Die toten Schwestern von Paul Kersten, 2008, Lilienfeld

Paul Kersten

Die toten Schwestern
(Leseprobe aus: Die toten Schwestern, Roman, 2008, Lilienfeld Verlag).

Über Severins Laden stand nicht „Schlachterei“ wie bei Kellermann.
Bei Severin stand in großen goldenen Buchstaben „Fleischermeister“
über dem Eingang, und im Schaufenster hing ein eingerahmtes
Diplomzeugnis. Severin hatte auch als erster Schlachter in der Stadt
eine moderne Kühlanlage im Schaufenster, weiß-blaue Kacheln an
den Wänden und rötliche Neonbeleuchtung in der Ladentheke. Das
Fleisch bei Severin sah immer ganz dunkelrot und lila aus.
Mit Licht und Firlefanz, sagte Kellermann, werde Severins Wurst
auch nicht besser. Und als wir sagten, da hätte er recht, schenkte
er uns eine Bockwurst. Die haben wir gleich verschlungen, obwohl
sie kalt war.

Und als ich ihm einmal geholfen hab, seinen kleinen Lieferwagen zu
entladen, mit dem er vom Schlachthof kam – ich durfte einen Eimer
mit blutigem Kalbshirn in den Lagerraum tragen – hat er mir zur Belohnung
einen Schweineschwanz und zwei Pfoten geschenkt. Die
hab ich stolz nach Hause mitgenommen.

Meine Mutter hat zuerst gedacht, die hätte ich geklaut. Dann hat
sie sie an die Erbsensuppe gekocht und gesagt, der Kellermann, der
sei, obwohl er ja so einen rohen und blutigen Beruf habe, im Grunde
ein ganz lieber Mensch. Auch wenn er manchmal, da habe sie genau
drauf geachtet, zu knapp abwiege. Im Krieg allerdings, besonders
zuletzt, als es nichts mehr zu essen gab, da habe der Kellermann
ihr dann und wann einen Wurstzipfel zugesteckt, und, ganz
zum Schluß, als die Amerikaner kamen, sogar einen ganzen Schinken
geschenkt. Aus seinem Geheimvorrat sozusagen.

An einem Sonntagmorgen sei das gewesen, da sei er plötzlich bei ihr
aufgetaucht mit dem Schinken. Den hätte er in einen alten Kartoffelsack
gewickelt gehabt. Wortlos hätte er ihr den auf den Wohnzimmertisch
gelegt und erst, als sie sich von ihrer Überraschung erholt
hatte, zu ihr gesagt: „Jetzt, wo wir besiegt sind, müssen wir doch
alle zusammenhalten.“

Vielleicht, erzählte meine Mutter, hat er das nur getan, weil er wußte,
daß Vater nie in der Partei gewesen ist. Und sein eigenes Parteiabzeichen,
das hat der Kellermann, sogar in den letzten Kriegsjahren noch,
immer am Revers getragen. Beim Bedienen im Laden sogar hinterm
Tresen. Vorn auf der Brust auf seinem blauweiß gestreiften Kittel, da,
wo immer die Blutspritzer saßen. So ein paar blasse Flecken im Leinenzeug.

Die ließen sich wohl nie ganz rauswaschen.

Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Lilienfeld Verlag