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Sofja Andrejewna Tolstaja,
Ein Leben an der Seite Tolstojs
(Einleitung
aus:
Sofja Andrejewna Tolstaja,
Ein Leben an der Seite
Tolstojs, 2009,
Insel - von Ursula Keller und
Natalja Sharandak).
Einleitung
Wer war Sofja Andrejewna Tolstaja? Die Antwort scheint einfach.
Sonja, wie Tolstoj sie in seinen Tagebüchern und Briefen nannte,
war die Frau, die fast fünfzig Jahre lang an der Seite des Schriftstellers
lebte. Sie war die Mutter seiner vielköpfigen Kinderschar,
verwaltete das Landgut der Tolstojs, kümmerte sich um die Finanzen
und gab als Verlegerin seine Werke heraus. Viele Jahre lang war
sie erste Leserin und Kritikerin der Werke Tolstojs. In langen Nchten
schrieb sie seine oft fast unentzifferbaren Manuskripte unzählige
Male ab, machte Änderungsvorschlge, diskutierte mit ihm
die Pläne für seine Romane.
Es scheint, daß Sofja Tolstaja das Schicksal der Schriftstellergattin,
die ihr eigenes Leben ganz dem Erfolg des Gatten widmet
und ihre eigene Begabung in den Dienst des Mannes und seiner
Karriere stellt, durchaus guthieß. Nach zwei Jahrzehnten Ehe jedoch
begann eine Zeit der dramatischen Konflikte. Tolstoj wandte
sich fast ganz von der Literatur ab, beschftigte sich zunehmend
mit religiös-philosophischen und sozialen Themen und stellte alle
Werte seines bisherigen Lebens in Frage.
Zahlreiche Zeitgenossen standen Tolstojs geistigem Umschwung
verstndnislos gegenüber. In seinem letzten, auf dem Sterbebett
mit Bleistift niedergeschriebenen Brief an Tolstoj beschwor Iwan
Turgenjew: »Mein Freund, kehren Sie zur Literatur zurück! Ihre
Begabung ist Ihnen von dort verliehen, woher auch alles andere
kommt . . . Mein Freund, großer Schriftsteller russischer Lande,
erhören Sie meine Bitte!«
Auch Sofja Andrejewna wollte und konnte die neuen Ideen ihres
Ehemannes nicht als die ihren akzeptieren. »Ich konnte mich
mit meinen neun Kindern doch nicht wie eine Wetterfahne dorthin
drehen, wohin mein Mann, immerfort seine Anschauungen
ndernd, sich begab«, rechtfertigt Tolstaja sich in ihrer Kurzen
Autobiographie. Sie begann, sich von ihrem Gatten zu emanzipieren.
Nachdem sie die Rolle der »Amme des Talents ihres Mannes«
anfangs bereitwillig bernommen hatte, hörte sie auf, das geistige
und literarische Leben Tolstojs als ihr eigenes zu begreifen, und begann,
aus der ihr von ihm zugewiesenen »Spähre des Kinderzimmers,
der Küche und des beschränkten weiblichen Lebens« herauszutreten.
Sie verspürte die Notwendigkeit nach einer eigenen
Form der Selbstverwirklichung, der Realisierung ihrer künstlerischen
Begabungen. »Ich möchte ein eigenes Leben, ein eigenes
Werk und nicht die Arbeit an fremden Werken«, lautete von da
an das Leitmotiv in ihrem Tagebuch.
In einer Zeit, in der mit der Aufhebung der Leibeigenschaft im
Jahr 1861 in Rußland der Aufbruch in die Moderne begann, in
einer »Atmospähre des Frühlings«, in der auch das liberale russische
Bürgertum die Frauenfrage diskutierte, blieb Tolstoj als Schriftsteller
und Mensch ganz den traditionellen Rollenzuweisungen
verhaftet. Dem neuen Frauenbild zahlreicher Schriftstellerkollegen
und ihrer Auffassung von Liebe und Ehe, die auf der Gleichberechtigung
beider Partner gründete, stellte Tolstoj ein Ehemodell
entgegen, das geprgt war von seiner patriarchalischen Lebenseinstellung
und von Ethik und Konventionen des Christentums.
