Der Dichter und die Meerschweinchen von Alfred Kerr, 2004, S. Fischer TB

Alfred Kerr

Der Dichter und die Meerschweinchen
(Leseprobe aus: Der Dichter und die Meerschweinchen, 2004, S. Fischer, Hrsg. von Günther Rühle)

Bitte des Verfassers

Dieses Buch enthält nicht meine Geschichte. Sondern die Geschichte des Dichters Clemens Teck. Der Unterschied ist wesentlich.
Manche meiner eignen Erlebnisse sind allerdings hineinverwebt. Die Erlebnisse des Schriftstellers Clemens Teck und meine greifen also manchmal ineinander. Doch, wirklich, das Erleben dieses Clemens Teck ist nicht meins - und meins war durchaus nicht das dieses Clemens Teck.
Zwei Schicksale verhalten sich hier wie zwei wandernde Flächen. Sie berühren einander manchmal ... doch sie entfernen sich stets wieder.
Ich warne darum den gütigen Leser, mir nicht etwas auf die Rechnung zu bürden, das den Dichter Clemens Teck angeht.
(So gewiß es wahrheitswidrig wäre, nicht Einiges von seinen Taten pflichtgemäß auf mich zu nehmen. Oder: nicht etwas von meinem Erlebten ihm zu lassen.)
Es war halt Krieg - und die Beschaffenheit der Seelen sonderbar.
Solche Fälle sind mit den Fingerspitzen anzufassen. - Umso weniger Grund, sie durcheinanderzubringen.
Leser, Sie finden schon, ich weiß es, den rechten Weg.
Haben Sie herzlichen Dank.

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Bitte des Dichters Clemens Teck

Bin ich krank? Ich glaube nicht. Höchstens bin ich vom Krieg etwas zermürbt.
Zermürbt ...
Nicht, daß ich ihn mitgemacht hätte - sondern eben weil ich ihn nicht mitgemacht habe.
Wahrscheinlich ist es das.
Mein Zustand ist nicht der eines Kranken; er ist nur unregelmäßig.
Ich komme gegen meinen Willen dazu, mich zu beobachten ... und merke dann Einiges, das ich früher nicht gemerkt habe. (Vielleicht, weil ich früher keinen Grund fühlte, mich zu beobachten.)
Unregelmäßig ...
Doch bei alledem bin ich in einer entschiedenen Tätigkeitsstimmung ... die mich fast überstark erfüllt. Etwas treibt mich zu seltsam kühnen, neuartigen Unternehmungen. Es rattert in mir. Ich bin zum Platzen voll von diesem Unbestimmten.
Alles in allem: ich werde meinen Zustand mir selber darlegen. (Wozu ist man Schriftsteller?)
Darlegen ist vielleicht: erkennen ... Doch ist Erkenntnis denn auch Heilung?
Aber tut mir Heilung not? Wovon sprech' ich denn?
Wovon?

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Ich, der Schriftsteller Clemens Teck, suche mir in diesen Blättern klar zu werden über Einiges, das ich tat - oder tun wollte.
Ich müßte lieber sagen: über Einiges, das mit mir geschah.
Jedenfalls über etwas, das rätselhaft geblieben ist.
Ich suche mich nicht zu entschuldigen. Ich will vielmehr aufdecken, was vorliegt. Auch was gegen mich vorliegt.
Falls ein merkwürdiger Seelenzustand (im Krieg) nicht jene Vergebung in sich schließt, wofür der Priester das Wort »absolvo te« mit drolliger Sicherheit zu äußern pflegt.
Krieg hin, Krieg her. Ich beging Entweihungen gegen eine Tote; vielleicht Rohheiten gegen Lebende.
Sonst nichts.
Alles war schrecklich zugleich und spannend. Oft sogar ganz lustig.
Und es stand im Dienst einer mir immerhin teuren Sache: der dichterischen.
Ich kann trotzdem zu mir nicht sagen: »Absolvo te.«

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Die Erzählung beginnt endlich

Ich bin der deutsche Schriftsteller Clemens Teck.
Lelia, meine Frau (eigentlich heißt sie Gertrud) trat ins Zimmer; sie sah strahlend-frisch und jung aus, - obschon wir bald große Kinder haben.
Ja, sie war jung geblieben, fast selber ein Kind; stupsnasig, von zierlicher Gestalt, handlich.
Doch der Glanz ihrer wachen Augen war nicht das Ergebnis einer freudigen Stimmung. Sie schien eher besorgt.
Wertvolle Frauen nehmen die Dinge wohl schwerer als wir.
»Es ist nur ein halbes Leben in diesem Krieg«, sprach sie, - »dazu in einem Land, in dem man nicht geboren ist. Und wenn ich auch Englisch wie eine Engländerin spreche, dazu so Vieles an dem Land liebe: es bleibt ein Maß von Stumpfheit - wenn man doch gewissermaßen am Rande lebt ...«
»Und in einem Boarding House«, sprach ich, - »in einem Gästehaus; wir sind eben deutsche Flüchtlinge.«
»Man möchte nur wieder«, sprach sie (und sah sehnsüchtig in die Luft), - »man möchte nur wieder sich lange vorher auf etwas freuen ... Ich verzichte schon auf die Erfüllung - bloß nicht auf die Vorfreude ... Was arbeitest du da?«
»Verschiedenes.«
»Du kannst mir sagen, was.«
»Verschiednes.«
»Immer diese Antwort - solang wir verheiratet sind. Immer dies Fernhalten. Jetzt werden die Kinder bald groß - und die Antwort heißt immer noch: `Verschiednes'. Ich darf ein Ding kaum sehn, wenn es längst fertig ist.«
»Du weißt, Lelia: Männer, die mit `Frauchen' beraten, was einer arbeitet, sind mir verhaßt ... In praktischen Dingen - gern. Doch arbeiten muß ein schreibender Mensch wirklich schon allein ...«
Sie sprach:
»Es wird dir keine Perle aus der Krone fallen, wenn du mitteilsamer wärst ... Im verflossenen Berlin sagte man: `Stoß' dir nuur keine Verzierungen ab.'«
Sie lachte; dabei sprach sie den berliner Dialekt wie eine Fremde, denn sie war vom Rhein.
Ich, Clemens Teck, lachte gleichfalls. -
Warum? Um eine winzige Gekränktheit zu verhehlen ... darüber daß mir »keine Perle aus der Krone fallen« soll ... Zugleich, weil sie, Lelia, vielleicht nicht Unrecht hatte ... Es gibt Viele, die besprechen wirklich alles mit `Frauchen'.
Wenn auch nur, um sich klarer zu werden über schon Geplantes ... Ich schlug mich mit so einem Plan herum und war damit noch nicht fertig geworden ... Eine Aussprache mit ihr, das Erörtern dieses Plans, könnte vielleicht ... meinethalben...
Jawohl.
Man lebte sowieso jetzt unter Ausnahmeverhältnissen. Ich hatte hier in England kein Echo.
Ich sprach kaum mit irgend einem Deutschen. Und seit wir aus Frankreich weg sind, nach zwei zauberhaften Jahren, bei oft unwahrscheinlichem Glücksgefühl - seitdem war ein luftleerer Raum in einer etwas befremdeten Seele ...

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