Die isländische Mafia von Einar Kárason, 2001, ZsolnayEinar Kárason

aus: Die isländische Mafia

Es war Pfarrer Sigvaldi, der den Kiosk bekam.
Pfarrer Sigvaldi: das war schon ein besonderer Mann. Irgendwie hatte er sich bei den Männern der Kirche so verabschiedet, daß es keine Möglichkeit mehr für ihn gab, dort noch zu Arbeit oder Ehre zu kommen. Er bewarb sich zwar zwei- oder dreimal auf Stellenausschreibungen als Pfarrer in diesen Jahren, aber gewöhnliche Gemeindemitglieder wollten ihn lieber nicht bei sich sehen, er erlitt demütigende Niederlagen, so daß Lára ihm verbot, es noch weiter zu versuchen. Schon zuvor hatte sie ihm völlig die Kontrolle über die Finanzen entzogen und ihn von allen weltlichen Angelegenheiten ausgeschlossen, weil ihm alles immer schrecklich mißglückt war, so daß Pfarrer Sigvaldi keinen anderen Lebensinhalt hatte, als zu Hause herumzuhängen oder die Straßen der Innenstadt abzulaufen, mit schmeichlerischem und wichtigtuerischem Gesicht, und in verschwörerischer Art große Neuigkeiten zu verraten, in irgendwelchen Klatschclubs in einem der Cafés unten in der Stadt. Eine Zeitlang stürzte er sich auch in die Politik, schaffte es, sich in die Leitung eines Ortsvereins jener Partei wählen zu lassen, die die Stadt regierte. Aber schlußendlich erwies sich auch das nicht als dem Ansehen der Familie förderlich, und er wurde hübsch dort hinausmanövriert.
Er hatte keinerlei Einkommen.
In der Familie Killian machte man sich darüber lustig, daß die Aktentasche, mit der er immer in der Stadt herumlief, voller alter Tageszeitungen sei. Aber dann wurde ihm der Kiosk zum Kauf angeboten, der kleine Süßigkeitenladen mit Eis und Würstchen, den sein Schwager BárDur einige Zeit betrieben hatte, aber jetzt gern loswerden wollte, und das Ergebnis war, daß Lára ihrem Ehemann erlaubte, seine Kräfte an diesem Geschäft zu versuchen. Von irgend etwas mußte die Familie ja leben, denn Lára arbeitete zwar selbst halbtags im Schulamt der Stadt Reykjavík, aber das reichte nicht aus.
Pfarrer Sigvaldi hatte sich bereits früher einmal an einer kaufmännischen Tätigkeit versucht, aber mit beschämendem Mißerfolg, und man kann auch nicht sagen, daß der Kiosk unter seiner Obhut florierte. Er stand selbst von morgens bis abends hinter dem Tresen, in Anzug und Weste und manchmal sogar mit einem Hut auf dem Kopf.
Mit verschwitztem Gesicht und hintergründigem Lächeln fischte er die Würstchen aus dem Topf, steckte sie in ein Brötchen und schmierte Senf und Ketchup darüber, und sie waren unappetitlich und kalt, und das Eis wurde sauer und klumpig, und der Laden füllte sich mit abgestandenem Essensgeruch, und die Warenauswahl ging steil bergab. Sogar die Jugendlichen von der Schule nebenan begannen, in der Pause lieber ins nächste Viertel zu sprinten, um nicht bei dem Gottesmann einkaufen zu müssen. Trotzdem schien er bei diesem Business keine Verluste zu machen, und das kam allerdings vielen verwunderlich vor...

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