Grenzgänger von Nurdan Kaya, 2000, Wißner

Nurdan Kaya

Die Wut
(Leseprobe aus:
Grenzgänger, Kurzgeschichten, 2000, Wißner-Verlag).

Ich schlage ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Meine Handfläche beginnt zu brennen und zu kribbeln. Auf ihrer rechten Wange kann ich nun deutlich meine Fingerabdrücke wieder erkennen. Sie sieht mich noch immer mit ihren leeren Augen an. Ich hasse diesen Ausdruck in ihrem Gesicht.
Ich lasse meine Hände nach ihrem Hals greifen und fest zudrücken. Jetzt endlich verändert sich ihr Blick. Die Pupillen weiten sich mehr und mehr, ich spüre wie sich ihre Fingernägel in das Fleisch meiner Arme pressen und spüre das warme Blut in dünnen Linien an meinen Ellenbogen entlang herrunter fließen. Es macht mich wütend wenn ich an die Narben denke, die zurückbleiben könnten. Ich drücke ihre Kehle fester zu. Sie versucht noch immer vergeblich nach Luft zu schnappen, verzerrt ihren Mund dabei unnatürlich in alle Richtungen und gibt dünne, röchelnde Laute von sich.
Ich könnte sie ganz leicht umbringen. Jetzt in diesem Augenblick, könnte ich ihrem Leben ein Ende setzen. Das Gefühl der absoluten Macht erregt mich. Ich spüre die Kraft in mir immer größer, weiter und tiefer werden. Doch der Gedanke an die Kinder lässt mich zu mir kommen. Ich weiß, ich muß an die Kinder denken.
Ich zerre sie an den Haaren in die Küche und presse ihren Kopf in den Spülbecken, als ob sie es sei, die ich aufwecken müßte. Ich drehe das kalte Wasser auf und drücke ihren Kopf fest darunter. Sie blutet aus dem Mund und ich sehe die Blutstropen auf die verkrusteten Teller fallen. Sie ekelt mich an. Selbst das Blut kann mich nicht mehr besänftigen.
Ich zerre sie zurück ans Bett und stoße sie darauf. Doch sie fällt zur Seite und schlägt sich den Kopf an die Bettkante. Ich höre einen dumpfen, matten Laut. Sie stöhnt und hällt sich mit beiden Händen den Kopf fest während ich ihr noch einmal in die Nieren trete. Je erbärmlicher sie wird, umso mehr spüre ich den Ekel durch meinen Körper zucken. Es wird zum innerlichen Drang, wieder und wieder zuzuschlagen bis sie am Boden zusammenbricht. Ich lasse sie liegen, schließe die Türe hinter mir zu und gehe nach draussen. Die milde Luft beruhigt mich etwas. Als ich entlag der Häuser laufe frage ich mich, wie es die anderen Männer tun. Wie sie ihre Frauen schlagen und stelle mir dabei ihre Gesichter einzeln vor.
Es sind einige, die es tun. Ich weiß es. Ich kann die Wut in ihren Blicken manchmal wieder erkennen.
Nach ein paar Runden gehe ich wieder zurück in das Haus. Ich sehe taub in den Fernseher und esse die kalten Reste vom Abendessen.
Danach gehe ich ins Schlafzimmer zurück und sehe sie noch immer auf dem Boden liegen. Ich bäuge mich zu ihr herrunter und lausche nach ihrem Atem und höre ihn schnell durch die Nasenlöcher pressen.
Sie lebt. Ich lasse sie liegen, lege mich auf meine Seite, schließe meine Augen und lasse mich im Gedanken in ferne Länder tragen.
Am Morgen höre ich sie in der Küche sprechen. Sie ist aufgestanden und bereitet das Früstück für unsere Kinder vor. Ich stelle mir vor, wie sie wohl aussehen könnte und weiß doch, dass es mich nicht interessiert. Ich spüre die Wut noch immer an den Magenwänden entlang nach oben greifen.
Die Kinder werden es verkraften. Sie werden lernen damit zu leben. Je früher sie sich damit abfinden umso besser ist es für uns alle. Auch ich hatte mich damit abgefunden. Ich selbst habe es von meinem Vater nicht anders gekannt. Ich bin es gewöhnt, daß man Frauen so behandelt.

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