Vierzig Leben von Navid Kermani, 2004, Ammann

Navid Kermani

Vom Durst
(Leseprobe aus:
Vierzig Leben, Erzählungen, 2004, Ammann)

Wenn unser arabischer Nachbar die Kinder zu
Bett gebracht, die liegengebliebene Arbeit getan,
die E-Mails beantwortet und einige warme Worte mit
der Frau über die Segnungen und Kümmernisse ihres
Tages, die nächste Reise, die letzte Nacht gewechselt
hat, wird er ihr in aller Liebe vom Durst sprechen dürfen,
den es im Leben täglich zu löschen gilt, sagt Johannes
und meint den Durst im emphatischen Sinne, den
Durst nach der Freiheit des Lustlosen, nach Gleichheit
unter Verschiedenen und ihrer unverbrüchlich vergänglichen
Brüderlichkeit, den Kinder nicht, noch Liebe
oder Werke löschen können, sind diese doch mit dem
Brot zu vergleichen, das in der Bildersprache der Religionen
viel eher als das Wasser für das materiell Notwendige
steht, obwohl man – und das ist so merkwürdig,
daß niemand es bemerkt zu haben scheint – viel
schneller verdursten als verhungern kann, zumal dort,
wo unsere Monotheismen ihre Heimat haben, Landschaften,
in denen man sich vor Wassernot das Paradies
gar nicht anders vorstellen konnte als in der Terminologie
des Fließens, das im Durst seine Diesseitigkeit
finndet. Ich könnte jetzt Aufheben darum machen, daß
jedenfalls unter den abrahamitischen Konfessionen einzig die Schiiten –
und das ausgerechnet auf dem Boden
Zarathustras, der das Feuer anbetet – eine Mythologie
des Wassers entwickelt haben, doch würde ich als Apologet
mißverstanden, brächte ich den Durst von Kerbela
mit den genannten Idealen der Französischen Revolution
in Verbindung, wie ich es tun müßte, um dem
ermordeten Imam Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
und so will ich mich darauf beschränken, von jenem
Durst zu sprechen, der meinen Nachbarn vollends
übermächtigt, sobald seine deutsche Frau es sich gegen
halb elf vor den Tagesthemen oder höchstens eine
Stunde später im Bett eingerichtet oder, wie sie sagen
wird, gemütlich gemacht hat. Dann wird er ankündigen,
sich die Beine zu vertreten, ihr einen Kuß so lustvoll
wie möglich aufdrücken und leise, damit die Kinder
nicht aufwachen, im Flur die Schuhe anziehen, den
Mantel überstreifen und die Schirmmütze aufsetzen,
ohne die er es im nordischen Winter sowenig aushalten
würde wie ohne das Durst am Ende der Tage, obwohl
es keine fünfzig Meter entfernt liegt von unserem Haus
und also selbst in der Galabiyya frostfrei zu erreichen
wäre, die er in seiner Heimat angezogen haben mag,
wenn er auszog, um im Teehaus zu löschen, wovon Johannes
mir spricht.

Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © Ammann