Abende nicht von dieser Welt, St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters, 2003, Aviva Verlag - Ursula Keller und Natalja Sharandak

Ursula Keller

Abende nicht von dieser Welt
Schriftstellerinnen und die Petersburger Salons
(Auszug aus: Abende nicht von dieser Welt, St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters, 2003, Aviva Verlag, gemeinsam mit Natalja Sharandak).

Sinaida Gippius, »Madonna der Décadence«

Ich ertrage die Demütigen und Unglücklichen nicht.
(Sinaida Gippius)

Schon die ersten Auftritte der Gippius auf der Bühne des literarischen

Lebens bestimmen die öffentliche Wahrnehmung ihrer Person. Nicht genug,

dass sie in ihren Gedichten, die frei sind von jeglichen Eigenschaften

der »weiblichen Poesie«, ein maskulines lyrisches Ich wählt und

ihre literaturkritischen Essays unter dem Pseudonym Anton Kraini –

»Anton der Extreme« – veröffentlicht, inszeniert sie sich und ihre Persönlichkeit

in aufreizender Weise. Und so sind Legenden, Gerüchte und

Missverständnisse ganz selbstverständliche Folge ihres öffentlichen Auftretens.

Nach der Veröffentlichung der Gedichte Lied und Widmung haftet ihr

eine Reputation an, die Gefallsucht und gekünstelte Überspanntheit der

Dichterin vermutet. In den Kreisen der russischen Moderne jedoch finden

ihre »sehr neuartigen« Gedichte anerkennende Beachtung. In den Gedichten

nimmt sie sich wie niemand vor ihr rhythmische Freiheiten und

arbeitet auf innovative Art mit Wiederholungen und Asymmetrie des

Verses, wie es erst später von Alexander Blok (1880–1921) und Nikolai

Gumiljow (1886–1921), dem Begründer des Akmeismus und Ehemann

Anna Achmatowas, in den Gesetzeskanon der russischen Lyrik aufgenommen

werden sollte. Die leitmotivischen Themen ihrer Lyrik sind die

Unerreichbarkeit der Liebe und das gleichzeitige Streben nach ihr, Verlust

des Sinns des Lebens und das unwiderrufliche Elend des menschlichen

Daseins. Ihr paradoxer Aufschrei im Gedicht Lied (1893), »Ich will das,

was es nicht gibt auf Erden«, und ihr lästerliches Bekenntnis »Doch ich

liebe mich selbst wie Gott – Die Liebe wird meine Seele erretten« in der

Widmung (1894) erschüttern und befremden die Leser.

Vor allem aber sind die Zeitgenossen von der Schönheit der Gippius

berückt. Ihre Erscheinung wird als »eine Melodie, die aus einer Wolke

französischen Parfums herausklingt«, beschrieben, die Poesie ihrer Person

ist förmlich mit Händen zu greifen, so der Literaturkritiker Akim

Wolynski (1861–1926) in seinem in den 1920er Jahren verfassten Essay

Die Sylphide: »Gippius war schlechthin nicht nur Dichterin von Beruf.

Sie selbst war durch und durch poetisch. Sie kleidete sich ein wenig herausfordend,

ja bisweilen sogar grell. Und doch war sie, was ihre Toilette

betrifft, von großer phantastischer Anmut. Der Kult der Schönheit verließ

sie weder in ihren Gedanken noch im Leben.« Ihre Schönheit vergleicht

man mit der einer Meerjungfrau; von ihrem Dichterkollegen und

Freund Alexander Blok stammt die Metapher der »grünäugigen Najade«,

und der Publizist Pjotr Perzow zeichnet ein an Botticelli erinnerndes

Bild: »Ein hochgewachsenes, schlankes Wesen mit langen, goldfarbenen

Haaren und den smaragdfarbenen Augen einer Meerjungfrau … lenkte

sie alle Aufmerksamkeit auf sich.«

Und doch liegt in ihrer Person und Schönheit eine Ambivalenz, die

die Umwelt verstört. »Ein seltsames Geschöpf, gleichsam von einem

anderen Planeten. Bisweilen schien sie unwirklich, wie es oft geschieht

bei einer sehr großen Schönheit oder unermesslicher Hässlichkeit«, urteilt

ihr Sekretär der Jahre in der Emigration, Wladimir Slobin. So gar nicht

will sie in das althergebrachte Bild der jungen Dame der russischen

Intelligenzija passen, die, hochgebildet zwar, belesen und in verschiedenen

Sprachen wie selbstverständlich zu Hause, von ihren Dichterkollegen

eben doch vor allem in der Rolle der Muse, der »Schönen Dame« oder

»Unbekannten« gesehen wird. Und nicht nur, dass sie ihre eigenen Ansichten

hat, sie vertritt diese auch mit Verve und Witz und meistens nicht

eben diplomatisch. Sie hasst Mittelmaß und Plattheit und vor ihr kann

nur bestehen, wer furchtlos den von ihr geworfenen Fehdehandschuh

aufnimmt und sich im Duell mit ihr bewährt. Einem solchen Examen

unterzieht sie jeden Neuankömmling in ihrem Kreise. Symbol dafür ist

ihre Lorgnette, mit der sie den Neuankömmling mikroskopiert wie ein

Insekt. »Den spitzen Ellenbogen hochschnellend, führte sie unaufhörlich

die goldene Lorgnette vor ihre kurzsichtigen Augen und betrachtete

durch sie hindurch mit zusammengekniffenen Augen die Menschen wie

kleine Käfer, wobei sie sich dabei keineswegs darum kümmerte, ob ihnen

dies angenehm war oder nicht.« Ihre spitze Zunge ist geradezu sprichwörtlich:

Wer in ihren Augen nicht besteht, bekommt dies durch beißenden

Spott zu spüren. »Von der glänzenden Sinaida ging ein eisiger

Lufthauch aus … Sie war sehr schön. … Das Lächeln verschwand so gut

wie nie von ihrem Gesicht, doch es stand ihr nicht. Es schien immer, als

ob sich aus diesem grell geschminkten Mund, dünn wie ein Strich,

sogleich ein giftiges, böses Wort herauswindet.«

(Zum zweiten Teil)

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