Tabula Rasa von Elfriede Kern, 2003, Jung und Jung

Elfriede Kern

Ruth schläft
aus: Tabula rasa, Erzählungen (2003, Jung und Jung)

Nachts kommt ein Tier und schabt sich an unserer Hauswand. Das ängstigt Blanka. Auch ich bin ein wenig beunruhigt, ich gebe es zu. Aber ich lasse Blanka nichts davon merken. Kein Grund zur Aufregung, habe ich schon mehr als einmal zu ihr gesagt, es wird wohl ein streunender Hund sein. Er sucht unsere Nähe, die Nähe von Menschen, das ist in strengen Wintern nichts Seltenes. Er tut niemandem was zuleide, sage ich immer wieder zu Blanka und weise sie an, ihr Trainingskostüm auf die Stange über dem Herd zu hängen. Tatsache ist, daß die vergangenen Wochen mich und Blanka über die Maßen angestrengt haben. Wir sind beide reizbar und überempfindlich und geraten wegen jeder Kleinigkeit in Streit. Wir hätten uns den Wünschen unseres Direktors nicht widerspruchslos beugen dürfen, denke ich mir manchmal, wir hätten gemeinsam nach einer anderen Lösung suchen sollen. Widerspruchslos wegzugehen ist möglicherweise das allerfalscheste gewesen. Die Briefe, die mir unser Direktor allwöchentlich schreibt, beruhigen mich diesbezüglich auch nicht. Sie sind nichtssagend und optimistisch, und zwischen den Zeilen lese ich, daß er von meinen Sorgen nicht behelligt werden möchte. Aber das ist schon immer so gewesen. Wenn es Probleme gegeben hat, hat er sie mir aufgebürdet, wendet euch mit allen Problemen an Ruth, habe ich ihn immer wieder zu den Kollegen sagen hören.
"Ruth schaukelt das Kind schon.

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