aus: Sei kein Frosch, Malin
Es ist früh am Morgen
und Mama weckt mich.
"Malinmaus, Zeit zum Aufwachen", sagt sie und ich spüre ihre weiche Hand an
meiner Wange.
Ich drehe mich um, öffne langsam die Augen, blinzle.
"Mmm", sage ich und hoffe, dass Mama sich auf mein Bett setzt, damit ich ihr den
Kopf in den Schoß legen kann.
Aber Mama hat Simon auf dem Arm.
"Was ist, kommst du jetzt?", sagt sie und klatscht Simon auf den Hintern, damit
er rülpst. Dann geht sie.
Ich bleibe liegen.
Unten in der Küche höre ich die Stimmen, die Schmusestimmen, die Mama und Göran nur
benützen, wenn sie mit Simon sprechen. Mit Simon Schreibaby, Görans Baby.
Ich stehe auf und gehe rüber in Josefins Zimmer.
"Malin", sagt Mama von der Treppe her, "Josefin darf heute ausschlafen,
lass sie lieber in Ruhe!"
Ich sage nichts, gehe nur in die Küche runter und gieße Milch in ein Glas, schön
langsam, damit man zusehen kann, wie die Milch im Glas nach oben klettert. Ich gieße und
gieße, bis das Glas ganz voll ist und die Milch sich nach außen wölbt, als würde sie
am Glasrand festsitzen.
Mama nimmt mir die Milchpackung aus der Hand.
"Maus", sagt sie, "was treibst du da eigentlich?"
Aber Mama ist nicht eigentlich verärgert, das höre ich ihrer Stimme an, also schlürfe
ich die Milch vorsichtig vom Glasrand und verschütte dabei fast nichts.
Simon gibt gurgelnde Töne von sich.
"Oho, oho", sagt Göran mit seiner Schmusestimme, "na, so was, kannst du
etwa sprechen, Simon?"
"Ja, kann unser Sohnemann schon sprechen?", sagt Mama mit ihrer Schmusestimme.
Als ich meine Hand nach dem Brot ausstrecke, kippt mein Milchglas um, ich weiß nicht,
warum, jedenfalls kippt es um und die Milch läuft über den Käse und das Brot und über
die Zeitung und Simon. Simon brüllt.
Mama und Göran seufzen.
"Ach Malin", sagen sie im Chor und von der Schmusestimme ist nichts mehr zu
hören.
Ich stelle mein Glas wieder hin, ein kleiner Rest Milch ist immerhin noch drin. Als ich
die Zeitung hochhebe, breitet sich eine große weiße Pfütze darunter aus.
"Hör jetzt mit dem Geklecker auf!", sagt Göran streng und fuchtelt mit der
Rolle Haushaltpapier durch die Luft.
Inzwischen hat Mama Schrei-Simon ins Bad gebracht.
Ich geh die Treppe hinauf zu Josefin. Die ist jetzt bestimmt sowieso schon wach.
Vorsichtig öffne ich die Tür, trete ein und setze mich auf Josefins Bett.
Josefin dreht sich um, ohne mich anzusehen.
"O Mann, was treibt ihr eigentlich da unten?", fragt sie gereizt. "Darf man
in dem Haus denn nie schlafen?"
Sie kriecht an die Wand hin, so dass nur ihre Haare über der Decke zu sehen sind. Ich
muss daran denken, wie weich ihre Haare sich anfühlen, und strecke die Hand aus, um sie
leicht zu berühren.
"Ich hab Milch verschüttet - auf Simon", flüstere ich ganz, ganz leise.
Josefin antwortet nicht.
Vielleicht hat sie es nicht gehört.
Oder sie will es nicht hören.
Also gehe ich wieder aus dem Zimmer und schließe leise die Tür hinter mir.
"Hast du jetzt auch noch Josefin geweckt?", fragt Mama. "Ich hab dir doch
gesagt, dass du sie in Ruhe lassen sollst!"
Ihre Stimme klingt gereizt. Die Schmusestimme, die kriege ich nie zu hören. In meinen
Augen brennen Tränen.
Ohne mich umzuschauen, renne ich in mein Zimmer.
Alles, was ich mache, ist bloß dumm und falsch.
Und Josefin schläft und schläft.
Ich stecke den Kopf unters Kissen. Wenn sie hören, dass ich weine, werden sie sich
garantiert auch darüber noch beschweren. Vorne am Bauch ist mein Schlafanzug ganz nass.
Nach tausend Stunden kommt Mama ins Zimmer.
"Malin", sagt sie mit ihrer normalen Stimme.
Ich antworte nicht. Mama setzt sich auf mein Bett.
"Malin, Maus", sagt sie mit lieber Stimme, und es ist, als würde die Stimme
einen irgendwie ganz behutsam streicheln. "Malin, Schatz, bist du traurig? Meine
kleine Maus."
Sie zieht mich auf ihren Schoß. Ich bin schlaff wie eine Puppe und helfe ihr kein
bisschen dabei, schließe bloß die Augen, und die Tränen fließen und fließen, obwohl
ich es gar nicht will.
"Aber du bist ja ganz nass", sagt Mama und zieht an meinem Schlafanzugärmel. Da
strecke ich die Arme in die Luft, damit es leichter geht, und die Hose ziehe ich ebenfalls
aus, weil die vielleicht auch ein bisschen nass geworden ist.
Mir ist so kalt, dass ich an Mama hinschlüpfen muss. Sie öffnet ihren Morgenrock und ich
kauere mich zu einem kleinen Ball zusammen und krieche hinein. Mama streichelt meinen
Rücken. Jetzt fühle ich mich fast noch kleiner als Simon.
"Mein süßes kleines Äffchen", sagt Mama.
Als sie wieder in die Küche runtergeht, klammere ich mich an sie und bleibe an ihr
hängen. Dann trinke ich noch ein Glas Milch und esse ein Brot.
Simon sitzt bei Göran auf dem Schoß. Inzwischen schreit er nicht mehr.
Ich drehe mich um und gucke Mama und Mamas Nachthemd an. Über ihrer Brust sind zwei nasse
Flecken aufgetaucht.
Da muss ich lachen.
"Du hast auch Milch verschüttet", sage ich.
Mama macht ein verdutztes Gesicht, sieht erst mich an und dann das Nachthemd. Dann nickt
sie und lacht leise.
"Ja, da hast du Recht", sagt sie.!
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