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Der falsche Inder
(Leseprobe aus: Der falsche Inder, Roman, 2008,
Edition
Nautilus).
Mit neunzehn Jahren wurde ich ins Gefängnis gesteckt. Dort gab es unzählige Wände, die ich vollschreiben konnte. Eigentlich gab es nur Wände. Fenster war ein Fremdwort. Wie Sonne und Frauen. Man konnte nur erahnen, dass es irgendwo da draußen Sonne geben musste. Auf dieser dunklen Seite der Erde habe ich den ersten Vers gelesen. Er stand in meiner ersten Zelle an der Wand: »Das Gefängnis ist für mich eine Ehre, die Fessel ein Fußband und der Galgen die Schaukel der Helden.« Sein Verfasser musste jede Hoffnung schon verloren haben. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Damals hatte ich keineswegs die Absicht, als Held am Galgen zu enden. Nach einem Jahr schrieb ich denselben Vers in einer anderen Zelle und dachte nichts dabei. An den Wänden stand einfach alles geschrieben. Man konnte viel Zeit damit verbringen, die Weltanschauung einzelner Gefangener zu erkunden, ebenso ihre ethnische oder religiöse Zugehörigkeit.
»Arbeiter der Welt, vereinigt euch!« - Das war ein Kommunist. »Kurdistan soll frei sein!« - Ein Kurde.
»Gott schütze die Gläubigen!« - Ein Religiöser.
»Komm, Heiliger Al-Mahdi, rette die Erde!« - Ein Schiit.
»Ich will zu meiner Mama.« - Einer wie ich, der keine Ahnung hatte, warum er da war.
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © A.K./Edition Nautilus