Zweit Seiten von Jutta Kieber, 2003, GeestJutta Kieber

Wie es sich gehört!?
(Leseprobe aus: Zwei Seiten, 2003, Geest-Verlag)

Ihr Blick flackert zur Schießbude hinüber, verhakt sich in der Szene.
"Gewinnen Sie hier Ihren ganz persönlichen Kuschel-Bären, den 
Jahrhundert-Teddy. Sie können es schaffen!"
Lauthals übertönt die Männerstimme schrille Kirmesgeräusche.
"Und wieder ein Volltreffer, meine Herrschaften! - Für Dich, mein Kind!"
Nussbraune Zöpfe - rote Schleifen eingeflochten. Kinderaugen strahlen den 
Mann an. Das Mädchen bedankt sich. Tief ist der Knicks der Kleinen.
Nein! Das Nicht! Grelle Erinnerungen. Sie erstarrt.
Schon einmal - vor einer Ewigkeit.
Rotgelockt ist er, voller Sommersprossen. Nur auf der Durchreise, 
unangemeldet, lustig und amüsiert über ihr Dorfleben.
"Ein Abenteurer", meint Mutter. "Dein Kuss-Cousin! Es wird gehen, wenn man 
zusammenrückt. Veronika hat ein großes Bett. Und nur für eine Nacht!"
Seine Mama sei ein verrücktes Huhn gewesen. Konnte ihren Büstenhalter auf 
den Kronleuchter werfen, wenn ihr danach war. Mochte keine Ordnung halten. 
Erstaunlich, wie er ihr gleiche. Das rote Haar und so. Er sei schon ein 
fescher junger Mann. "Ja, ja, der Krieg - hat zerstörte Familien 
hinterlassen!"

Saubere weiße Bettbezüge auf den Feldbetten. Reinlich und anständig muss man 
sein, auch ohne Mann und Vater.
"Armut schändet nicht - und Höflichkeit kostet nichts!"
Sie hört die Worte deutlich.

Dieser Traum von damals, so präsent wie der Losverkäufer. Riesenarme 
verschnüren sie zu einem Paket, mit einem nassen Bindfaden. Sie will 
schreien. Ihr Mund ist verklebt, mit Leimpapier verklebt.
Sie reißt die Augen auf. Mutter püstelt ihr gleichmäßiges Schnarchen in die 
Morgendämmerung.
Ihr schmächtiger Körper zuckt, wird an die Wand gepresst. Eine starke Hand 
verschließt ihren Mund. Die andere drückt ihre Knie zusammen.
"Psst, sei ruhig, sonst wacht Deine Mutter noch auf. Ich tu Dir nichts!"
Sein Bauch klebt an ihrem Rücken. Warmes Unbekanntes schiebt vor und zurück. 
Durch ihre Schenkel. Seine Zunge leckt das gescheitelte Haar an ihrem 
Hinterkopf. Fauliger Mundgeruch. Sie will den Kopf wegdrehen, würgt. Kurz 
ist die Flucht in wohlige Wärme - ihr Urin verliert rasch seinen Schutz.

"Auch das noch! Ich muss den Frühbus in die Stadt kriegen. Euer Plumpsklo 
ist doch ganz romantisch!" Er macht sich aus dem Bett. Grinsen beim 
Abschied.
Ängstliche Starre. Sie steht vor Mutter. Sie hat doch noch nie gestottert. 
Nass das Nachthemd, mit großen Flecken besetzt. Sie zittert. Sie friert.
Schämen solle sie sich, wo sie doch bald in die Schule käme. "Und sag Dank 
für die Schokolade. Mach einen Knicks, wie sich das gehört! - Wie bockig das 
Mädchen manchmal sein kann!"
Die Ohrfeige aus Mutters Hand bringt die zerzausten Zöpfe zusätzlich 
durcheinander.

Tränen? Damals nicht.
Mit dem Handrücken wischt sie über die feuchten Wangen.

Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © J.K.