aus: Die isländische Mafia
Es war Pfarrer
Sigvaldi, der den Kiosk bekam.
Pfarrer Sigvaldi: das war schon ein besonderer Mann. Irgendwie hatte er sich bei den
Männern der Kirche so verabschiedet, daß es keine Möglichkeit mehr für ihn gab, dort
noch zu Arbeit oder Ehre zu kommen. Er bewarb sich zwar zwei- oder dreimal auf
Stellenausschreibungen als Pfarrer in diesen Jahren, aber gewöhnliche Gemeindemitglieder
wollten ihn lieber nicht bei sich sehen, er erlitt demütigende Niederlagen, so daß Lára
ihm verbot, es noch weiter zu versuchen. Schon zuvor hatte sie ihm völlig die Kontrolle
über die Finanzen entzogen und ihn von allen weltlichen Angelegenheiten ausgeschlossen,
weil ihm alles immer schrecklich mißglückt war, so daß Pfarrer Sigvaldi keinen anderen
Lebensinhalt hatte, als zu Hause herumzuhängen oder die Straßen der Innenstadt
abzulaufen, mit schmeichlerischem und wichtigtuerischem Gesicht, und in verschwörerischer
Art große Neuigkeiten zu verraten, in irgendwelchen Klatschclubs in einem der Cafés
unten in der Stadt. Eine Zeitlang stürzte er sich auch in die Politik, schaffte es, sich
in die Leitung eines Ortsvereins jener Partei wählen zu lassen, die die Stadt regierte.
Aber schlußendlich erwies sich auch das nicht als dem Ansehen der Familie förderlich,
und er wurde hübsch dort hinausmanövriert.
Er hatte keinerlei Einkommen.
In der Familie Killian machte man sich darüber lustig, daß die Aktentasche, mit der er
immer in der Stadt herumlief, voller alter Tageszeitungen sei. Aber dann wurde ihm der
Kiosk zum Kauf angeboten, der kleine Süßigkeitenladen mit Eis und Würstchen, den sein
Schwager BárDur einige Zeit betrieben hatte, aber jetzt gern loswerden wollte, und das
Ergebnis war, daß Lára ihrem Ehemann erlaubte, seine Kräfte an diesem Geschäft zu
versuchen. Von irgend etwas mußte die Familie ja leben, denn Lára arbeitete zwar selbst
halbtags im Schulamt der Stadt Reykjavík, aber das reichte nicht aus.
Pfarrer Sigvaldi hatte sich bereits früher einmal an einer kaufmännischen Tätigkeit
versucht, aber mit beschämendem Mißerfolg, und man kann auch nicht sagen, daß der Kiosk
unter seiner Obhut florierte. Er stand selbst von morgens bis abends hinter dem Tresen, in
Anzug und Weste und manchmal sogar mit einem Hut auf dem Kopf.
Mit verschwitztem Gesicht und hintergründigem Lächeln fischte er die Würstchen aus dem
Topf, steckte sie in ein Brötchen und schmierte Senf und Ketchup darüber, und sie waren
unappetitlich und kalt, und das Eis wurde sauer und klumpig, und der Laden füllte sich
mit abgestandenem Essensgeruch, und die Warenauswahl ging steil bergab. Sogar die
Jugendlichen von der Schule nebenan begannen, in der Pause lieber ins nächste Viertel zu
sprinten, um nicht bei dem Gottesmann einkaufen zu müssen. Trotzdem schien er bei diesem
Business keine Verluste zu machen, und das kam allerdings vielen verwunderlich vor...
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