In seinen Werken griff Tolstoj das Thema Liebe, Ehe und Familie
immer wieder auf und entwarf das Ideal einer selbstlosen
Liebe, in der die Frau ihre einzig mögliche Erfüllung in der Fürsorge
für Ehemann und Kinder findet. Die Suche und das Streben
nach Selbsterkenntnis und nach Lebenszielen außerhalb von
Ehe und Mutterschaft setzte er gleich mit einer Perversion der
Weiblichkeit, die die Frau auf einen Irrweg führt und sie vom göttlichen
Prinzip entfernt.
»Lew Nikolajewitsch störte an mir stets genau jenes, was ich
liebte: Ich liebte alles Feine, alles Reine, in der inneren wie der äußeren
Welt, liebte leidenschaftlich jegliche Kunst«, schreibt Sofja
Tolstaja voller Bitterkeit in ihren Erinnerungen. »Er brauchte dies
bei mir nicht. Er brauchte eine Frau, passiv, gesund, sprachlos und
willenlos.« Die Emanzipation Tolstajas ist nicht allein vor dem
Hintergrund persçnlicher Unvereinbarkeiten zu sehen, sondern
auch im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung
Rußlands.
Als Tolstaja aus dem übermchtigen Einfluß ihres Mannes herauszutreten
versuchte, wurde sie von ihm mit Herabsetzung bestraft.
Ebenso wie sie seine neuen Überzeugungen nicht teilen
konnte, mißbilligte auch Tolstoj die Entwicklung seiner Frau. Diese
Sichtweise des Schriftstellers wurde von vielen Biographen übernommen.
Tolstojs Ehefrau gilt bis heute als Inbegriff der »schlechten«
Schriftstellergattin.
Aus der biographischen Literatur über
Tolstoj kennt man Sofja Andrejewna Tolstaja als »hysterisches
Frauenzimmer«, als Frau, die durch ihre Halsstarrigkeit, Nçrgelei
und Uneinsichtigkeit den über achtzigjhrigen Schriftsteller nötigte,
das Landgut der Familie zu verlassen, und ihn damit in den
Tod trieb. Wer Sofja Andrejewna war, was sie für ein Mensch war,
diese Frage wurde bisher fast nie vorurteilsfrei beantwortet.
Wohl kaum eine Ehe ist so gut dokumentiert wie die fast fünfzig-
jährige Ehe der Tolstojs. Die Tagebücher, autobiographischen
Notizen, Briefe und Erinnerungen der beiden Ehepartner, ihrer
Nachkommen und Zeitgenossen füllen Bände. Dennoch ist kaum
bekannt, daß Sofja Tolstaja auch selbst geschrieben hat. Nachdem
sie dem eigenen literarischen Talent vor der Hochzeit entsagt
und ihre von Tolstoj gelobte Erzählung Natascha vernichtet hatte,
begann Sofja Tolstaja im Alter von fast fünfzig Jahren wieder zu
schreiben. Doch obwohl es Ende des 19. Jahrhunderts auch in
Rußland bereits Vorbilder für Frauen gab, die den Beruf der Schriftstellerin
ergreifen wollten, stellte Sofja Tolstaja sich selbst und ihr
Werk ein weiteres Mal hinter das ihres Mannes zurück und ließ
ihre wichtigsten Erzhlungen unveröffentlicht. Bis heute sind nur
wenige ihrer literarischen Arbeiten publiziert. Ihr Hauptwerk, die
umfangreiche Autobiographie Mein Leben, konnte bisher nur in
Auszügen erscheinen, und bei der Veröffentlichung ihrer Tagebü-
cher wurde unbotmßig Scheinendes einfach getilgt.
Tolstajas autobiographische Aufzeichnungen und ihre literarischen Werke
geben beredt Auskunft über ihre Ehe mit dem Schriftsteller.
Dennoch hat sich bisher niemand die Mühe gemacht, die
literarischen Werke Tolstajas in ihre Lebensbeschreibung mit einzubeziehen.
Die vorliegende Biographie lenkt erstmals die Auf-
merksamkeit auf das schriftstellerische Werk Tolstajas und verleiht
der Schriftstellergattin, fast hundert Jahre nach ihrem Tod,
so eine eigene Stimme.
»Ein jedes Leben ist interessant«, schreibt Sofja Tolstaja im Vorwort
zu ihren Erinnerungen, »und vielleicht wird auch meines
irgendwann einmal jemanden interessieren, der wissen möchte,
was diese Frau für ein Mensch war, die im Leben an die Seite
des genialen und hochkomplizierten Grafen Lew Nikolajewitsch
Tolstoj zu stellen Gott und dem Schicksal gefiel.«
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