Walter Kempowski

Meine Buchhändler

Das waren noch Zeiten! Als ich zehn Jahre alt war, ging ich mit dem Buch »Kai aus der Kiste« unterm Arm zu unserem Buchhändler Schaap an der Ecke, bei dem meine Mutter jeden Sonnabend einen Roman kaufte, und sagte zu ihm: »Ich möchte Ihnen meine Anerkennung für dieses Buch aussprechen.« Der gute Mann ließ sich nichts anmerken, aber meine Frau, der ich das 30 Jahre später mal erzählte, mußte sehr lachen. Ich habe also schon damals ein persönliches Verhältnis zu den Verwaltern der Literaturen gesucht, die eher Schatzmeister heißen müßten als Buchhändler. Herr Schaap schenkte übrigens meiner Mutter jeden Weihnachten eine Bildpostkarte, vorzugsweise Dürer. Später hat er dann dieselben Bücher, die in unserer Wohnung geplündert wurden, antiquarisch verkauft. Kürzlich erst wurde mir eines dieser Stücke in Rostock überreicht.

In Rostock gab es sieben Buchhandlungen und mein armer Großvater schleppte mich nach meinem consilium abeundi von einer zur andern und bot mich als Lehrling an wie Sauerbier. Vergeblich. Das Schicksal nahm seinen bekannten Lauf. Heute ist das Verhältnis zu den Rostocker Buchhändlern entspannt. Sie stellen meine Neuerscheinungen ins Fenster und sind erstaunt, wenn sie hören, daß es sie auch in Australien zu kaufen gibt. Gelegentlich kommt es wohl vor, daß einer von ihnen mir seine Anerkennung ausspricht. Am liebsten besuche ich das Norddeutsche Antiquariat, wo in einem Hinterstübchen jene Schwarten liegen, nach denen ich in den sechziger und siebziger Jahren vergeblich Ausschau hielt. Jenes Material also, daß ich für meine Deutsche Chronik so dringend gebraucht hätte.

Landauf, landab reist man in Sachen Literatur und liest und liest. Und dann sucht man die Buchhändler auf und trinkt im Hinterzimmer Kaffee mit ihnen. »Der Tadellöser ist doch immer noch Ihr bestes Buch«, sowas wird einem gesagt und man hört es ungern.

Besser ist es, man macht sich unerkannt in Buchhandlungen zu schaffen - es ist eher die Ausnahme, daß man in heutiger Zeit identifiziert wird -, die Tische mit den Neuerscheinungen rasch überblickend und in dem Regal des Buchstaben K die eigenen Bücher vermissend. Ob in Ulm oder München, Berlin oder Frankfurt: in der Regel wird man als der Schriftsteller des Abends vorher von den Verkäuferinnen nicht erkannt. Vielleicht liegt es ja auch daran, daß man so unbedeutend aussieht. Ich sprach mal mit Manfred Bieler darüber und der sagte »Wieso? Ich werde sofort in jeder Buchhandlung mit Handschlag begrüßt.« Nunja er ist 1,90 groß.

Sonderangebote: moderne Antiquariate: Köln! auch Bouvier in Bonn fallen mir ein. Da findet man dann alles, was man sich zwei Jahre zuvor nicht leisten wollte. Massen von Erledigtem, die prachtvollen Bildbände, Insekten in Großaufnahme, Rekonstruktionen römischer Straßen und Porzellandesigns. Mit schlechtem Gewissen kauft man sich dumm und dämlich. Und vorn verramschte Belletristik, leider dann auch unter K entsprechendes »dessen man sich nicht vermutend warì (Uwe Johnson). Mein schöner »Weltschmerz« lag dort noch eingeschweißt und schmerzte vor sich hin.

Antiquariat Henning in Hamburg: in den Katakomben wird man alleingelassen, auch mit Aktentasche, und selten steigt man wieder herauf,  ohne für  200 Mark was herausgesucht zu haben. Der Buchhändler, der das vorher weiß, läßt einem Kaffee bringen oder Selterswasser und auch die Toilette darf man benutzen.
Interessanter noch als die Bücher, die man kaufte, pflegen die Bücher zu sein, die man zu kaufen versäumte. Seit Jahren fahnde ich nach einer Darstellung der deutschen Handelsunterseeboote mit zahlr. Abb., für 90 Mark angeboten und eben nicht mitgenommen. Manchmal hilft es, daß man 14 Tage später ans Telefon stürzt und sagt: »Hinten links ... ob Sie bitte mal nachsehen... ist das noch da ...?« - Ja, es ist da und man bekommt es.

In Hamburg gibt es eine Spezialbuchhandlung für Karten, Kältefanatiker finden dort Faltblätter, auf denen der Nordpol verzeichnet ist, und zwar genau - den Südpol sowieso. Stadtpläne von Breslau gibt es, die man noch bis vor kurzem bei Besuchen von Wroclaw nicht entfalten durfte. Königsberg, Danzig, hier leben die alten deutschen Städte fort als wenn nichts gewesen wär. Afrikaforscher, wenns solche noch gäbe, könnten sich hier mit Kartenmaterial eindecken, Australien, und die Wüste Gobi Wer hier einkehrt, findet es passend, daß in der Nebenstraße ein Schiffsbedarfhändler Tropenhelme feilbietet. Der Hauptverkäufer der geographischen Buchhandlung, ein Herr Hofer, wird von mir hier beim Namen genannt, weil er mich nach flüchtigster Musterung ebenfalls mit meinem Namen ansprach.

