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Selina oder das andere Leben
(Leseprobe aus:
Selina oder das andere Leben,
Roman, 2005, Deuticke)
Die erste Reise ins Valdarno, im letzten Sommer, hatte er völlig
ahnungslos angetreten. Vor der Abreise war er die meiste Zeit schlaflos im Bett
gelegen. Am Vorabend hatte er den Wagen, der mit umklappbaren Rücksitzen
ausgestattet war, vollgepackt, auf dem Dachträger eine Matratze fest verschnürt.
Um fünf Uhr früh hatte es geregnet. Als er zuletzt um den Wagen herumging,
schien ihm, er sei überladen. Auf dem Beifahrersitz lag eine flache Schachtel für
Papiere, Lire-Kleingeld, Traubenzucker, eine Landkarte. Ein Lehrerkollege hatte
ihm geraten, sonntags zu fahren, sonntags sei wenig Schwerverkehr auf den
italienischen Autobahnen. Die Abfahrt im Regen, noch im Dunklen: ein großer
Moment. Den Motor starten, Gang einlegen, los. Die Nervosität plötzlich wie
weggeblasen. Die nächtlichen Straßen der Stadt leer, das Licht der Lampen
spiegelte sich auf der nassen Fahrbahn. Nach der Einmündung auf die Autobahn
nahe dem Walserberg um in Richtung Rosenheim in das Inntal zu gelangen, fand er
sich plötzlich inmitten einer zweispurigen Kolonne deutscher Urlauber, die aus
Italien und Kärnten zurückkehrten, vermutete er. Beim Einlenken auf die
Autobahn hätte ihn beinah ein alter Mercedes gerammt, welcher, ihn überholend,
im Regenschleier mit hoher Geschwindigkeit schemenhaft, abstandslos an ihm
vorbeischnitt und sich vor ihm positionierte. Erschrocken hatte er hinübergeschaut.
Der Abstand von Wagen zu Wagen war höchstens ein paar Zentimeter; für einen
Moment sah er, daß dieses alte Auto mit mindestens sechs oder sieben Personen
besetzt war, der Kopf des vornübergebeugten Fahrers knapp über dem Lenkrad.
Nach den ersten dreißig Kilometern in Bayern wurde ihm klar, daß er das Fahren
auf der Autobahn hätte üben sollen; nun mußte er mithalten mit den hohen
Geschwindigkeiten der übrigen Autofahrer, die ihn, der mit hundertzwanzig
Stundenkilometern fuhr, der Reihe nach überholten. Die Sicht war schlecht und
wurde erst nach dem Brenner besser. Vor dem Überholen fürchtete er sich bald,
besonders vor dem Überholen von Schwertransportern, deren Räder über den
gestrichelten Mittelstreifen herüberreichten und nur eine schmale Spur zwischen
ihm und den Leitschienen freiließen. In den schnellen Kurven Oberitaliens
irritierten ihn beim Überholen bei hundertdreißig Stundenkilometern die auf
den Mittelstreifen zwischen den Leitschienen wachsenden Pflanzen und Sträucher,
die der Wind hin und her bewegte; sie störten die Wahrnehmung, besser, die
Koordination zwischen dem Wahrnehmen der rasend auf ihn zuschießenden
bedrohlichen Außenwelt und dem richtigen Reagieren darauf mittels Lenkrad und
Gaspedal; er fürchtete, die Kontrolle zu verlieren. Nach der Mittagspause auf
einem Parkplatz zwischen Modena und Bologna merkte er, daß er sekundenlang
abwesend gewesen war; was sich auf den letzten dreihundert oder mehr Metern
ereignet hatte, war ihm nicht erinnerlich.
Diese mehr als zehnstündige Autobahnfahrt über den Brenner nach Bologna und
Florenz bis zur Ausfahrt San Giovanni Valdarno, der eine weitere fünfzigminütige
Fahrt auf Landstraßen und zuletzt Güterwegen folgte, war für ihn Ahnungslosen
ungefähr von Bozen bis Florenz das Fürchterlichste, was er je erlebt hatte,
und er dachte sich auf dem Parkplatz bei San Giovanni, während er den Rest des
warm gewordenen Mineralwassers trank und auf der Landkarte die Orte Terranuova
und Paterno suchte: Da du das überstanden hast, kann dir im Leben nicht mehr
arg viel geschehen. Währenddessen waren auf dem sonst leeren, schattigen
Parkplatz drei junge Männer damit beschäftigt gewesen, in größter Eile alte
Möbel, Lampen, Bilder aus einem Lieferwagen mit neapolitanischem Kennzeichen in
einen anderen aus Mailand umzuladen. Während er ums Auto herum, dessen Türen
er aufgespreizt hatte, gymnastische Streckübungen machte, näherte sich einer
und fragte ihn nach Wasser.
