Omar Khayyȃm

Rubaiyat
(Leseprobe aus dem Zehnten Buch: Rubaiyat, Die Lieder und Sprüche des Omar Châjjam, 1881, Schlettersche Buchhandlung - Übertragung Friedrich von Bodenstedt)..

1.
Weißt Du, warum so beständig der Hahn
Seine Stimme erhebt bei des Morgens Nahn?
Er kräht, daß schon wieder die Nacht entschwindet
Und der kommende Tag Dich nicht klüger findet.

2.
Der Mensch, dem Du am meisten schenkst Vertrauen,
Zeigt sich als Feind, kannst Du ihn ganz durchschauen.
Der Kluge sucht sein Glück im eignen Haus,
Bei vielen Freunden kommt nicht viel heraus.

3.
Laß Dich Tänzer und Wein und Huris erfreuen, wenn´s deren giebt,
Sieh die Gräser und Blumen am schimmernden Bach sich erneuen, wenn´s deren giebt,
Denn nichts Anderes können die Freuden des Paradieses Dir bieten,
Dabei laß Dich getrost von den Strafen der Hölle bedräuen, wenn´s deren giebt.

4.
Eine Nachtigall, die trunken zum Garten flog,
Wo ein Rosenkelch über den andern sich bog,
Raunte in´s Ohr mir: Erfasse das Glück
Des Lebens im Fluge: es kommt nicht zurück.

5.
Ein Herz, das nicht die Kraft hat zu entsagen,
Hat stets zu leiden, ist stets zu beklagen.
In aufgeräumten Herzen nur wohnt Freude,
Sonst zieht die Reue ein mit Noth und Plagen.

6.
Was hab´ ich von den Schätzen dieser Erde gewonnen? Nichts!
Was blieb in der Hand von der Zeit, die entronnen? Nichts!
Ich bin ein Freudenfeuer, doch kommt es zum Sterben - Nichts!
Ich bin ein Lebensbecher, doch bricht er in Scherben - Nichts!

7.
Der die Veste der Erde gegründet
Und das Licht der Sterne entzündet,
Wie viel Schmerzen, Wunden und Plagen
Gab er den Herzen der Menschen zu tragen?
Wieviel süße Rubinenmunde
Begrub er im schmutzigen Erdenschlunde,
Wie viele Locken voll holder Düfte
Wurden durch ihn ein Raub der Grüfte!

8.
Wenn ich sterbe, so laßt jede Spur verschwinden,
Wo in der Erde mein Körper zu finden,
Ein gutes Beispiel der Welt zu geben:
Doch meinen Staub netzt mit Saft der Reben.

9.
Einen Töpfer sah ich gestern im Basar,
Der ganz wüthig im Stampfen von Thonerde war;
Diese schien ihm zu sagen: Freund, mich zu erweichen,
Behandle mich menschlich, ich war auch Deinesgleichen!

10.
Da jeder Tag und jede Nacht
Begeht an Deinem Leben Raub:
Laß keinen Tag und keine Nacht
Dich hüllen vor dem Tod in Staub.
Bring Tag und Nacht in Freude hin,
Denn ach! Du wirst längst ferne sein,
Denn Tag und Nacht noch wechseln wird
Mit Sonnenglut und Mondenschein.

11.
Nur mit Menschen von Geist und Gemüth geh´ um,
Halt Dich möglichst fern von Allem, was dumm.
Reicht ein kluger Mann Dir Gift, so genieß es;
Reicht ein Dummkopf Dir Gegengift, so vergieß es!

12.
Wir sind zu spät für diese kreisende Erde geboren
Und haben darin alle Menschenwürde verloren.
Da das Leben nicht läuft nach unsern Wünschen auf Erden,
Ist´s besser zu enden als übersättigt zu werden.

13.
Prüf´ ich genau die Vertheilung der Güter auf Erden,
Seh´ ich die Unwürdigen meist am gesegnetsten werden.
Mir, allächtiger Gott, ward nichts zu theil
Von Allem, worin ich erblickte mein Heil.

14.
Wie viel Nächte vergingen mir ohne Schlaf,
Weil der Schmerz unerträglicher Trennug mich traf!
O, erhebe Dich, ehe der Tag sich erhebt,
Der noch oft sich erhebt, wenn Du ausgelebt.

15.
So oft uns ein Trank des Glücks erfrischt,
Wird uns gleich auch einer vom Unglück gemischt.
Kein Salz wird für ein Stück Brot gefunden,
Ohne schmerzend zu fallen auf alte Wunden.

16.
Wein, Brot, ein gutes Buch der Lieder:
Ließ ich damit selbst unter Trümmern mich nieder,
Den Menschen fern, bei Dir allein,
Würd´ ich glücklicher als ein König sein.

17.
Einen Töpfer hab´ ich beim Werke gesehen
Den Krügen Hälse und Henkel zu drehen;
Er nahm den Stoff zu den Thongeschöpfen
Aus Bettlerfüßen und Königsköpfen.

18.
Ein Scheich sprach zu einem Weibe: Du bist trunken
Von Sünde und hast von Scham keinen Funken.
Die Frau sprach zum Scheich: Ich bin, wie Du meinst,
Aber bist Du in Wahrheit so fromm, wie Du scheinst?

19.
Wenn der Erdball, während ich schliefe,
Versänke in grundlose Tiefe;
Es kümmerte mich nicht mehr,
Als ob es ein Gerstenkorn wär´!
Gestern blieb ich als Pfand in der Schenke
Wegen Schuld für genoss´ne Getränke,
Und der Wirth sprach immer zu mir:
Welch´ kostbares Pfand hab´ ich hier!

