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Die Bilderspur
(Leseprobe aus: Die Bilderspur, Erzählung,
2004, Droschl)
Im dritten Jahr: Haut und Knochen mein Vater, nur
noch Ohren und Hände, die leben: Bei jedem metallischen Laut, jedem Schnalzen
der Tür, ballen sich seine Finger zu Fäusten, pressen sich eng an die Brust,
als wollte er Widerstand leisten. Zu viele Eingriffe, murmelt Edith, zu viel
Schmerz. Wir haben das Lesen, Sprechen aufgegeben, Vater reagiert nicht mehr, hält
seine Augen geschlossen. Kein Bild entlockt ihm Malen, kein Druck Gegendruck. Wäre
sein Atem nicht an die Maschine gebunden, würden wir sein Sterben vergessen. An
seinem Becken zwei Becken, zwei Löcher, vier breit, vier hoch, vier tief; man
hat Medikamente verschrieben, zeitweises Braten der anderen Seite, es scheint
sie jedoch nur zu düngen. Man sagt, sie würden Vater verschlucken, Bissen um
Bissen. Er ist mir fremd im Sterben. Öffnet er kurz seine Augen, erkenne ich
ihn nicht. Eine eigenartige Stille umgibt ihn, zwingt mich, seine Stille mit
meiner zu übertreffen. Wir sind müde. Edith bittet mich, mit ihm zu sprechen.
Ich sage, ich wüsste nicht, worüber. Sie sagt, über Vergangenes, Gegenwärtiges,
die Stille durchbrechen, Sprechen zu üben, nicht Schweigen. Ich sage, ich wüsste
nicht, in welcher Sprache. Einerlei, sagt Edith. Ich sage, ich hätte nichts zu
sagen. Edith resigniert. Vater gähnt, sein Oberkiefer springt aus dem
Unterkiefer, die Zahnkufen reiben auf der Zunge, Edith unterdrückt ihr
Schweigen, sagt, sie wolle einen Arzt rufen. Fäustlinge vor der Brust, ein
Paar, eng aneinandergedrängt. Die Augen weit geöffnet. Ich versuche, seinen
Kiefer wieder einzurenken, es gelingt mir nicht; ich denke, ich möchte nicht
mit ihm sprechen, ich müsste sagen, fremd werde er in der Fremde sterben.
Während wir den Orthopäden erwarten, fragt Edith, ob ich mich von Vater
verabschiedet hätte. Schlucke meine Orakelspiele, wache nicht mehr nachts.
Warte, warte worauf. Lausche dem Krachen des Kiefers; der Kieferorthopäde mit
aufgekrempelten Ärmeln, Gummihandschuhen, wendet mir seinen Rücken zu, renkt
ein, bevor er den Raum verlässt, nicht mehr lange, Vater werde das Jahr nicht
überleben.
Ich hätte gesagt, stets stirbt der Fremde, nie der Nächste, hätte ich
gewusst, in welcher Sprache.
Rezension I Buchbestellung I home II05 LYRIKwelt © Droschl/A.K.