Der Fliegenpalast von Walter Kappacher, Residenz, 2009

Walter Kappacher

Der Fliegenpalast
(Leseprobe aus: Der Fliegenpalast, Prosa, 2009, Residenz-Verlag).

An einem der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden. Hatte die Erinnerung an die glücklichen Tage und Wochen hier, vor so vielen Jahren, ihm einen furchtbaren Streich gespielt?

Was sich in Bad Fusch jetzt Grandhotel nannte, war in Wirklichkeit ein Hotel dritter Klasse, oder ein besserer Gasthof. Damals freilich, in den neunziger Jahren, noch um die Jahrhundertwende, war seine Familie, waren selbst verwöhntere Gäste in den Sommerfrischen der Monarchie nicht so anspruchsvoll gewesen wie heutzutage. Oft logierte man in den Schlafzimmern von Bauersleuten, welche den Sommer über auf den Dachböden schliefen.

Jetzt habe ich hier den halbvollen Nachttopf unterm Bett, kam ihm in den Sinn, und es gibt keine Klingel, schon gar kein Telefon, um die Vroni oder die Kreszenz zu rufen. Warum bin ich nicht in Lenzerheide geblieben, bei dem guten Carl? Das Zimmer war in Ordnung gewesen, das Essen erstklassig. Schweizerisch eben: dort hatte nicht der unselige Krieg alles ruiniert. Anders, als er sich in Lenzerheide vorgestellt hatte, konnte er jedoch in der Fusch ebenso wenig arbeiten wie in der Schweiz. Es war ihm hier bis jetzt nicht möglich gewesen, aus der Ungestörtheit für seine Arbeit Nutzen zu ziehen.

Das Beste hier in der Fusch war ja im Gegenteil tatsächlich die Bekanntschaft mit dem Doktor Krakauer, und er hoffte sehr, daß sie jetzt nicht abriß – es wäre eine zu arge Strafe für seinen Fauxpas. Seit drei Tagen war Krakauer nun wie vom Erdboden verschluckt – andererseits war er selber zuletzt die meiste Zeit in seinem Zimmer an dem Tischchen am Fenster gesessen und hatte es nicht glauben können, daß seine Phantasie, sein Assoziationsvermögen ihn wieder einmal völlig im Stich ließen.

Tatsächlich, überlegte er, verdanke ich es meinem Kreislaufkollaps, daß ich Krakauer begegnet bin – dem wunderbaren Zufall, daß er gerade vorbeikam!

UNVERGESSEN der Blick in das feine Geäst, die strahlende Krone der … Buche wahrscheinlich … Äderchen, die Linien des Lebens … oder Ahorn?

Wie die Blätter leuchteten, manche golden, die meisten grün. Was ist mir in dem Moment alles durch den Kopf gewischt? Fünf Tage ist das nun her – oder vier?

Rezension I Buchbestellung 0I09 LYRIKwelt © Residenz Verlag