Meine Buchhändler: Leider habe ich versäumt, von Anfang an in jedes Buch hineinzuschreiben, wann und wo es erworben ist. Da kommt man dann doch durcheinander. Aber bei einzelnen Werken vergißt man die näheren Umstände nie.

Hoch zu rühmen sind auch die Protegierer, allen voran Cordes in Kiel, unter 200 Zuhörern geht dort eine Lesung nicht ab. Und das Signieren im Anschluß daran dauert über eine Stunde (nur Hardcover!). Was sind das für freundliches Leute, die Cordes', kommen extra von Kiel nach Nartum gefahren, um mir einen Kaktus zu schenken.

Von eigenartigem Fluidum sind die Spezialbuchhandlungen für Musikalien. Da hängen Instrumente herum wie in Karl Valentins Schallplattengeschäft und in den Regalen stehen Notenbände neu oder antiquarisch. Eine Partitur für Figaros Hochzeit kann man hier kaufen, in groß oder als Taschenbuch, mit Stimmen oder ohne. Hier blättert der örtliche Chorleiter, nach gekochtem Huhn aufstoßend, im Bärenreiter-Kasten, hier halte ich Ausschau nach - »easy to play« - Jazznoten, um mir zuhause eine romantische Stunde zu bereiten. Hier stehen auch Musikerbiographien, dicke, dünne, Hochglanz mit Fotografien oder auch nur broschierte. Ein paar Reclambändchen »von drüben« haben sich hierherverirrt, auf dreifach recycletem Papier gedruckt, über Skrjabin und Verdi. Der junge Mann hinter dem Thresen weiß alles, das junge Mädchen, das ihm zur Hand geht, weiß leider nichts.

In eine andere Spezialbuchhandlung geriet ich einmal, in der die Juristen, die Nationalökonomen und die Mediziner ihre Bücher einkaufen. Ich hätte es schon an der Auslage merken sollen, prallte aber dann doch zurück vor den fremdartigen Buchrücken. Im letzten Moment griff ich mir einen medizinischen Atlas, in dem Geschwüre abgebildet waren: sehr anregend.

Auch jener Buchhändler ist zu erwähnen, bei dem ein prächtiger großer schwarzer Flügel stand mit einer marmornen Skulptur obendrauf. Kultur! die Stühle für die Lesung wurden beim Fischrestaurant in der Nachbarschaft ausgeliehen. So las denn Horst Krüger eingehüllt in das Aroma des Meeres seine Sachen vor.

Das Schicksal von Buchhandlungen: die kleinen, die jetzt alle bankrott machen, neben dem Eingang werden Lottoscheine ausgefüllt, in hinteren Räumen stehen die Schulbücher und rechts liegt Belletristik für den Chefarzt des örtlichen Krankenhauses und seine Gattin. Wenn sich alles zusammengetan hätte, was im Ort an haute volee  vorhanden ist, dann würde der kleine Buchhändler überlebt haben.-

Es gehört nicht viel dazu, gegen die neuartigen Buchhandlungen in den Cities unserer Städte zu sein. Oh, wie stolz sind sie bei der Einweihung, die Buchunternehmer, und wie hilflos irrt man von Etage zu Etage. Es fehlt ja nicht an Freundlichkeiten auch in diesen Kaufhäusern. Da werden präkolumbianische Wanderausstellungen in Vitrinen präsentiert oder sogar Filme vorgeführt in extra dafür eingerichteten Dunkelkammern (französische Buchhandlung Berlin, inzwischen wieder eingegangen). Aber wo ist der händereibende Altbuchhändler, der privatim eine Bibliographie von Gottfried Benn erstellt?
Wenn überhaupt sieht man sich mit gehetzten Verkäuferinnen konfrontiert, die Kästner von Kesten nicht unterscheiden können. Aber seien wir doch gerecht, wenn man erst einmal zur Besinnung gekommen ist unter all dem Neonlicht und zwischen den stromlinienförmigen Grabbeltischen, dann steht man eben doch plötzlich vor einer Reihe von Globen, der Größe nach geordnet, politisch, physikalisch und so weiter. Und daneben den Mond und den Mars. Man läßt sie sich reichen, betrachtet verzückt Krater neben Krater, um sie dann freilich doch wieder zurückstellen auf das oberste Bord. Staubränder zeigen an, wohin diese seltsamen Gebilde gehören.

Man soll die kleinen betrauern, braucht deshalb jedoch die großen nicht zu verdammen. In Chicago packte man mir in einem Büchersupermarket die ausgewählten Bände ein, um sie mir auf Treu und Glauben per Rechnung nach Deutschland vorauszuschicken, und im Ka De We wird man von ein paar hundert Lesern um ein Autogramm gebeten. Hinterher wird fein gegessen. Nicht daß mir die Jagdwurst in Heide (Holstein) nicht geschmeckt hätte, die ich bei dem dortigen Buchhändler in seiner Eßecke genießen durfte, aber Fasanenbrust mit Morchelfüllung schmeckt eben doch auch ganz gut.
 
(1999)

Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Walter Kempowski