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Und die Nilpferde kochten in ihren Becken
Al kam wieder auf Phillip zu sprechen. Er sagte, diese neue
Entwicklung sei offensichtlich eine Antwort auf den Vorfall auf
dem Dach, und ich sagte: «Du hättest das gleich da oben perfekt
machen sollen.»
Darauf kam Al wieder mit der alten Leier, er wolle etwas von
Dauer, und ich machte mir nicht mal mehr die Mühe, mit ihm
darüber zu streiten. Ich sagte: «Lass uns was essen gehen», und
wir gingen zum Center Grille an der Sixth Avenue.
Bevor ich ans Essen denken konnte, trank ich erst mal zwei
Wermut mit Soda. Dann bestellte ich mir kalten Hummer. Al saß
da, wirkte traurig und bestellte ein Bier und kalten Hummer.
Schließlich sagte er: «Ich glaube, heute Nacht fahre ich rüber und
klettere in sein Zimmer.»
Ich spie eine Hummerschere aus und schaute ihn an. «Also»,
sagte ich, «das nenn ich den Stier bei den Hörnern gepackt.»
Aber Al war völlig ernst. Er sagte: «Nein, ich geh nur in sein
Zimmer, während er schläft, und schaue ihn eine Zeitlang an.»
«Und wenn er aufwacht? Er wird denken, dass da irgendein
Vampir über ihm hängt.»
«Ach was», sagte Al, und es klang schicksalsergeben, «er sagt
mir nur, dass ich gehen soll. Ist ja nicht das erste Mal.»
«Und was machst du da?», fragte ich. «Stehst du einfach
nur da?»
«Ja», sagte er. «Ich gehe so nah es nur geht an ihn ran, ohne ihn
aufzuwecken, und dann steh ich da bis zum Morgengrauen.»
Ich sagte Al, dass man ihn wahrscheinlich wegen versuchten
Raubs verhaften oder, wahrscheinlicher noch, gleich erschießen
würde.
Er sprach im gleichen schicksalsergebenen Tonfall weiter: «Na
ja, das Risiko muss ich eben eingehen. Ich habe mir alles angesehen.
Ich kann mit dem Fahrstuhl bis ins oberste Stockwerk fahren,
dann über die Feuerleiter aufs Dach steigen und dort bis drei
oder vier warten. Dann klettere ich hinunter in sein Zimmer. Sein
Zimmer ist in der obersten Etage.»
«Pass auf, dass du im richtigen Zimmer landest», empfahl ich
ihm, «sonst hängst du über einem völlig Fremden herum.»
«Also ich weiß schon, in welchem Zimmer er ist.»
Wir aßen auf und gingen hinaus. Wir nahmen die Independent
hinunter zum Washington Square und verabschiedeten uns am
Ausgang, weil wir in entgegengesetzte Richtungen mussten.
Ich ging die Bleecker Street lang, wo ein ganzes Rudel italienischer
Jungens mit einem Besenstil als Schläger Baseball spielte.
Ich dachte über Allens Plan nach, bei Phillip einzusteigen und
ihn anzustarren. Mich erinnerte das an einen Wachtraum, den Al
mir einst erzählt hatte, in dem er zusammen mit Phillip in einer
unterirdischen Höhle war. Die Höhle war mit schwarzem Samt
ausgekleidet und gerade mal hell genug, um Phillips Gesicht zu
erkennen. In dieser Höhle steckten sie jetzt für immer fest.
Wieder in meiner Wohnung, war es noch zu früh, um schlafen
zu gehen. Eine Zeitlang machte ich dies und das, legte ein paar
Patiencen und beschloss dann, Morphin zu nehmen, was ich
schon seit ein paar Wochen nicht mehr getan hatte.
Ich holte ein Glas Wasser und stellte es auf die Kommode, dazu
einen Spiritusbrenner, einen Esslöffel, eine Flasche reinen Alkohol
und etwas Watte. Aus der Schublade holte ich eine Subkutanspritze
sowie ein paar Morphintabletten aus einem mit «Benzedrin
» beschrifteten Arzneifläschchen. Ich teilte eine Tablette mit
einer Messerklinge in zwei Hälften, maß mit der Spritze Wasser
auf den Löffel ab und ließ eine ganze und eine halbe Tablette hineinfallen.
Ich hielt den Löffel so lange über den Spiritusbrenner, bis die
Tabletten sich völlig aufgelöst hatten. Ich ließ die Lösung abkühlen,
zog sie in die Spritze, setzte die Nadel auf und suchte an meinem
Arm nach einer hervorstehenden Vene. Schließlich fand ich
eine und die Nadel glitt hinein, das Blut schoss ein und wurde
wieder zurückgesogen. Fast augenblicklich durchflutete mich
eine Welle völliger Entspannung.
Ich räumte alles weg, zog mich aus und ging ins Bett.
Ich begann über die Beziehung zwischen Phillip und Al nachzudenken,
und alle Einzelheiten, die ich in den vergangenen zwei
Jahren darüber erfahren hatte, fügten sich ohne mein bewusstes
Zutun zu einer schlüssigen Geschichte.
Die Beziehung zwischen den beiden ging nun schon einige
Jahre, und da Al von nichts anderem redete, war ich mit den Details
bestens vertraut. Ich kannte Al seit zwei Jahren und hatte ihn
in einer Bar kennengelernt, wo ich damals als Barkeeper arbeitete.
Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © Nagel&Kimche