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Die Wut
(Leseprobe aus:
Grenzgänger, Kurzgeschichten, 2000,
Wißner-Verlag).
Ich schlage ihr mit der flachen Hand ins Gesicht.
Meine Handfläche beginnt zu brennen und zu kribbeln. Auf ihrer rechten Wange
kann ich nun deutlich meine Fingerabdrücke wieder erkennen. Sie sieht mich noch
immer mit ihren leeren Augen an. Ich hasse diesen Ausdruck in ihrem Gesicht.
Ich lasse meine Hände nach ihrem Hals greifen und fest zudrücken. Jetzt endlich
verändert sich ihr Blick. Die Pupillen weiten sich mehr und mehr, ich spüre wie
sich ihre Fingernägel in das Fleisch meiner Arme pressen und spüre das warme
Blut in dünnen Linien an meinen Ellenbogen entlang herrunter fließen. Es macht
mich wütend wenn ich an die Narben denke, die zurückbleiben könnten. Ich drücke
ihre Kehle fester zu. Sie versucht noch immer vergeblich nach Luft zu schnappen,
verzerrt ihren Mund dabei unnatürlich in alle Richtungen und gibt dünne,
röchelnde Laute von sich.
Ich könnte sie ganz leicht umbringen. Jetzt in diesem Augenblick, könnte ich
ihrem Leben ein Ende setzen. Das Gefühl der absoluten Macht erregt mich. Ich
spüre die Kraft in mir immer größer, weiter und tiefer werden. Doch der Gedanke
an die Kinder lässt mich zu mir kommen. Ich weiß, ich muß an die Kinder denken.
Ich zerre sie an den Haaren in die Küche und presse ihren Kopf in den
Spülbecken, als ob sie es sei, die ich aufwecken müßte. Ich drehe das kalte
Wasser auf und drücke ihren Kopf fest darunter. Sie blutet aus dem Mund und ich
sehe die Blutstropen auf die verkrusteten Teller fallen. Sie ekelt mich an.
Selbst das Blut kann mich nicht mehr besänftigen.
Ich zerre sie zurück ans Bett und stoße sie darauf. Doch sie fällt zur Seite und
schlägt sich den Kopf an die Bettkante. Ich höre einen dumpfen, matten Laut. Sie
stöhnt und hällt sich mit beiden Händen den Kopf fest während ich ihr noch
einmal in die Nieren trete. Je erbärmlicher sie wird, umso mehr spüre ich den
Ekel durch meinen Körper zucken. Es wird zum innerlichen Drang, wieder und
wieder zuzuschlagen bis sie am Boden zusammenbricht. Ich lasse sie liegen,
schließe die Türe hinter mir zu und gehe nach draussen. Die milde Luft beruhigt
mich etwas. Als ich entlag der Häuser laufe frage ich mich, wie es die anderen
Männer tun. Wie sie ihre Frauen schlagen und stelle mir dabei ihre Gesichter
einzeln vor.
Es sind einige, die es tun. Ich weiß es. Ich kann die Wut in ihren Blicken
manchmal wieder erkennen.
Nach ein paar Runden gehe ich wieder zurück in das Haus. Ich sehe taub in den
Fernseher und esse die kalten Reste vom Abendessen.
Danach gehe ich ins Schlafzimmer zurück und sehe sie noch immer auf dem Boden
liegen. Ich bäuge mich zu ihr herrunter und lausche nach ihrem Atem und höre ihn
schnell durch die Nasenlöcher pressen.
Sie lebt. Ich lasse sie liegen, lege mich auf meine Seite, schließe meine Augen
und lasse mich im Gedanken in ferne Länder tragen.
Am Morgen höre ich sie in der Küche sprechen. Sie ist aufgestanden und bereitet
das Früstück für unsere Kinder vor. Ich stelle mir vor, wie sie wohl aussehen
könnte und weiß doch, dass es mich nicht interessiert. Ich spüre die Wut noch
immer an den Magenwänden entlang nach oben greifen.
Die Kinder werden es verkraften. Sie werden lernen damit zu leben. Je früher sie
sich damit abfinden umso besser ist es für uns alle. Auch ich hatte mich damit
abgefunden. Ich selbst habe es von meinem Vater nicht anders gekannt. Ich bin es
gewöhnt, daß man Frauen so behandelt.
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