Und die Nilpferde kochten in ihren Becken von William S. Burrouhgs und Jack Kerouac, 2010, Nagel&Kimche

Jack Kerouac

Und die Nilpferde kochten in ihren Becken
(Leseprobe aus: And The Hippos Were Boiled In Their Tanks/Und die Nilpferde kochten in ihren Becken, Roman (gemeinsam mit William S. Burroughs, 2010, Nagel&Kimche - Übertragung Michael Kellner).

Al kam wieder auf Phillip zu sprechen. Er sagte, diese neue

Entwicklung sei offensichtlich eine Antwort auf den Vorfall auf

dem Dach, und ich sagte: «Du hättest das gleich da oben perfekt

machen sollen.»

Darauf kam Al wieder mit der alten Leier, er wolle etwas von

Dauer, und ich machte mir nicht mal mehr die Mühe, mit ihm

darüber zu streiten. Ich sagte: «Lass uns was essen gehen», und

wir gingen zum Center Grille an der Sixth Avenue.

Bevor ich ans Essen denken konnte, trank ich erst mal zwei

Wermut mit Soda. Dann bestellte ich mir kalten Hummer. Al saß

da, wirkte traurig und bestellte ein Bier und kalten Hummer.

Schließlich sagte er: «Ich glaube, heute Nacht fahre ich rüber und

klettere in sein Zimmer.»

Ich spie eine Hummerschere aus und schaute ihn an. «Also»,

sagte ich, «das nenn ich den Stier bei den Hörnern gepackt.»

Aber Al war völlig ernst. Er sagte: «Nein, ich geh nur in sein

Zimmer, während er schläft, und schaue ihn eine Zeitlang an.»

«Und wenn er aufwacht? Er wird denken, dass da irgendein

Vampir über ihm hängt.»

«Ach was», sagte Al, und es klang schicksalsergeben, «er sagt

mir nur, dass ich gehen soll. Ist ja nicht das erste Mal.»

«Und was machst du da?», fragte ich. «Stehst du einfach

nur da?»

«Ja», sagte er. «Ich gehe so nah es nur geht an ihn ran, ohne ihn

aufzuwecken, und dann steh ich da bis zum Morgengrauen.»

Ich sagte Al, dass man ihn wahrscheinlich wegen versuchten

Raubs verhaften oder, wahrscheinlicher noch, gleich erschießen

würde.

Er sprach im gleichen schicksalsergebenen Tonfall weiter: «Na

ja, das Risiko muss ich eben eingehen. Ich habe mir alles angesehen.

Ich kann mit dem Fahrstuhl bis ins oberste Stockwerk fahren,

dann über die Feuerleiter aufs Dach steigen und dort bis drei

oder vier warten. Dann klettere ich hinunter in sein Zimmer. Sein

Zimmer ist in der obersten Etage.»

«Pass auf, dass du im richtigen Zimmer landest», empfahl ich

ihm, «sonst hängst du über einem völlig Fremden herum.»

«Also ich weiß schon, in welchem Zimmer er ist.»

Wir aßen auf und gingen hinaus. Wir nahmen die Independent

hinunter zum Washington Square und verabschiedeten uns am

Ausgang, weil wir in entgegengesetzte Richtungen mussten.

Ich ging die Bleecker Street lang, wo ein ganzes Rudel italienischer

Jungens mit einem Besenstil als Schläger Baseball spielte.

Ich dachte über Allens Plan nach, bei Phillip einzusteigen und

ihn anzustarren. Mich erinnerte das an einen Wachtraum, den Al

mir einst erzählt hatte, in dem er zusammen mit Phillip in einer

unterirdischen Höhle war. Die Höhle war mit schwarzem Samt

ausgekleidet und gerade mal hell genug, um Phillips Gesicht zu

erkennen. In dieser Höhle steckten sie jetzt für immer fest.

Wieder in meiner Wohnung, war es noch zu früh, um schlafen

zu gehen. Eine Zeitlang machte ich dies und das, legte ein paar

Patiencen und beschloss dann, Morphin zu nehmen, was ich

schon seit ein paar Wochen nicht mehr getan hatte.

Ich holte ein Glas Wasser und stellte es auf die Kommode, dazu

einen Spiritusbrenner, einen Esslöffel, eine Flasche reinen Alkohol

und etwas Watte. Aus der Schublade holte ich eine Subkutanspritze

sowie ein paar Morphintabletten aus einem mit «Benzedrin

» beschrifteten Arzneifläschchen. Ich teilte eine Tablette mit

einer Messerklinge in zwei Hälften, maß mit der Spritze Wasser

auf den Löffel ab und ließ eine ganze und eine halbe Tablette hineinfallen.

Ich hielt den Löffel so lange über den Spiritusbrenner, bis die

Tabletten sich völlig aufgelöst hatten. Ich ließ die Lösung abkühlen,

zog sie in die Spritze, setzte die Nadel auf und suchte an meinem

Arm nach einer hervorstehenden Vene. Schließlich fand ich

eine und die Nadel glitt hinein, das Blut schoss ein und wurde

wieder zurückgesogen. Fast augenblicklich durchflutete mich

eine Welle völliger Entspannung.

Ich räumte alles weg, zog mich aus und ging ins Bett.

Ich begann über die Beziehung zwischen Phillip und Al nachzudenken,

und alle Einzelheiten, die ich in den vergangenen zwei

Jahren darüber erfahren hatte, fügten sich ohne mein bewusstes

Zutun zu einer schlüssigen Geschichte.

Die Beziehung zwischen den beiden ging nun schon einige

Jahre, und da Al von nichts anderem redete, war ich mit den Details

bestens vertraut. Ich kannte Al seit zwei Jahren und hatte ihn

in einer Bar kennengelernt, wo ich damals als Barkeeper arbeitete.

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