Kurzmitteilung von Navid Kermani, 2007, Ammann

Navid Kermani

Kurzmitteilung
(Leseprobe aus: Kurzmitteilung, Roman, 2007, Ammann)

Von Maike Anfangs Tod erfuhr ich durch eine SMS: Tut mir leid, es dir so zu sagen, kann jetzt aber nicht anders. Meine kollegin maike anfang ist gestorben, die mit uns noch whisky trinken war. Einfach so. Ich weiß gar nichts mehr. Liebe grüße, korinna. Als mich die Nachricht erreichte, saß ich in einem Restaurant am Kieselstrand von Cadaqués, einem Ort im Norden der spanischen Costa Brava, kurz vor der Grenze zu Frankreich. Picasso hatte hier einmal ein Haus, in der Nähe auch Dalí, und etwas von ihrer Aura durchflutet noch immer die steinbepflasterten Gassen, die sich schmal und schmäler, kreuz und quer die zwei gegenüberliegenden Hügel hochziehen. Sorgsam konservieren die Einwohner, die meisten zugezogen, das Bild eines Künstlerdorfes am Mittelmeer: mit weißgetünchten, aber geziemend abgeblätterten Mauern und grünen oder blauen Fensterläden, mit prall bestückten Blumenkästen und malerischen Läden für Kunsthandwerk, Delikatessen und Wein, mit Restaurants, die ihre Küche täglich neu auf Kreidetafeln erfinden, und Ateliers, in denen barhäuptige Maler bei weit geöffneten Fenstern ebenso weit geschwungene Striche auf der Leinwand ziehen. Ich selbst bin der Aura erlegen, daß es mich immer wieder nach Cadaqués zurückzieht, mag es auch kaum mehr sein als ein Disneyland für Individualisten. Dem Display zufolge war es der 10. Juli 2005, 18:32 Uhr. Ein blonder Junge von drei, vier Jahren radelte mit Stützrädern an meinem Tisch vorbei, Hemd, Hose und Schuhe aus naturbelassenem Leinen. Die blonden, welligen Haare fielen ihm bis auf die Schultern. Ein bunt geflochtenes Haarband hielt sie an der Stirn zusammen. Die Eltern müssen Künstler sein, Künstler oder jedenfalls Kreative, dachte ich und stellte mir die Frage, ob mein Kind auch so extravagant durch Cadaqués radeln würde. Während ich mich nach den Eltern umschaute, drückte ich mit dem linken Daumen auf den grünen Knopf des Telefons, so daß sich Korinnas Nummer von selbst wählte. Schon beim ersten Freizeichen wußte ich, daß sie sich nicht melden würde. Die SMS hatte sie mir geschickt, eben weil sie nicht mit mir sprechen wollte oder konnte, sich jedoch verpflichtet fühlte, mir die Nachricht von Maikes Tod zu überbringen, so wie jemand anders die Nachricht ihr überbracht hatte. Warum mir? fragte ich mich. Ich kannte Maike Anfang kaum. Ahnte Korinna etwas von der Nähe, die zu erkunden Maike Anfang und ich keine Gelegenheit mehr hatten? Fühlte sie selbst sich mir so nah, daß sie mich an ihrem Schock teilhaben ließ? Oder war es der Grundstock an Professionalität, den sie sich noch angesichts des Todes bewahrte? Einige Wochen zuvor, genau gesagt, am 17. Juni 2005, hatte ich Maike Anfang bei einer Präsentation kennengelernt. Ich hatte den Auftrag bekommen, die Abschiedsfeier für den Vorstandsvorsitzenden der Deutschland-Vertretung von Ford zu gestalten. Das ist mein Beruf: Ich bin zuständig für außergewöhnliche Veranstaltungen, zuständig dafür, daß sie außergewöhnlich werden – Festivals, Events für die Belegschaft großer Firmen, Benefizgalas, Opernbälle, festliche Tombolas, private Feiern sehr reicher Leute, Preisverleihungen, das kulturelle Rahmenprogramm von Messen, Sportveranstaltungen, Parteitagen.

Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Ammann