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Die Grenze
überschreiten
(Leseprobe aus: Meine Reisen mit Herodot, 2005, Eichborn
- Übertragung Martin Pollack)
Ehe Herodot seine Reise fortsetzt, felsige
Gebirgspfade bezwingt, mit dem Schiff übers Meer fährt, auf dem Pferderücken
die unwegsamen Weiten Asiens durchstreift, ehe er zu den mißtrauischen Skythen
gelangt, die Wunder Babylons entdeckt und die Geheimnisse des Nils erforscht,
ehe er hundert andere Orte kennenlernt und tausend unbegreifliche Dinge zu
Gesicht bekommt, erscheint er für einen Moment in der Vorlesung über das
antike Griechenland, die Frau Professor Biezuiska-Malowist zweimal in der Woche
für Studenten des ersten Jahres der Geschichte an der Universität Warschau hält.
Er erscheint und verschwindet gleich wieder.
Er verschwindet augenblicklich und so gründlich, daß ich jetzt, wenn ich Jahre
später meine Mitschriften von diesen Vorlesungen durchsehe, seinen Namen darin
gar nicht finde. Da gibt es Aischylos
und Perikles, Sappho
und Sokrates,
Heraklit und Platon,
doch keinen Herodot. Dabei verfaßten wir diese Notizen mit größter Sorgfalt,
denn sie waren die einzige Quelle unseres Wissens: knapp fünf Jahre zuvor war
der Krieg zu Ende gegangen, die Stadt lag in Trümmern, die Bibliotheken hatte
das Feuer verschlungen, so daß wir keine Skripten besaßen und uns Bücher
fehlten. Unsere Frau Professor hatte eine ruhige, leise, gleichmäßige Stimme.
Ihre dunklen, aufmerksamen Augen musterten uns durch dicke Gläser mit
merklichem Interesse. Sie saß an einem hohen Katheder und hatte Hunderte junger
Menschen vor sich, von denen die meisten keine Ahnung hatten, daß Solon groß
war oder Antigone verzweifelt, und auch nicht erklären konnten, auf welche
Weise Themistokles die Perser bei Salamis in die Falle gelockt hatte.
Um die Wahrheit zu sagen, wußten wir nicht einmal richtig, wo Griechenland lag und daß ein Land dieses Namens eine so unerhörte, beispiellose Geschichte besaß, die es wert war, daß man sie an der Universität studierte. Wir waren Kinder des Krieges, während des Krieges waren die Gymnasien geschlossen gewesen, und obwohl man sich in den großen Städten von Zeit zu Zeit in konspirativen Vorlesungen getroffen hatte, saßen hier, in diesem Saal, vorwiegend Mädchen und Jungen aus entlegenen Dörfern und kleinen Städten, unbelesen und ungebildet. Es war das Jahr 1951, und man wurde ohne Aufnahmeprüfung zum Studium zugelassen, denn es zählte vor allem die Herkunft - und Kinder von Arbeitern und Bauern hatten die besten Aussichten, immatrikuliert zu werden.
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