Daniel
Katz
Treibholz im
Fluß
(Leseprobe aus: Treibholz im Fluß, Roman, 2005, Klett-Cotta
- Übertragung Stefan Moster)
In jenem Jahr, vor nicht allzu langer Zeit, kamen
die Herbststürme früher als sonst. Der Regen setzte ein, als im August die
Schule begann und hielt bis September pausenlos an. Der Fluß, der träge durch
die schmale, fruchtbare Ebene rann und nach dem heißen Sommer deutlich
schmäler geworden war, schwoll zum reißenden Strom an. Von den Bauern wurde
die tief liegende Ebene pompös als Prärie bezeichnet, der Fluß war seit
undenklichen Zeiten als Söligaån, Trödelfluß, oder vertraulicher als
Söligan, Trödler bekannt, und unter diesem Namen war er jahrhundertelang in
die Meeresbucht geflossen. Als vor einem Vierteljahrtausend beschlossen wurde,
die Dörfer, die sich um die Mündung des Flusses gruppiert hatten,
zusammenzulegen und auf Geheiß des Schwedischen Königs, oder besser der
Königin, zur Stadt – sie sei hier N. genannt - erhoben wurden, war den
Bürgern dieser Stadt der Trödelfluß nicht mehr gut genug, und sie tauften den
Fluß nach der frisch gebackenen Stadt ebenfalls auf den Namen N. Sie waren
nämlich stolz auf ihr kümmerliches Städtchen, und Stolz schwächt die
Phantasie und verdrängt jedes Stilempfinden.
Der Gebrauch des Buchstaben N als Bezeichnung für die Stadt und den Fluß
beweist kein sonderlich entwickeltes Stilgefühl, mag einer murren. Der Benutzer
des Buchstabens N beruft sich zu seiner Verteidigung auf Anton Tschechow, der in
den meisten seiner Geschichten Städte, Dörfer, ja sogar Personen bloß mit
einem großen Buchstaben bezeichnete. Manchmal war es der Anfangsbuchstabe des
Namens, aber nicht immer. In dieser Geschichte ist er es nicht. Was in
Tschechows Geschichten gut genug war, muß auch hier gut genug sein. Und auch
wenn die Formulierung „in jenem Jahr“ nicht eindeutig die Frage beantwortet
"in welchem Jahr?", so gibt sie doch immerhin zu verstehen, daß die
Erzählung in einem bestimmten Jahr angesiedelt ist, zum Unterschied von allen
anderen Jahren. In der heutigen Prosa fallen die Zeitangaben oft wesentlich
ungefährer aus.
Ivo Andric, der später noch das ein oder andere Mal Erwähnung finden wird, und
zwar jedes Mal unter seinem eigenen Namen, beginnt sein berühmtes Buch Die
Brücke über die Drina mit dem Satz: "Den größeren Teil ihres Laufs
fließt die Drina zwischen steilen Bergen durch enge Schluchten...“ Bereits im
übernächsten Satz erwähnt er die Stadt Wischegrad, „wo die Drina in jähem
Sturz aus der tiefen und engen Klamm hervorbricht, die die Butkower Felsen und
die Uzawer Berge bilden". Auf diese Weise nennt Andric sowohl die Stadt als
auch den Fluß, der sie durchfließt gleich auf der ersten Seite, und daneben
noch die Namen einiger Landmarken. Aber seine Erzählung beginnt Anfang des 16.
Jahrhunderts und endet mit dem Ersten Weltkrieg, und es sind nicht mehr viele
Türken, Bosniaken, Serben, Kroaten oder Juden aus jener Zeit am Leben, weder
die namentlich genannten noch die namenlosen, und diejenigen, die noch leben,
pfeifen auf dem letzten Loch. Selbst der Autor ist bereits in den vornehmen
Himmel der Nobelpreisträger aufgefahren. Nur die Brücke über die Drina steht
noch immer in Wischegrad, von vielen Kriegen ramponiert. Freilich verbindet sie
nicht mehr die christlichen Viertel der Stadt mit den muslimischen, denn die
Moslems sind vor dem letzten, dem vorerst letzten ethnischen Krieg geflohen,
diejenigen jedenfalls, die die Serben noch nicht umgebracht hatten.
Die Vorbilder für die Figuren dieser Geschichte hingegen sind, während dies
niedergeschrieben wird, noch am Leben. Sie treten nicht unter ihren eigenen
Namen auf, aber würden Stadt und den Fluß beim richtigen Namen genannt werden,
könnten sie sich durch Schlußfolgerungen leicht in der Geschichte wiederfinden
und anfangen, wegen Kleinigkeiten Scherereien zu machen. Vorläufig besteht
diese Gefahr nicht. Sie wissen nicht, in welchem Buch sie auftreten. Während
dies niedergeschrieben wird, hat das Buch keinen Namen.
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