Die Sirenen von Bagdad
(Leseprobe aus:
Die Sirenen von Bagdad, Roman, 2008,
Nagel & Kimche
- Übertragung Regina Keil-Sagawe).
In den Abendnachrichten war von einer amerikanischen Drohne die Rede, die verdächtige Signale in Höhe des Festsaals aufgezeichnet hätte. Genauere Angaben machte man nicht. Es wurde lediglich erwähnt, dass kurz zuvor terroristische Aktivitäten aus dem Sektor gemeldet worden wären, eine Unterstellung, gegen die die Anwohner sich jedoch entschieden verwahrten. Die amerikanische Führungsriege versuchte dennoch weiterhin, sich zu rechtfertigen, indem sie zusätzliche Sicherheitsargumente vorbrachte, bis sie es irgendwann leid war, sich nur lächerlich zu machen, das Versehen am Ende bedauerte und den Familien der Opfer ihre Entschuldigung aussprach.
Das war alles.
Eine Meldung mehr, die die Runde um den Planeten machen würde, um alsbald in Vergessenheit zu geraten, da die nächsten Schreckenstaten nicht lange auf sich warten lassen würden.
Aber in Kafr Karam hatte der Zorn das Kriegsbeil ausgegraben: Sechs junge Männer baten die Gläubigen, für sie zu beten. Sie versprachen, ihre Toten zu rächen und erst heimzukommen, wenn der letzte boy in einem Plastiksack den Rückflug angetreten hätte. Nach den üblichen Umarmungen verschwanden die Krieger in der Nacht.
Einige Wochen später wurde der Distriktskommissar an Bord seines Dienstfahrzeugs getötet. Und noch am selben Tag flog ein Panzer über einer selbstgebastelten Mine in die Luft.
Kafr Karam hatte seine ersten Schahids zu beklagen – sechs auf einen Streich. Sie waren von einer Patrouille überrascht worden, während sie sich zum Angriff auf einen Checkpoint rüsteten.
Im Dorf erreichte die Spannung den Siedepunkt. Jeden Tag verschwanden spurlos ein paar junge Männer mehr. Ich ging schon gar nicht mehr auf die Straße, denn ich konnte weder den Blick der Alten ertragen, die sich wunderten, mich noch im Dorf zu sehen, während die Mutigen meines Alters schon im Widerstand waren, noch das höhnische Grinsen der Jugendlichen, das mich an die Zeiten, als ich bei meinen Klassenkameraden als Weichling galt, erinnerte. Ich verschanzte mich in meinem Zimmer und flüchtete mich in die Bücher oder Kassetten, die Kadem mir zukommen ließ. Sicher, ich kochte vor Wut, ich hatte einen Mordszorn auf die Alliierten, aber ich sah mich nicht blindlings auf Unbeteiligte schießen. Krieg, das war nicht mein Ding. Ich war nicht für die Gewalt gemacht – ich dachte, ich würde sie eher tausend Jahre lang ertragen können, als eines Tages selbst zur Gewalt zu greifen. Doch eines Nachts brach erneut der Himmel über mir ein. Im ersten Moment dachte ich, es sei eine Rakete, als die Tür zu meinem Zimmer mit Getöse aus den Angeln gehoben wurde. Mir blieb keine Zeit, die Hand zum Lichtschalter auszustrecken, da wurde ich schon von einem Schwall von Flüchen begraben und von hellem Scheinwerferlicht geblendet.
Ein Trupp GIs brach polternd in meine Kammer ein. «Liegen bleiben! Rühr dich nicht, oder ich knall dich ab! … Hoch mit dir! … Liegen bleiben! Aufstehen! Hände über den Kopf! Keine Bewegung!» Taschenlampen nagelten mich ans Bett, Gewehrläufe hielten mich in Schach. «Rühr dich nicht, oder ich blas dir das Hirn aus dem Schädel!» Dieses Gebrüll! Grausam. Wahnwitzig. Zerstörerisch. Es nahm einen Faser für Faser auseinander, ließ einen sich selbst fremd werden. Arme rissen mich aus dem Bett und schleuderten mich durchs Zimmer, andere fingen mich auf, pressten mich gegen die Wand.
«Hände hinter den Rücken!» Was hatte ich getan? Was war los? Die
GIs brachen meinen Schrank auf, leerten die Schubladen, verteilten meine Sachen
mit Fußtritten kreuz und quer über den Boden. Mein altes Radio löste sich unter
einem Stiefeltritt in seine Bestandteile auf. Was sollte das? «Wo hast du die
Waffen versteckt, du Hundesohn?» «Ich habe keine Waffen.
Hier
gibt es keine Waffen.» «Das werden wir gleich sehen, du Mistkerl. Schafft mir
diesen Gauner zu den andern.» Ein Soldat packte mich am Nacken, ein anderer
rammte mir sein Knie in den Unterleib. Ich wurde von einem Tornado gepackt, von
einem Tumult in den anderen geschleudert. Was mir widerfuhr, musste ein Alptraum
sein – als wäre ich ein Schlafwandler, der von Poltergeistern überfallen wird.
Dumpf nahm ich wahr, dass man mich auf die Terrasse schleifte, dann die Treppe
hinunterstieß. Ich hätte nicht sagen können, ob ich stolperte oder schwebte. Im
ersten Stock ging es ähnlich zu. Das Geheul meiner Neffen übertönte den
Lärmpegel. Ich hörte Bahia, meine Zwillingsschwester, schimpfen, bevor sie jäh
verstummte, vermutlich hatte sie ein Gewehrkolben oder ein Rangerstiefel zum
Schweigen gebracht. Meine Schwestern drückten sich zusammen mit einer
halbnackten, blassen Kinderschar im Vestibül herum. Aischa, die Älteste, hielt
ihre Kleinsten im Arm. Sie zitterte wie Espenlaub und merkte nicht, dass der
Ausschnitt ihres Nachthemds den halben Busen freigab. Rechts von ihr schwankte
Afaf, die Schneiderin, schlaftrunken hin und her, die Finger an ihre Bluse
gepresst. Grob aus dem Tiefschlaf gerissen, hatte sie ihre Perücke auf dem
Nachttisch vergessen, ihr kahler Schädel glänzte im Deckenlicht wie ein
Beinstumpf. Wie sie ihren Kopf einzog, sah sie aus, als wolle sie sich im
eigenen Körper verkriechen, so sehr schämte sie sich. Bahia hielt tapfer durch.
Sie hatte einen Neffen auf dem Arm und bot dem Gewehr, das auf sie gerichtet
war, stumm die Stirn, das Haar zerzaust, das Gesicht blutleer, eine feine
Blutspur lief ihr über den Nacken. Ich spürte, wie meine Beine nachgaben. Meine
Hand suchte vergeblich nach Halt.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Haymon