20.
Geläng´ es, daß die ganze Erde
Durch Deine Macht bevölkert werde:
Es zählte nicht so zu dem Größten,
Wie Ein unselig Herz zu trösten.
Kannst Du durch freundliches Beginnen
Einen freien Mann zum Sclaven gewinnen,
So hast Du mehr gethan im Leben
Als tausend Sclaven die Freiheit zu geben.

21.
Erfreut es Dich, leidlose Herzen zu plagen,
So wirst Du bald Leid um Dich selber tragen,
Wirst unglücklich werden, dein Leben lang trauern
Um Deinen Verstand, und bist nicht zu bedauern!

22.
So oft Dir zur Hand ein guter Wein,
Ob in Gesellschaft oder allein:
Trink´ ihn, um Prahlern und Schwätzern zu zeigen,
Daß sie besser thäten zu trinken und schweigen.

23.
Bei einer Hammelkeule, Brot und Wein,
Mit einer tulpenfarbigen Schönen allein
In Einsamkeit den Tag zu verleben,
Ist ein Glück, das nicht jedem König gegeben.

24.
Thust Du Dich in einer Stadt hervor,
So haßt und schmäht Dich jeder Thor.
Und kommst Du nicht den Menschen näher,
So giltst Du ihnen als heimlicher Späher.
Am klügstem bleibst du ganz allein,
(Magst Du Elias selber sein)!
Daß Dich kein Mensch kennt, keinen Du:
Dann lassen Alle Dich in Ruh!

25.
Wenn mir das Schicksal gelassen die Wahl,
Nie wär´ ich in diese Welt der Qual,
Des Guten und Bösen gekommen, zu leiden,
Darin zu weilen, daraus zu scheiden!

26.
Trink Wein! Sieh´, wie er in Réy die Wangen
Der schönsten Mädchen von Perlen läßt prangen!
Ich will die Fesseln nicht länger tragen,
In welche mich Zwangsgelübde geschlagen;
Ich breche sie gewaltsam; sie machen mich zu enthaltsam.
´s ist besser hundert Versprechen, als einen Krug Wein zu brechen.

27.
Die Geliebte ist da, der Wein und der Morgen
Nun mache Enthaltsamkeit uns keine Sorgen!
Wie oft willst Du die Sage von Noah erzählen?
Schenk´ ein, hör´ auf meine Seele zu quälen!

28.
Horch! Der Morgenruf ladet zum Trinken ein;
Das Weinhaus ist nahe, geh´, bring´ mir Wein!
Schweig´ von Gebeten und heiligen Sagen heute,
Laßt uns trinken und reden als vernünftige Leute.

29.
Der Morgen kommt; Du meines Herzens Wonne,
Bring´ Wein und mit Gesang begrüß´ die Sonne;
Denn diese stete Reihenfolge von Tagen
Hat schon viel tausend Herrscherthrone zerschlagen.

30.
Mach´ mit trunkenen Thoren Dich nicht gemein,
Halt´ vor den Weisen den Leumund rein,
Aber trink´ ohne Furcht, denn so oder so:
Wer zur Hölle bestimmt, wird des Himmels nicht froh.

31.
Ich wollte, Gott schüfe die Welt auf´s Neu´,
Gleich jetzt; dann hät´ ich ihn ohne Scheu:
Mich ganz aus dem Buche des Lebens zu streichen,
Oder mir bessere Mittel zum Leben zu reichen.

32.
Herr, öffne mir ein Pförtchen Deiner Gaben!
Den Menschen möcht´ ich nichts zu danken haben.
Nimm das Bewußtsein meinem Kopf und Herzen
Im Wein, daß sie nicht fühlen ihre Schmerzen.

33.
O Du, der Du verdammt, in der Hölle zu brennen,
Wie magst Du Dich als Fürbitter Omar´s bekennen!
Wie magst Du Gott bitten, sich sein zu erbarmen!
Was hat der Allmächt´ge zu thun mit Dir Armen!

34.
Mir will ohne Wein nicht das Leben behagen;
Eine Last ist mein Leib, ohne Wein nicht zu tragen.
Ich bin Sclav des Moments, wo der Schenke mir sagt:
"Hier ist noch ein Glas" - und die Hand mir versagt.

35.
Mir bleibt, Dank dem Wein, noch ein Lebensfunken.
Doch in Zwietracht find´ ich Die Menschheit versunken,
Mir bleibt noch ein Weinrest von letzter Nacht,
Doch ich weiß nicht, wann der Rest meines Lebens vollbracht.

36.
Hat ein ehrlicher Mannsein eignes Stück Brot,
Warum fügt er sich in eines Andern Gebot,
Der seiner nicht werth? Warum muß er ihm dienen,
Oder gar Seinesgleichen, mit Demuthmienen?

37.
Da vom Morgenwind mein Herz Deinen Duft aufgefangen,
Hat es mich verlassen, um zu Dir zu gelangen.
Nun mag es meiner, des Kranken nicht weiter gedenken,
Um sich, voll Deines Dufts, ganz in Dich zu versenken.

38.
Ueber "Sein" und "Nichtsein" steht viel geschrieben,
Doch ist´s meinem Geiste ein Räthsel geblieben:
Der leere Begriff geht ihm schwerer ein
Als dem durstigen Munde ein voller Krug Wein.

39.
Dieses Weltall, mit dem wir uns schwindelnd drehen,
Ist wie eine Laterne anzusehen,
Drin die Sonne als Licht brennt, in bunten Reigen,
Uns Trugbilder - unseresgleichen - zu zeigen.

40.
Selbst der Tugend und Wahrheit erhabenste Meister,
Die der Welt geleuchtet als Führer der Geister,
Vermochten keinen Schritt aus der Nacht zu thun,
Erzählten uns Fabeln und gingen zu ruhn.

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