|
|
Kubik
(Leseprobe aus: Kubik,
Roman, 1969/2005, Dörlemann-Verlag - Übertragung
Swetlana Geier).
… Ist denn das möglich, daß ich auch dieserJunge bin? …
Eines schönen Tages ahnte er, daß eine Verbrecherbande in der Stadt ihr Wesen
trieb. Hie und da tauchten an Mauern die Buchsta-benOW auf. Was bedeuteten sie?
Das konnte doch nicht einfach Olga– zum Beispiel– Wasil-jewa, oder Ossip–
zum Beispiel– Weinstein heißen! Denen wäre doch nicht eingefallen, in der
ganzen Stadt herumzuziehen und in Vororten, in Schlupfwinkeln, hinter dem
Bahnhof, in den Hafengassen, auf Friedhöfen, überall an den Mauern ihre
Initialen einzukratzen? Nein, nein! …
Etwas Gefährliches und gleichzeitig Faszinierendes war in diesen manchmal großen,
ein anderes Mal kleinen Buchstaben OW, irgendeine geheime Bedeutung. Sie waren
etwas ganz anderes als beispielsweise die allgemein vertrauten schwarzen
Buchstaben PK auf dem roten Blechtäfelchen im unteren Foyer des Stadttheaters,
neben dem Glaskasten mit der Brandspritze aus Segeltuch, deren lange konische
Spitze aus blankgeputztem rotem Kupfer miteinem Schäufelchen versehen war, das
dem zischenden Wasserstrahl die Form eines breitenPalmwedels verlieh. Es –
dieses Täfelchen – gehörte zu der Familie der Feuerwehrgeräte, wie der
breite Gürtelaus Segeltuch mit einem Ring, das feuersichereHemd aus Asbest, die
kleine Axt, der Brandhaken, die Feuerwehrleiter, der Messinghelm, indem sich in
der Stunde der Not, beim Läutender Feuerglocke, der feurige Schweif der
dahinfliegenden Fackel spiegelte.
Die Buchstaben PK bedeuten nichts anderesals Hydrant. OW– das war etwas ganz,
ganz anderes.
Die Verbrecher sollten unschädlich gemacht, in das Gefängnis Sing-Sing, ihr Häuptling
auf den elektrischen Stuhl gebracht werden, und die Schätze sollte man
behalten. Aber es galt äußerst vorsichtig vorzugehen, um die Gesellen nicht
aufzuscheuchen, den Knäuel einen Yard nach dem anderen behutsam zu entwirren,
bis man alle Fäden in der Hand hatte; im gegenteiligen Fall könnten die
Schurken ihn rücklings überfallen, mit dem vergifteten Dolch des Negus
erstechen oder mit einem unhörbaren Schuß aus dem Luftgewehr niederstrecken
und die Leiche in die Themse werfen. Er sah sogar die hohe Gitterbrücke vor
sich und den gelben Mond in dem leuchtend blauen Himmel Londons über der
Themse, wo sein armer Körperversank.
Ganz in solche Gedanken versunken, mit zusammengebissenen Zähnen, geballten Fäusten,
zusammengezogenen Augenbrauen und blicklosen Augen, kam der Junge bis zu der
Ecke und sah plötzlich ein neues Mädchen, dessen ärmliches kariertes
Kleidchen ihn sofort in Erstaunen setzte.
Ist es Ihnen schon aufgefallen, daß das Staunender erste Schritt zur Liebe ist?
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © Dörlemann