Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne von Friedrich Kellner, 2011, Wallstein

Friedrich Kellner

10.6.41
(Zitat aus: Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne, Tagebücher 1939-45, 2bändig, 2011, Wallstein-Verlag, hrsg. von Sascha Feuchert, Robert Martin Scott Kellner, Erwin Leibfried, Jörg Riecke und Markus Roth).

10.6.41.

In letzter Zeit mehren sich die Anzeigen über Todesfälle in der Heil- und Pflegeanstalt in Hadamar.a) Es hat den Anschein, das unheilbare Pflegebefohlene in diese Anstalt gebracht werden. Auch soll eine Anlage zur Einäscherung eingebaut worden sein.


 

In den Provinzblättern sind noch Berichte, datiert vom 31. Mai 1941, über den Irak lesen.

Erbitterter Kampf um Bagdad
16 britische Panzer vernichtet

Damaskus, 31. Mai. Der Kampf um Bagdad verschärft sich weiter. Den britischen Truppen ist es mit Hilfe starker motorisierter Kräfte nach heftigen Kämpfen gelungen, bis Kadhimein in der Nähe von Bagdad vorzudringen. Die irakischen Truppen leisten weiter erbitterten Widerstand. Sie machten im Laufe des Kampfes über 400 Gefangene und vernichteten 16 Panzerwagen.

Die Produktion des Erdöls vollzieht sich ungestört weiter und ist restlos in den Händen der Iraker. Auch die Oelleitung nach Haifa ist für die Engländer weiterhin gesperrt. Aus Palästina werden neue Sabotageakte gegen britische Petroleumlager und Munitionsdepots gemeldet, die weithin sichtbare Brände verursachten. Aus Amman wird bekannt, daß neue Verhaftungen transjordanischer Offiziere stattfanden, die den Kampf mit britischen Truppen gegen irakische Truppen verweigerten. Englandhörige Transjordaner flüchten weiterhin. Emir Abdullah soll in Jerusalem eingetroffen sein.

a) Die Heil- und Pflegeanstalt in Hadamar nördlich von Wiesbaden war das sechste und letzte Mordzentrum, in dem im Rahmen des sogenannten Euthanasie-Programms Behinderte durch Giftgas getötet wurden. Dort wurden von Dezember 1940 bis ins Frühjahr 1941 10 072 Menschen in der Gaskammer ermordet, die zuvor aus zahlreichen Heil- und Pflegeanstalten dorthin gebracht worden waren. Die Leichen der Getöteten wurden anschliesend im Krematorium verbrannt. Trotz der Versuche, den Massenmord geheim zu halten und das Gelände weiträumig von der Aussenwelt abzuschotten, wusste die örtliche Bevölkerung rasch, was in der Anstalt vor sich ging. Dieses Wissen verbreitete sich schliesslich landesweit. Das und offene Proteste, wie die des Bischofs von Münster, führten Ende August 1941 zum vorläufigen Stopp der Krankenmorde. Bis dahin waren dem Mordprogramm mindestens 70 000 Menschen zum Opfer gefallen. Vgl. Friedländer 1997, S. 162f. und 190-199; Vanja/Vogt 1991.

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