Manchmal sprang eine Kugel von Stefanie Kemper, 2002, Allitera

Stefanie Kemper

Manchmal sprang eine Kugel
(Leseprobe aus: Manchmal sprang eine Kugel, Gedichte+Erzählungen, 2002, Allitera-Verlag).

Als er sie dort liegen sah, war es das Ende für ihn. Nach so einem glücklichen Anfang in Leipzig.

Seit Deutschland ein ungeteiltes Land war, fuhr er zum ersten Mal aus dem hellen neuen Bahnhof. Wie eine weiße Kobra glitt der Zug auf dem Gleis hinaus, nichts rumpelte, zischte und puffte, warf hin und her.

Er wollte zu ihr ins Schloss, sie mitnehmen, hatte sich immer gewünscht, ihr wenigstens den Bahnhof zeigen zu können, die über hundert Geschäfte auf verschiedenen Ebenen und wie man auf diesen Promenaden Zürich und Manhattan gleichzeitig atmen kann. Vor der Tinguely-Skulptur würden sie stehen bleiben und sie würde lachen und sagen, wie man solch einen maschinellen Blödsinn machen könne und dann auch noch als Kunst, na du weißt schon, sie würde von einem Fuß auf den anderen treten, mit geneigtem, zu ihm geneigtem Kopf versuchen, das Kunstwerk zu verstehen und von etwas anderem anfangen zu reden.

Wie schön diese Stadt, ihre Buchstadt Leipzig wieder geworden war, die vernichtete, verkommene, durch Erinnerungen belastete, aus der einst ihre Familie geholt und in Lagern umgebracht wurde. So leer, würde sie hoffentlich sagen, so leer ist sie ja gar nicht mehr. Es gibt Bäume und Hotels, neue Busse auf unverbrannten Strassen, Eisdielen, weit draußen die neue Messe und Menschen, junge, die ohne grausame Erinnerungen sind.

Er fuhr hinaus, sah sie vor seinem inneren Auge ihm gegenübersitzen, zart ihr Körper, zart ihr Gesicht mit den kleinen Augen, sah sie mit ihm zum Zugfenster hinausblicken. Sie fuhren damals öfter hinaus, nach Breslau, Dresden, nach München, anderswohin und gemeinsam. Bücher waren ihre Leidenschaft. Sie sprachen über Texte, Figuren, Buchhändler, Preise, billige Drucke, gut aufgemachte Bände, Leute, Leser und Messen, Titel und Erfolge.

Und wie er also hinausglitt, der Himmel das Glasfi rmament der Bahnhofshalle ablöste, fühlte er nochmals an seine linke Brusttasche, ob er das Buch auch nicht beim Bücken oder anderswie verloren hatte, was den ganzen Sinn seiner Reise zunichte gemacht hätte. Denn ohne das Buch würde er nicht vor sie hintreten können.

(...)

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