Opfer und Henker von Imre Kertész, 2007, Transit

Imre Kertész

»Weltbürger und Pilger«
(Leseprobe aus: Opfer und Henker, Prosa, 2007, Transit - Übertragung Ilma Rakusa)

Er wußte nicht genau, warum er seinen Bruder haßte. Vermutlich haßte er ihn von Anfang an, seit dessen Geburt. Er war fremd, störte die Welt. Schmälerte seine, Kains, Rechte. Die Gefühle sagten etwa dies: Er ist da, und weil er da ist, ist es für mich eng geworden. Doch wäre es übertrieben, alles nur darauf zurückzuführen. Gewöhnlich verzeiht der ältere Bruder dem jüngeren mit den Jahren, und die Melancholie des Verzeihens … Liebe ist im Grunde genommen nur die Lösung eines bestimmten Problems auf eine bestimmte Weise.

Nun, Kain löste die Sache anders. Wie es seiner Natur entsprach. Mit Melancholie hatte er nichts zu schaffen: Sie stand seiner eintönigen, monomanen Gefühlswelt denkbar fern. Er beobachtete seinen Bruder beim Essen und Schlafen, beobachtete, wie er sich unter den Menschen bewegte und wie er die Schafe hütete. Und alles, was er sah, reizte ihn. Der Bruder machte es anders als er. Nicht schlecht, aber anders. Das reizte ihn. Er wußte nicht warum. War er doch kein Intellektueller, der über seine Regungen nachgrübelt. Er war Ackerbauer. Und so brauchte er die Sache auch nicht zu komplizieren, relativ einfache Gründe reichten ihm aus: »Dem dort – immer nannte er den Bruder der dort – gelingt alles. Mir gelingt nichts.« Das war natürlich übertrieben. Der Bruder hatte es mit seinen Sachen nicht weiter gebracht als er mit seinem Acker. Beide waren sie ledig und lebten gleichermaßen bescheiden. Doch Kain dachte: »Der dort ist glücklich. Ich aber, hol’s der Teufel, bin unglücklich.« Und so war es auch. Er beobachtete seinen Bruder, wobei die Muskulatur hinter seinem Ohr sich anspannte, seine Augen sich verengten, sein Gesicht sich verfinsterte. Wäre Abel fremd und eine Frau gewesen, könnte man mit Sicherheit davon ausgehen, daß er sich in ihn verliebt hätte – dumpf, hoffnungslos, gewaltsam; doch da sein Bruder ein Mann war, haßte er ihn. Haßte ihn dumpf, hoffnungslos, gewaltsam. Schließlich tut jeder jedes auf seine Weise.

Auch der dort mochte seinen Bruder nicht besonders. Daß er ihn geliebt hätte, wäre – obwohl er ein sanfter Mensch war – eine allzu kühne Behauptung. Eine noch kühnere, er hätte ihn gehaßt. Er war ein Eindringling. Sein Bruder aber eine feste Größe. Bei seiner Ankunft war er bereits da – unzweifelhafte Wirklichkeit. Verglichen damit war er selbst schierer Zufall. Recht auf den Boden hat, wer zuerst kommt. Und wer stärker ist. Sein großer, grober Bruder mit seinem Körper, seinem Geruch, seinen winzigen entzündeten Augen – nein, Abel konnte sich nie aus dem Wirrwarr von Anziehung und Abstoßung befreien.

Im großen und ganzen fühlte er dies. Erstens: fürchtete er sich vor ihm. Zweitens: verachtete er ihn. Drittens: verehrte er ihn. Er hätte ihm gern geglichen. Er wußte, daß er ihm nicht glich, daß er anders war als Kain, nämlich Abel, und das hielt er für ein großes Vergehen. Wie sein Bruder es ihm einredete. Er ließ zu, daß der andere ihm seine Meinung aufzwang. Schuldig fühlte er sich nicht, weil er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen, sondern weil man ihn beschuldigte. Das war unbeholfen. Andererseits irgendwie auch bequem. Außerdem fühlte er sich in Sicherheit, weil er ein gutes Verhältnis zu Gott hatte. Wenn er ihm Schaffett opferte, stieg der Rauch immer senkrecht empor. Das wollte etwas heißen. Manchmal allerdings erhaschte er einen Blick seines Bruders und er dachte bei sich: Warum schaut er so? Das wird noch böse enden. Dann aber zuckte er mit der Schulter und lächelte. In seinem Lächeln war etwas Träges, Provozierendes, fast Schamloses. Als würfe er den Sack vom Rücken und pfiffe auf jede Verantwortung, In solchen Momenten schien er ganz er selbst zu sein, Abel.

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