Hemmersmoor von Stefan Kiesbye, 2011, Tropen

Stefan Kiesbye

Hemmersmoor
(Leseprobe aus: Hemmersmoor, Roman, 2011, Tropen-Verlag).

MARTIN

Wenn wir im Oktober das Erntedankfest begingen, fanden nach

dem Gottesdienst Feierlichkeiten in Fricks Krug statt, und am Nachmittag,

als die Tische und Bänke vom Bier klebrig waren, liefen die

Dorfbewohner auf den Platz hinaus, um dem alljährlichen Kochwettbewerb

beizuwohnen.

Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot –

das alte Sprichwort beschrieb die Kolonisierung des Teufelsmoors,

aber unser eigenes Brot war noch immer hart und grau und sauer.

Sich für den Kochwettbewerb anzumelden war eine kostspielige

Angelegenheit; die Regeln schrieben vor, dass jedes Gericht für mindestens

vier Dutzend Leute zubereitet werden musste. Es gab drei

Disziplinen: bester Eintopf, bester Braten und bester Butterkuchen.

Für Butterkuchen war unser Bäcker Meier berühmt, und er lieferte

seine Backbleche zu Beerdigungen wie zu Hochzeiten aus. Bäcker

Meier gewann den Wettbewerb jedes Jahr, ohne jede Konkurrenz,

denn wer wollte sich mit ihm messen?

Der Eintopf-Wettbewerb wäre für einen Fremden – aber es kamen

nie irgendwelche Fremden – ein unappetitliches Schauspiel gewesen.

Man muss im Norden aufgewachsen sein, um Labskaus oder

Birnen, Bohnen und Speck wertschätzen zu können.

(...)

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