-Energie-Kommission aus den Fünfzigern las, das tatsächlich
die Mormonen von Utah als »entbehrlichen Teil der Bevölkerung« beschrieb und
von den Autoren, Neil LaHaye und Matthew Pryce, in voller Länge zitiert worden
war. In dem Kommentar dazu war vom Krieg gegen das eigene Volk die Rede gewesen.
Auch ihre aus Nevada stammende Mutter war an Krebs gestorben, kurz vor Beatrices
viertem Geburtstag, und sie bewahrte nur wenige Erinnerungen an Elaine Sanchez.
Nach der Lektüre hatte sie seinerzeit ihren Vater aufgesucht und ihn wütend
gefragt, ob er die Regierung nicht verklagen könne, das Buch sei Beweis genug.
»Nein«, hatte er knapp erwidert. »Selbst dann nicht, wenn ich wollte, und ich
will nicht. Ich werde jeden Tag meines Lebens um deine Mutter trauern, aber die
Tatsache allein, dass sie aus Nevada stammt, bedeutet noch lange nicht, dass
diese oberirdischen Atomtests schuld sind an ihrem Krebs. Im Übrigen wurden die
Tests schon vor vielen Jahren eingestellt.«
»Aber wenn doch? Ich meine, wenn du ganz sicher wüsstest, dass Atomexplosionen
an ihrem Krebs schuld waren?«
Ihr Vater hatte geseufzt.
»Es waren andere Zeiten damals, als die Tests durchgeführt wurden; die
verdammten Kommunisten saßen uns im Genick, und in jedem Krieg gibt es Opfer.
Wer bin ich, um den ersten Stein zu werfen und über die Regierungen von damals
zu richten, wenn... nein, ich würde nicht klagen.«
»Aber die Verantwortlichen wurden nie bestraft!«
Es war das erste Mal gewesen, dass sie ihren Vater in einer ernsten Sache nicht
verstanden hatte.
Neil LaHaye also. Oder jemand, der behauptete, Neil LaHaye zu sein; im Internet
ließ sich so etwas einfach nicht nachprüfen. In einem Chatraum zu
medizinischen Themen allerdings eine ungewöhnlichere Wahl als »Robert Koch«
oder, von Teilnehmern mit schwärzerem Humor gewählt, »Epstein-Barr« oder »Lymphozyten-Man«.
<Hallo, Neil>, tippte sie, nachdem die meisten anderen ihn bereits begrüßt
hatten. <An Kaposi-Sarkom interessiert?>
Dieser seltene Hautkrebs war das Gesprächsthema gewesen, ehe er sich eingeloggt
hatte.
<Indirekt>, schrieb er zurück. <Ich kämpfe mich gerade durch sämtliche
Mediziner-Chats, die ich finden kann. Ihr seid mein 32. Versuch diese Woche.
Eigentlich suche ich nach Informationen über Dr. Victor Sanchez, der 1980 an
der New Yorker Universitätsklinik zwei der allerersten AIDS-Patien-ten mit
Kaposi-Sarkom untersucht hat. Nicht der ursprüng-lich behandelnde Arzt, aber er
hat da eine gewisse Rolle gespielt.>
Nun ja, dachte sie. Er war nicht der erste Reporter, der mit ihrem Vater in
Kontakt treten wollte. Es kamen regelmäßig Anfragen von Studenten, von
Fachjournalisten, die wissen wollten, was Dr. Sanchez, als einer der Pioniere
der Genetik, von der Debatte um die Stammzellenforschung hielt. Einer der vielen
Vorzüge der Anonymität des Netzes war, dass sie nicht darauf einzugehen
brauchte, wenn sie es nicht wollte. Sie war nicht als Beatrice Sanchez hier,
sondern als Morgan, ein geschlechtsneutrales Pseudonym, das niemandem etwas
verriet.
<Victor Sanchez hat doch schon seit Ewigkeiten nichts mehr von sich hören
lassen>, schrieb Rochefort, ein weiterer Chatteilnehmer. <Und auch weder
zum Thema Kaposi-Sarkom noch zu AIDS veröffentlicht, soweit ich weiß.>
<Ja>, schrieb Neil zurück. <Deswegen wunderte es mich, dass er in so
einem Fall aktenkundig geworden ist.>
Sie konnte sich nicht erklären, warum ihr Vater 1980 in New York
Kaposi-Sarkom-Patienten behandelt haben sollte, ganz gleich wie kurz oder lang.
