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Diese
sehr ernsten Scherze
(Leseprobe aus: Diese
sehr ernsten Scherze, Poetikvorlesungen, 2007, Wallstein-Wallstein)
Wer also Ihren Roman liest, um zu erfahren, wie es gewesen ist
...
Den muß ich enttäuschen, und dem muß ich abraten. Selbst wenn es zufällig so
gewesen sein sollte, wie ich es schildere was ich, unter uns gesagt, durchaus
für möglich halte , so wäre es trotzdem nicht »zutreffend« im faktischen
Sinn.
Aber noch einmal: Wären Ihre Figuren noch am Leben, all diese Argumente würden
Ihnen nichts nützen. Sie würden verklagt werden, und sie würden verlieren.
Mit Sicherheit.
Warum dürfen Sie also mit Gauß tun, was Sie mit Jürgen Habermas nicht tun dürften?
Darüber habe ich lange nachgedacht. Man hat unwillkürlich das Gefühl, daß es
hier einen fundamentalen Unterschied gibt, und ich meine, dieses Gefühl täuscht
nicht. Aber worin liegt er? Ich denke, es ist die Zeit. Persönlichkeitsrechte
werden von der vergehenden Zeit getilgt. Nicht nur in juridischer, auch in
moralischer Hinsicht. Es hat mit der Natur des Nachruhms zu tun: Wessen Name so
lange überlebt, daß seine Leistungen mit solcher Klarheit hervortreten, der
ist offenbar all den Erwägungen enthoben, daß man ihn schützen müsse vor der
schwärzenden Kraft der Erfindung. Oder anders gesagt: Man billigt ihm nicht
mehr das Recht auf Egoismus zu, auf Eitelkeit. Oder, wieder anders gesehen: Man
hat sich mit dem Umstand abgefunden, daß er tot ist. Ganz und gar und
vollkommen tot. Unserer Welt und ihrem Spott entrückt.
Und wie lange muß einer gestorben sein, damit er in diese Lage kommt?
Schwierige Frage. Vermutlich verlängert sich diese Zeitspanne parallel zu
unserer wachsenden Lebenserwartung. Aber ich möchte hier keine Zahl nennen. Prüfen
Sie Ihr Gefühl. Mit Einstein läßt sich wenig anstellen, ohne daß man es als
problematisch empfände. Mit Humboldt deutlich mehr. Mit Cicero alles.
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