Kurt Kersten

Der Weltumsegler, Johann Georg Adam Forster 1754-1794
(Leseprobe aus: Der Weltumsegler. Johann Georg Adam Forster 1754 – 1794, Frankfurt a. M. 1957, S. 272 f. Zitiert nach Peer Schröder (Hrsg.): Kasseler Literatur-Spaziergang. Jenior & Pressler, Kassel 1997, S. 49)

In einem kritischen Augenblick der Geschichte, in dem radikale und ungewöhnliche Veränderungen plötzlich in das Leben eines jeden einzelnen eingreifen, verlieren die üblichen Gesetze ihre Geltung, denn solche Vorgänge ereignen sich in der Geschichte eines Volkes nur selten. Der Mensch, in solchen Augenblicken an den Rand des Abgrunds gedrängt, ist ganz auf sich allein angewiesen und wird gezwungen, die Frage, die ihm erbarmungslos von der Geschichte aufgegeben wird, auf seine eigene Verantwortung hin vor seinem Gewissen zu beantworten. Er sieht nicht nur seine Existenz bedroht, sondern vor allem die Ideen, denen er sein Leben und Schaffen widmete. Flucht ist zuweilen nur ein Versuch, sich der Entscheidung zu entziehen; nicht immer läßt sich eine Emigration sofort und unter allen Umständen rechtfertigen, und die Umstände und der persönliche Mut können die Entschlüsse so oder so beeinflußen. Aber das Leben verzeiht dem Menschen, der aus Schwäche oder um seiner Vorteile willen seine Überzeugungen opfert, seine Vergangenheit gleich einem alten Kleid von sich wirft und sich vor sich selbst erniedrigt, um fortan gleich einem Schatten seiner selbst umherzuwandeln, nie. Der Abtrünnige wird, gedemütigt und gebrochen, zuweilen hochmütig und arrogant, um sich selbst zu entfliehen, zum Gespött seiner einstigen Freunde, von seinen neuen Freunden stets beargwöhnt. Zerfallen mit sich und aller Welt wird er unaufhörlich um Rechtfertigung ringen, sich vielleicht durch ein Reuegeständnis zu betäuben suchen, aber der Gnade ermangeln und nie den innern Frieden finden können und ein Gezeichneter bleiben.

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