Seltsam. Hinsichtlich ihrer eigenen Gefährdung hatte er oft genug bedauert,
dass Hautkrebs nicht sein Fachgebiet war. Warum sollte LaHaye, oder um wen auch
immer es sich in Wirklichkeit handelte, so etwas erfinden?
<Warum nicht einen der anderen behandelnden Ärzte fragen?>, tippte sie.
<Oder sind sie schwer zu finden?>
<Nein, im Gegenteil. Diese Fälle wurden schließlich ziemlich prominent.
Aber sie weigern sich bisher alle, einen Kommentar über Sanchez abzugeben.>
<Oh>, schrieb Dedalus, <natürlich. 1980/81. Das waren wirklich die
allerersten AIDS-Verdächtigen, nicht wahr?>
<Genau.>
<Das könnte Sanchez erklären>, tippte sie. <In den frühen Tagen der
AIDS-Forschung konnte man sich ja nicht sicher sein, ob die Immunschwäche nun
erworben oder angeboren war.>
Neil LaHayes Antwort erschien in den roten Lettern, die der Chatraum ihm
zugeteilt hatte, noch ehe Dedalus und Rochefort mit ihren Kommentaren fertig
waren.
<Im Winter 1980 war von Immunschwäche noch überhaupt nicht die Rede. Da rätselte
man gerade erst herum, warum gleich mehrere junge Männer einen äußerst
seltenen Hautkrebs hatten, der sonst angeblich nur in Zentralafrika vorkam. Also
wieso Sanchez hinzuziehen?>
<Eine neue Verschwörungstheorie, Neil?>, fragte Rochefort in grünen
Lettern. < Schreibst du an einem neuen Buch?>
<Keine Verschwörung. Mich interessiert erst einmal dieser Sanchez. Der Mann
schien geradewegs auf den Nobelpreis zuzusteuern, untersucht ein paar der ersten
AIDS-Fälle, und dann verschwindet er einfach. Ich bin kein Wissenschaftler,
Leute, ich bin Autor. Da scheint mir ein gewisses Drama vorzuliegen.>
<Vielleicht legt Sanchez aber gar keinen Wert darauf, sein Leben dramatisiert
zu sehen>, schrieb Beatrice, ehe sie sich zurückhalten konnte. <Auch
Wissenschaftler haben ein Recht auf ihre Privatsphäre.>
<Nein>, erwiderte er. <Lies in unseren Gesetzbüchern nach, Morgan. Das
Recht der Öffentlichkeit auf Information geht vor, wenn die Person eine des öffentlichen
Lebens ist, und in seinen jüngeren Jahren hat Dr. Sanchez sein Möglichstes
getan, um eine Person des öffentlichen Lebens zu werden.>
Was für ein Unsinn, dachte sie und schrieb: <Was ist mit dir, Neil? Wenn du
wirklich Neil LaHaye bist, dann hast du ebenfalls das Deine getan, um zu einer
Person des öffentlichen Lebens zu werden. Würdest du dein Leben gerne
dramatisiert sehen?>
<Morgan, natürlich würde ich das. Ich fand schon immer, dass Liebesgrüße
aus Los Alamos einen guten Film abgegeben hätte. Mit Tom Cruise als meine
Wenigkeit und einer Menge Special Effects.>
Wider Willen musste sie lachen. Zumindest hatte er Sinn für Humor.
<Tom Cruise? Bist du so klein?>
<Morgan, du hast Recht. Russel Crowe wäre besser, aber er müsste erst etwas
abnehmen. Ich war ziemlich dünn in meinen Los-Alamos-Tagen. Lag an den zwanzig
bis dreißig Zigaretten pro Tag. Inzwischen habe ich aufgehört und bin nunmehr
Marlon-Brando-Material.>
<Endstation-Sehnsucht-Brando, Pate-Brando oder Moreau-Brando?>, tippte
Beatrice schnell, die mit alten Filmen besser vertraut war als die übrigen
Chatteilnehmer.
<Also, rollbar bin ich noch nicht... sagen wir, Letzter-Tango-Brando. Aber
ich fürchte, aus meiner Filmkarriere wird nichts, wenn ich Victor Sanchez nicht
aufstöbere. Es sei denn, jemand dreht Leben der meistgehassten Journalisten und
Schriftsteller.>
<Deswegen recherchierst du über Sanchez?>, fragte sie. <Um beliebt zu
sein?>
<Morgan, das Einzige, was schlimmer ist als üble Nachrede, ist gar keine.