Hätte er sich diese Autobahnfahrt vorher ausmalen können, wäre er vermutlich
nie nach Gello Biscardo gereist. Besonders schrecklich hatte er die Fahrt über
den Apennin empfunden. Kaum waren die ersten kurvigen Steigungen überwunden,
hatte der Himmel sich immer mehr verdunkelt. Nebeldunst fiel ein, und nach der
Ausfahrt Rioveggio begann es heftig zu schütten. Auf der rechten Fahrspur zogen
holländische, deutsche, italienische Wohnwagen mit fünfzig Stundenkilometern
dahin; er mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen, immer wieder überholen,
was riskant war, da die italienischen Autofahrer, die mit hundertdreißig und
mehr die Überholspur beanspruchten, sie so gut wie nie verließen und ohne
Scheinwerferlicht fuhren. Wenn er schließlich nach einem Überholvorgang zögerte,
diese linke Fahrspur zu verlassen, weil weitere Schwerlaster oder Busse zu überholen
waren oder weil eine Kolonne von Lastzügen mit Anhängern auf der rechten Spur
keine Lücke zum Einordnen ließ, blinkten die wie von Teufeln gehetzten Lenker,
hupten im Dauerton und fuhren bis zur hinteren Stoßstange heran, so daß ihm
die Knie zu zittern begannen und er Mühe hatte, sich auf das Lenken zu
konzentrieren. Er hatte genug zu tun gehabt, wenigstens vor sich etwas
wahrnehmen zu können; im Rückspiegel war außer einer Regengischt selten etwas
zu erkennen gewesen; die Scheibenwischer seines Simca bewältigten kaum die
Wassermassen, die die Räder der Fahrzeuge vor ihm in Schüben auf die
Windschutzscheibe des Wagens spritzten. Einmal dachte er, genausogut könntest
du beim Überholen die Augen schließen. Kurz vor dem Scheitelpunkt, der Paßhöhe,
vor einem Tunnel dann auf der Gegenfahrbahn ein Unfall: Kreuz und quer stehende
und auf dem Dach liegende verbeulte Autos; ein Wagen ragte an die
Mittelleitschiene gequetscht schräg in die Höhe. Leute standen herum, dahinter
staute sich der Verkehr. Im Vorbeifahren sah er einen alten Mann – lebendig
oder tot – angeschnallt in einem Wagen ohne Tür sitzen, die Hälfte seines
blutenden Gesichts war fleischig-rot, als sei ihm die Haut abgezogen worden. Das
alles mußte kurz zuvor passiert sein, kein Polizei- oder Rettungswagen war zu
sehen.
Als er auf der anderen Seite des Apennins aus einem langen Tunnel ins Freie
fuhr, blendete das Sonnenlicht, der Himmel jetzt nur mehr leicht bewölkt, und
er beschloß, an der nächsten Raststätte wieder eine Pause zu machen.
Als er gegen fünf, die Hitze hatte noch nicht nachgelassen, ein paar Kilometer
hinter San Giustino auf die Paßstraße Richtung La Crocina abzweigte, eine
steile Bergstraße mit engen Kurven, dröhnte der Auspuff des Wagens immer stärker.
An einer schattigen von Piniennadeln bedeckten Ausweiche hielt er an, um den
Motor ein wenig abkühlen zu lassen; er war so heiß, daß er nach dem
Abstellen, dem Drehen des Zündschlüssels, eine Weile unregelmäßig
weiterlief, ehe er abstarb. Gello Biscardo war nur noch wenige Kilometer
entfernt. Nach einer Viertelstunde hatte er damals eine Seite des Simca mit dem
Wagenheber angehoben, war unter das Chassis geschlüpft und hatte gesehen, daß
das lange Auspuffrohr an einer Stelle gebrochen war; mit einem Stück
Isolierband hatte er es notdürftig geflickt und sich die Finger verbrannt.
Hinter dem Ortsschild zweigte rechts eine schmale Straße ab, führte in vielen
Biegungen steil hinunter. In einer Kurve erblickte er talseitig inmitten von
Olivenhainen den Ort, der von seiner höher gelegenen Kirche überragt wurde.
Wegen des Auspuffdröhnens hatte er sich geniert, bis zum Ortseingang zu fahren,
hatte den Simca am Straßenrand stehen lassen, war die letzten paar hundert
Meter zu Fuß gegangen. Für die Dorfbewohner mußte er seltsam ausgesehen
haben: durchgeschwitzt und krumm, mit ungelenken Beinen. