Die Rache ist Dein von Faye Kellerman, 2001, Eichborn

Faye Kellerman

aus: Die Rache ist Dein

Nachts hätte es passieren sollen, in der abgelegensten Ecke eines schwach beleuchteten Parkplatzes. Statt dessen geschah es am helllichten Tag, mittags um fünf vor halb zwei. Farin wußte, wie spät es war, sie hatte durchs Autofenster auf die Uhr ihres Volvos geschaut - angeblich eines der sichersten Autos. Farin war eine Sicherheitsfanatikerin. Was ihr jetzt auch nicht viel half.
Es war nicht fair, sie hatte alles richtig gemacht, hatte auf einem offenen Gelände gegenüber vom Kinderspielplatz geparkt, Himmel noch mal! Überall waren Menschen. Zum Beispiel der Mann mit dem Pitbull, das Paar, das den sonnigen Pfad entlangging. Mütter hatten ein Auge auf ihre Kinder. Aber natürlich achtete keiner auf Farin. Viele Menschen, aber keiner würde ihr helfen, weil eine Waffe auf ihren Rücken gerichtet war.
Farin sagte: »Bitte, tun Sie meinem Kind ...«
»Halt die Klappe! Kein Wort, sonst bist du tot!« Die Stimme eines Mannes. »Sieh gradeaus!«
Farin gehorchte.
Die körperlose Stimme redete weiter. »Dreh dich nicht um, oder es knallt. Sieh mich nicht an. Kapiert?«
Farin nickte, hielt den Blick gesenkt. Seine Stimme war verhältnismäßig hoch. Er sprach abgehackt, vielleicht mit Akzent.
Sofort fing Tara an zu weinen. Mit zitternden Händen drückte Farin ihre Tochter an die Brust, summte ihr leise ins Ohr. Instinktiv schob sie ihre Handtasche über Taras Rücken, zog den Mantel über Tasche und Kind. Falls der Mann schoß, würden ihr Körper und die Handtasche Tara schützen, die Kugel mußte erst etwas anderes durchschlagen,
bevor sie ...
Die Waffe bohrte sich in ihren Rücken. Farin biß sich auf die Lippe, um nicht aufzuschreien.
»Laß die Tasche fallen!« befahl die Stimme.
Farin gehorchte sofort. Sie hörte, wie er die Handtasche durchwühlte, einhändig, die Waffe immer noch auf sie gerichtet.
Bitte mach, daß er nur die Handtasche will! MetaL klirrte. Ihre Schlüssel? Aus dem Augenwinkel sah sie, daß die Beifahrertür ihres Kombis geöffnet worden war. Wieder spürte sie den Druck der Waffe.
»Steig ein. Auf der Beifahrerseite! Sofort, oder ich erschieß dein Balg!«
Als ihr Kind erwähnt wurde, verlor Farin die Fassung. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie drückte die Kleine an sich, ging um die Motorhaube herum, jeder Gedanke an Flucht unmöglich, weil der Mann jeden Moment schießen konnte. An der offenen Tür blieb sie stehen.
»Steig ein!« blaffte er. »Schnell!«
Tara an die Brust gedrückt, bückte sie sich, schwankte, fand ihr Gleichgewicht, schob sich auf den Sitz.
»Rutsch rüber «
Farin wußte nicht recht, wie sie das machen sollte Der Wagen hatte Schalensitze, dazwischen eine Konsole. Unbeholfen und zögernd, Tara immer noch an sich gepreßt, hob sie ihren Hintern über die ledergepolsterte Konsole in den Fahrersitz. Nun saßen sie beide hinter das Steuer geklemmt. Wieder begann Tara zu weinen.
»Sie solls Maul halten!« knurrte er. Sie ist noch ein Baby! wollte Farin rufen. Sie hat Angst! Statt dessen wiegte sie die Kleine, sang ihr leise ins Ohr. Er saß direkt neben ihr, hatte die Waffe an ihre Rippen gepreßt.
Sieh ihn nicht an, ermahnte sich Farin. Sieh nicht hin, sieh nicht hin, sieh nicht hin!
Sie starrte geradeaus, merkte aber, daß die Waffe jetzt auf Taras Kopf gerichtet war.
Denk nach, Farin! Denk nach!
Doch ihr Kopf war leer, kein rettender Gedanke, nichts. Angst hatte jede Pore ihres Körpers durchdrungen, das Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Die Brust wurde ihr eng, ihr Atem ging schwer. Innerhalb von Sekunden fühlte Farin Benommenheit, und ihr wurde schwarz vor Augen. Sie sah Funken, hatte das schreckliche Gefühl, ins Nichts zu gleiten.
Nein, er hatte nicht abgedrückt. Sie war nur kurz davor, ohnmächtig zu werden!
Jetzt nicht, du Idiotin! Das darfst du nicht tun ...
»Gib mir das Gör! Fahr los!«
Tara saß immer noch auf ihrem Schoß, die kleinen Hände in Farins Bluse gekrallt. Wenn sie Tara losließ, waren sie beide hilflos, beide verloren; sie mußte endlich etwas unternehmen.
Ohne Vorwarnung warf sie sich seitwärts, rammte ihre Schulter mit aller Wucht gegen die Hand mit der Waffe. Obwohl er durch die plötzliche Bewegung die Waffe nicht losließ, wurde wenigstens sein Arm weggeschubst. Was Farin eine Sekunde Zeit gab.
Jetzt war die Konsole von Vorteil, denn der Mann mußte sie überwinden, um an Farin ranzukornmen. Sie drückte den Griff lunter, trat die Tür weit auf, umklammerte Tara, schoß aus dem Fahrersitz und wollte weglaufen.
Aber ihr Schuh blieb hängen, sie stolperte, fiel zu Boden.
Verdammt!
Im Fallen dachte sie: Fang den Fall mit der Hüfte ab, schütz Tara mit deinem Körper, dann tritt um dich ...
Sie drehte sich, landete auf Hüfte und Schulter, schrammte sich die Wange auf. Sofort rollte sie sich über Tara. Sie fand ihre Stimme wieder, stieß einen Schrei aus, der jedem Horrorfilm Ehre gemacht hätte.
Eine tiefe Männerstimme rief: »Was ist denn da drüben los?«
Obwohl sie nichts sehen konnte, hatte Farin das Gefühl, daß die Stimme zu dem Mann mit dem Pitbull gehörte.
Es knallte mehrmals.
0 Gott, dachte sie, er schießt auf mich!
Farin machte sich auf das Schlimmste gefaßt - das Stechen, den Schmerz, das Zusammenkrümmen oder was sonst kam ... auf sie war noch nie geschossen worden.
Aber nichts durchdrang ihren Körper.
Das Knallen kam vom Motor ihres Wagens. Sekunden später fuhr der Volvo mit kreischenden Reifen los. Einer der Hinterreifen rollte über Farins linken Fuß und Knöchel.
Jetzt kam der Schmerz! Er durchflutete ihren Kopf und ließ sie aufschluchzen. Laut, aber Taras durchdringende Schreie waren noch lauter.
Gott! Mein Kind ist verletzt! »Hilfe!« rief sie. »Warum hilft mir denn keiner?« Fuß und Knöchel waren gequetscht, ihr ganzer Unterkörper brannte vor Schmerz, besonders Beine und Hüften. Farin hob sich der Magen, das Gesicht fühlte sich an, als sei ein Bienenschwarm über sie hergefallen. Sie konnte kaum atmen, meinte, einen Herzanfall zu haben. Wenigstens konnte sie die Zehen ihres rechten Fußes bewegen, gelähmt war sie also nicht.
Während sie gequält stöhnte und schluchzte, sah sie den Mann mit dem braunen Pitbull auf sich zurennen. Er brüllte nach Hilfe, das konnte Farin hören. Der Pitbull bellte wie wild, bedrohlich, zerrte an der Leine. Plötzlich riß er sich los, kam in vollem Galopp auf sie zu!
Setzte zum Sprung an!
Flog durch die Luft!
Auch das noch! Er würde sie zerfleischen!
Der Hund war nur noch Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt.
Sie fiel in Ohnmacht, als der Pitbull ihr das tränenüberströmte Gesicht ableckte.

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