Aber ich recherchiere aus dem gleichen Grund, der mich bei allen meinen Themen
bewegt. Ich suche die Wahrheit.>
Sie setzte zu einer Antwort an, als die hauseigene Rufanlage brummte. Beatrice
meldete sich und hörte die Stimme ihres Vaters.
»Bea, ich brauche die Ergebnisse für die Frösche.«
»Gleich.«
<Tut mir Leid, Leute, ich muss gehen>, schrieb sie und loggte sich aus.
Am Abend verbrachte sie zwei Stunden damit, nach ihrem Exemplar von Liebesgrüße
aus Los Alamos zu suchen. Sie fand es zwischen ein paar Büchern, die sie seit
dem College-Abschluss nicht mehr in die Hand genommen hatte. Auf der Rückseite
waren die beiden Autoren abgebildet. Beide sehr jung; sie schaute nach dem
Geburtsdatum auf dem Klappentext und stellte fest, dass Neil LaHaye damals nicht
sehr viel älter gewesen war als sie jetzt, und Matthew Pryce genau gleich alt.
Sie riet zunächst, wer von beiden wer war, bis sie im Klappentext die Zuordnung
entdeckte. Neil LaHaye war der links auf dem Bild.
Das Gesicht mit dem schulterlangen lockigen Haar wirkte zu knochig für ihren
Geschmack, aber nicht unattraktiv. Er hatte tief liegende dunkle Augen und einen
breiten, zu einem amüsierten Lächeln verzogenen Mund. Sie versuchte ihn sich
älter und etwas fülliger vorzustellen. Was, wenn der Chatteilnehmer einfach
jemand gewesen war, der sich mit einem bekannten Namen interessant machen
wollte? Und selbst wenn es sich um den echten Neil LaHaye gehandelt hatte, was
änderte das?
Sie schloss das Buch wieder und klappte diesmal die Vorderseite auf. Das Buch
hatte zwei Widmungen: »Für Neil, die unerschöpfliche Nervensäge – M.P.«
und »Für meine Mutter – N.L.«
Wieder dachte sie an ihre eigene Mutter. Wie immer stand das Foto ihr im Weg,
das Foto, das sowohl auf ihrem Regal als auch auf dem Schreibtisch ihres Vaters
stand. Ihre eigenen Erinnerungen waren so unzuverlässig; sie konnte sich noch
genau daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte, ihre eigene kleine Hand in
die ihrer Mutter zu legen, sie spürte noch die Wange ihrer Mutter auf der
ihren, aber wenn es darum ging, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie sie
ausgesehen hatte, endete sie immer wieder bei dem Foto, bei der gleichen lächelnden
Aufnahme.
Das ist alles, was Menschen für dich sind, dachte sie plötzlich, und die
Bitterkeit, die in ihr aufstieg, überraschte sie. Fotos. Alles, was du je
kennen lernen wirst vom Leben: Fotos.
Nein. Sie hatte ihren Vater; sie hatte Freunde. Im Labor und überall in der
Welt. Nur weil sie viele von ihnen nie gesehen hatte, waren sie nicht weniger
wirklich. Auch sie hatte ein Leben. Nur weil nicht dieselben Voraussetzungen
bestanden wie bei den meisten, war es nicht weniger wert.
Das Buch lag immer noch in ihren Händen, und sie beschloss, es sich noch einmal
vorzunehmen. Die Fakten, stellte sie, während sie auf ihrer Couch lag und die Füße
mit einer Wolldecke umwickelt hatte, bald fest, waren ihr noch im Gedächtnis
geblieben, aber was ihr entfallen oder nie richtig ins Auge gestochen war, ließ
sich nicht einfach zusammenfassen. Es war der Ton, der sehr persönliche, sehr
lebendige Ton, der sie in das Thema hineinzog. Er machte die Opfer lebendig, gab
ihnen Gestalt, bis sie glaubte, wirkliche Stimmen zu hören in den Interviews,
die den Kern des Buches bildeten. Außerdem verzichteten die Autoren völlig auf
die sonst in Sachbüchern üblichen Verklausulierungen. Es gab kein »Vielleicht«
und »Möglicherweise«; die beiden, die dieses Buch geschrieben hatten, waren
von ihrer Sache überzeugt und nicht im Mindesten beeindruckt von den üblichen
Gegenargumenten.
