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Nachtfahrt
(Leseprobe aus: Next Door Lived a Girl/Nebenan ein Mädchen,
Roman, 2005/2008, J. Seeling Verlag).
Wir holen Johannes am Schlachthof ab und ohne unsere Lampen anzuschalten, fahren wir in den Wald hinein und zu den Munitionshäusern hinüber.
»Sie wird sich denken, wer es ist«, sagt Ralf.
»Aber sie wird’s nicht beweisen können.« Thomas stützt seine Ellbogen auf den Lenker und fährt voran.
»Herr Henne wird ganz schön sauer auf uns sein«, versucht es Ralf noch einmal.
»Wegen Frieda?«, fragt Johannes. »Auf keinen Fall.«
Bevor wir zur Siedlung kommen, verstecken wir unsere Räder zwischen den Bäumen. Den Rest des Weges kriechen wir an Hecken und Zäunen vorbei zu Friedas Haus und hoffen, dass uns keine Hunde nachkommen.
Zwei Häuser sind bereits dunkel. Durch Herrn Hennes Gardinen dringt ein schwacher, gelber Schein. Friedas Fenster haben keine Gardinen.
Wir klettern über ihren Holzzaun. Die Luft ist kühl und feucht und mit dem Geruch tropfender, schwitzender Pflanzen, obszöner Blumen, die nur des Nachts blühen, getränkt.
Ein graues Flimmern ist sichtbar und Thomas und ich schleichen näher ans Fenster heran und schauen im Schutze eines Wacholderbusches in Friedas Zimmer. Nur der Fernseher ist angeschaltet. Wir hören die leidenschaftlichen Stimmen zweier Männer, Schüsse werden abgefeuert, Pferde galoppieren und schließlich ertönen die schrillen Kriegsschreie der Indianer. Langsam machen wir uns auf den Rückweg, sammeln kleine Steine und werfen den ersten gegen das Fenster. Der Aufprall ist kurz und hart, aber so laut, dass wir Frieda oder einen ihrer schläfrigen Nachbarn an der Türschwelle erwarten.
Das Flimmern dauert an, aber nichts rührt sich.
»Lass mich das machen«, flüstert Johannes. Er wirft einen Stein, dann einen zweiten. Der letzte scheint das Fenster fast zu zerbrechen. Wir ducken uns hinter die Büsche und warten auf Friedas meckernde Stimme. Aber nur ein Hund fängt zu heulen an, und wir können seine Kette über den Kies schleifen hören.
»Die pennt«, sagt Johannes. Dann klettern er, Thomas und ich an der Regenrinne empor aufs Dach. Ralf und Dieter bleiben am Zaun stehen und schmeißen mit Steinen. Wir pinkeln in Friedas Schornstein. Wir lachen in Erwartung ihrer Tiraden.
Schließlich geht Dieter auf Friedas Tür zu, klingelt und rennt in die Dunkelheit zurück. Der Nachbarhund bellt und erst, nachdem er sich wieder beruhigt hat, können wir das dünne Wimmern hören. Es klingt nach halb geformten Wörtern und kommt aus dem Inneren des Hauses.
»Die alte Schrulle hat Angst.« Johannes tanzt auf dem Dach herum, seine dunkle Gestalt bewegt sich vor dem Hintergrund des etwas helleren Himmels. »Sie fürchtet sich zu Tode.«
Thomas steht still. »Das ist sie nicht«, sagt er. Das Wimmern steigt an, wird ein lautes Heulen, verstummt, und beginnt erneut. Immer und immer wieder geht das Heulen los, und jedes Mal wird es etwas lauter, bis es zum Schluss so schrill ist wie eine Bandsäge.
Thomas’ kalte Hand fasst mich am Arm. »Wir hauen besser ab, bevor alle wach werden.«
Wir klettern schnell vom Dach. Die Regenrinne und unser Atem rasseln. Dann laufen wir in die Finsternis hinein und erreichen unsere Räder. Das Heulen folgt uns wie die Stimme eines wütenden Richters. Sie ruft, wir sollen zurückkommen, sie verflucht uns und befiehlt ihren Schergen, nach uns zu suchen.
Aber nichts passiert. Wir sind die einzigen, die das Heulen zu hören scheinen. Der Wachhund knurrt nur ein Mal und verharrt dann still. Die dunklen Häuser bleiben dunkel, und die erleuchteten Fenster öffnen sich nicht. Niemand außer uns scheint sich um den Lärm zu kümmern.
»Was kann das sein?«, fragt Ralf außer Atem.
Thomas schüttelt seinen Kopf, und ganz plötzlich verstummt das Heulen. Das graue Licht flimmert immer noch in Friedas Zimmer.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Jan Seeling Verlag