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Die weinende
Susannah
(Leseprobe aus: Die weinende Susanne,
Roman, 2002, Hanser)
Mein Herz
war sich der körperlichen Nähe des Besuchs bewusst und raste - wie der
Trommelwirbel im Zirkus, der die Gefährlichkeit des bevorstehenden Kunststücks
ankündigt. Tarararam! Babababam! Der schnauzbärtige Dompteur in Samthosen
steckt seinen Kopf ins Maul des Löwen. Nackt und aufgewühlt legte ich mich auf
die Decke und versuchte krampfhaft, mich zu beruhigen, indem ich der Berührung
meines Körpers mit der warmen nächtlichen Augustluft nachspürte. Ich winkelte
die Arme an und faltete die Hände über meinen Beckenknochen, die hervorstachen
wie Haifischflossen.
"Weißt du, wo wir hätten leben sollen, du und ich?"
Der Besuch interessierte sich nicht im mindesten für meine Nacktheit und fuhr
fort zu reden, als würde er einen Gedanken weiterspinnen, den er bisher für
sich behalten hatte.
"Wo denn?"
"In Alexandria. Um die Jahrhundertwende. Ich hab mal so ein Buch gelesen,
faszinierend. Wir hätten Bruder und Schwester sein sollen, die zusammen auf
Reisen gehen. Wahrscheinlich Engländer. Gut betucht, aber nicht übermäßig
reich. Zu reich wäre vulgär. Wir hätten in einem luxuriösen Apartmenthotel
gewohnt, mit stummen sudanesischen Dienern in weißen Kutten. Du hättest
gemalt, und ich hätte Reiseberichte verfasst. Nachts wären wir durch die Stadt
spaziert, hätten Haschisch geraucht und zwielichtige Clubs aufgesucht - extra für
dekadente Europäer wie uns. Wir wären bei den eingesessenen Nabobs zu Partys
eingeladen worden. Hätten unsere Affären gehabt. Und morgens hätten wir
zusammen auf dem Dach Tee getrunken. Na, was meinst du? Kennst du eine Epoche,
die besser zu deiner destruktiven Persönlichkeit passt?"
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Da fiel mir die Dokumentation
über die Entstehung des Universums ein, die kürzlich im Discovery Channel
wiederholt worden war.
"Ich würde gern im prähistorischen Sumpf leben, als das menschliche Leben
im Entstehen begriffen war."
Der Besuch drehte sich wieder zu mir um und legte sich, den Blick starr in den
Himmel gerichtet, neben mir auf den Rücken.
"Klingt interessant, auch wenn's da wahrscheinlich gestunken hat wie die
Pest."
Dass meine körperliche Präsenz ihn kalt ließ, empfand ich als stechende
Beleidigung, um das mindeste zu sagen. Was hatte ich denn anderes erwartet? Dass
er wie ein Latin lover über mich herfallen würde? Süße, perverse Sachen mit
mir machte wie ein raffinierter Franzose? Dass er angesichts meiner Nähe
erbeben würde wie ein Pennäler? Ich musste wohl sehr abstoßend sein. Dabei
sollen Männer, nach allem, was ich gehört und gelesen habe, einer nackten Frau
angeblich absolut nicht widerstehen können, und wenn sie noch so hässlich ist.
Lügen über Lügen.
Ich drehte mich auf die Seite, stützte mich auf den Ellbogen und heftete den
Blick auf das ruhige Gesicht des Besuchs, der auf dem Rücken neben mir lag.
Meine Nacktheit war mir nicht mehr peinlich, sie war unerheblich, inhaltlos wie
ein leerer Pappkarton. Die Nacktheit einer überdimensionalen, missgestalteten
Plastikpuppe.
"Naor."
"Was, Süße?", murmelte er, ohne mich anzusehen. Schlaff und
entspannt wie er war, kam seine Stimme nur als Flüs-
tern.
"Ich möchte dich was fragen."
Er nickte und schloss die Augen.
"Meinst du, dass sich mal irgendwer zu mir hingezogen fühlen könnte, ich
meine, jemand, der normal ist?"
"Was ist das denn für eine Frage?"
Die Gereiztheit, die in seiner Stimme mitschwang, verhieß nichts Gutes. Er wälzte
sich auf die Seite und nahm die gleiche Haltung ein wie ich, nur
spiegelverkehrt. So lagen wir einander Auge in Auge gegenüber, wie zwei
griechische Philosophen, die sich friedlich in der Abenddämmerung unterhielten.
Nur dass der eine Philosoph dumme Fragen stellte und der andere sauer war.
"Ich..."
Ich hätte nur zu gern auf das Herumgestotter verzichtet und frei von der Leber
weg gesagt, was ich zu sagen hatte, auch wenn es noch so schwer für mich war,
es auszusprechen.
"Ich weiß nun mal... das heißt, ich finde... dass ich abstoßend bin.
Ziemlich... Sehr... abstoßend. Und... du hast doch Erfahrung und... kennst dich
aus... Und da hab ich... da hab ich gedacht, vielleicht... könntest du's mir
sagen."
So. Jetzt war's raus. Ich atmete erleichtert auf.
"Was willst du jetzt von mir hören? Soll ich dir Komplimente machen? Dich
bemitleiden? Dir widersprechen, dir deine Empfindung ausreden? Hm?"
Ich spürte, dass ich rot wurde. Genau das hatte ich befürchtet. Jetzt war er
sauer auf mich, und zu Recht. Meine Frage musste sich wie pure Heuchelei angehört
haben. Wie sollte ich ihn von der Aufrichtigkeit meines Anliegens überzeugen?
"Ich will kein Mitleid von dir. Ich will nur, dass du mir offen und ehrlich
sagst, was du denkst."
Der bescheidene Kleinmut half mir nichts. Die Segel des Besuchs blähten sich
kampflustig.
"Was denkst du dir denn? Dass nur attraktive Leute vögeln, sich verlieben,
Kinder kriegen? Bist du total bescheuert? Du weißt doch, dass das purer Unfug
ist. Das ist so selbstverständlich, dass es mir schade ist um die Energie, hier
noch länger rumzutexten."
Ich nickte beschämt.
Natürlich war dies die längst bekannte Antwort auf meine Frage. Aber so hatte
ich sie nicht gemeint. Wie zum Teufel sollte ich ihm begreiflich machen, was ich
meinte? Ich konnte nur hoffen, dass auf einer irgendwie höheren Ebene eine
differenziertere Verständigung möglich wäre. Das Bedürfnis, verstanden zu
werden, ist ja so schwer zu befriedigen. Und so trügerisch! Verlockender noch
als die Liebe, als das Glück, als
der geschmeidige Luxuskörper des Besuchs. Und doch wird man am Ende falsch
verstanden und bleibt auf seinem innigen Wunsch sitzen - trotz aller
Kommunikationsakrobatik, die man vollführt hat. Ich wusste das.
Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Hanser