Sie war noch in die Lektüre vertieft, als Tess anrief, um zu fragen, ob
Beatrice bei ihrem Vater ein gutes Wort wegen eines kurzen Urlaubs einlegen könnte.
Tess, ihre beste Freundin im Labor, wohnte im Gegensatz zu Beatrice und ihrem
Vater in Seward. Seit Jahren schlug sie die Möglichkeit aus, eine der Wohnungen
neben dem Laborkomplex zu beziehen. »So gern ich mit euch allen arbeite«,
pflegte Tess zu sagen, wenn man sie darauf ansprach, »irgendwann muss der
Mensch auch mal allein sein, und wenn ich vierundzwanzig Stunden am Tag sieben
Tage in der Woche in unserem Brutkasten mit euch verbringe, werde ich verrückt.«
Das Bild, das Beatrice sich von Seward und von Anchorage machte, verdankte sie
größtenteils Tess, und es war unterlegt von dem Lachen und dem Trubel, der
auch jetzt im Hintergrund von Tess’ Anruf erklang.
»Klar«, erwiderte Beatrice abwesend.
»Du bist ein Schatz. Weißt du, ich habe da jemanden kennen gelernt...«
»Tess«, unterbrach Beatrice, was sie sonst nie tat, »was weißt du über
oberirdische Atomtests?«
»Was? Wie bitte?«
Beatrice gab ihr eine kurze Zusammenfassung von dem, was sie gerade las.
»Und damit verdirbst du dir den Abend? Bea, das ist doch schon ewig her und längst
Geschichte.«
»Aber Tess, dir ist doch klar, dass die Halbwertszeiten der Stoffe, die damals
in der Atmosphäre freigesetzt worden sind, wie Strontium oder Cäsium, in
Tausenden von Jahren gerechnet werden müssen und damit weder für dich noch für
mich oder unsere Kinder und Kindeskinder die möglichen Folgen vorbei sind. Mom
ist nicht die Einzige, die deswegen an Krebs gestorben sein könnte; es sterben
jedes Jahr immer noch Hunderttausende. Hier steht, dass die Strahlung um bis zu
siebzigfach höher war, als es Militär und Wissenschaftler dem Kongress gegenüber
je zugegeben haben.«
»Bea«, sagte Tess energisch, »du bist mit dem Marschieren gegen Atomkraft ein
paar Jahrzehnte zu spät dran. Das ist eine Schlacht, die längst geschlagen
ist. Was geschehen ist, ist geschehen. Hinterher sind alle immer klüger. Das
waren andere Zeiten, und die Entscheidungsträger von damals wussten garantiert
nicht über das wahre Ausmaß Bescheid. War’s das mit dem Geschichtsausflug für
heute?«
Es war hoffnungslos. Sie konnte Tess nicht begreiflich machen, was sie selbst
noch nicht zu Ende gedacht hatte. Beim Lesen des Buches war eine böse Vermutung
in ihr geweckt worden. Das Ganze hatte sie unvermittelt an ihre eigene Tätigkeit
erinnert, an die ihres Vaters, an die aller Mitarbeiter des Labors. Wenn damals
nur ein kleiner Teil der Bevölkerung eine ungefähre Ahnung von den
Konsequenzen radioaktiver Strahlung gehabt hatte und ein noch geringerer Teil
auch nur ansatzweise die Details kennen konnte, so galt das heute doppelt für
das, was hier in Alaska betrieben wurde: Genforschung. Und auch hier galt: Die
Entscheidungen darüber wurden nicht bei ihnen gefällt, in der
wissenschaftlichen Welt, in der sie aufgewachsen war. Die Entscheidungen trafen
wieder genau die gleichen Leute, die damals im Kalten Krieg das Sagen hatten.
War die heutige Generation von Beamten, Politikern und Militärs besser?
Natürlich konnte sie verstehen, warum Tess jetzt für dergleichen unausgegorene
Grübeleien keinen Sinn hatte. Das Neueste aus Tess’ regem Privatleben
rauschte an Beatrice vorbei, und sie versuchte sich darauf zu konzentrieren.
Aber die Rückseite eines alten Buches hatte sie in Gestalt seiner Autoren im
Griff, und sie konnte den Blick nicht mehr davon abwenden.
Rezension I Buchbestellung I home III04 LYRIKwelt © FVA