Meine Reisen mit Herodot von Ryszard Kapuscinski, 2005, Eichborn

Ryszard Kapuściński

Die Grenze überschreiten
(Leseprobe aus: Meine Reisen mit Herodot, 2005, Eichborn - Übertragung Martin Pollack)

Ehe Herodot seine Reise fortsetzt, felsige Gebirgspfade bezwingt, mit dem Schiff übers Meer fährt, auf dem Pferderücken die unwegsamen Weiten Asiens durchstreift, ehe er zu den mißtrauischen Skythen gelangt, die Wunder Babylons entdeckt und die Geheimnisse des Nils erforscht, ehe er hundert andere Orte kennenlernt und tausend unbegreifliche Dinge zu Gesicht bekommt, erscheint er für einen Moment in der Vorlesung über das antike Griechenland, die Frau Professor Biezuiska-Malowist zweimal in der Woche für Studenten des ersten Jahres der Geschichte an der Universität Warschau hält.
Er erscheint und verschwindet gleich wieder.
Er verschwindet augenblicklich und so gründlich, daß ich jetzt, wenn ich Jahre später meine Mitschriften von diesen Vorlesungen durchsehe, seinen Namen darin gar nicht finde. Da gibt es Aischylos und Perikles, Sappho und Sokrates, Heraklit und Platon, doch keinen Herodot. Dabei verfaßten wir diese Notizen mit größter Sorgfalt, denn sie waren die einzige Quelle unseres Wissens: knapp fünf Jahre zuvor war der Krieg zu Ende gegangen, die Stadt lag in Trümmern, die Bibliotheken hatte das Feuer verschlungen, so daß wir keine Skripten besaßen und uns Bücher fehlten. Unsere Frau Professor hatte eine ruhige, leise, gleichmäßige Stimme. Ihre dunklen, aufmerksamen Augen musterten uns durch dicke Gläser mit merklichem Interesse. Sie saß an einem hohen Katheder und hatte Hunderte junger Menschen vor sich, von denen die meisten keine Ahnung hatten, daß Solon groß war oder Antigone verzweifelt, und auch nicht erklären konnten, auf welche Weise Themistokles die Perser bei Salamis in die Falle gelockt hatte.

Um die Wahrheit zu sagen, wußten wir nicht einmal richtig, wo Griechenland lag und daß ein Land dieses Namens eine so unerhörte, beispiellose Geschichte besaß, die es wert war, daß man sie an der Universität studierte. Wir waren Kinder des Krieges, während des Krieges waren die Gymnasien geschlossen gewesen, und obwohl man sich in den großen Städten von Zeit zu Zeit in konspirativen Vorlesungen getroffen hatte, saßen hier, in diesem Saal, vorwiegend Mädchen und Jungen aus entlegenen Dörfern und kleinen Städten, unbelesen und ungebildet. Es war das Jahr 1951, und man wurde ohne Aufnahmeprüfung zum Studium zugelassen, denn es zählte vor allem die Herkunft - und Kinder von Arbeitern und Bauern hatten die besten Aussichten, immatrikuliert zu werden.

Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © Eichborn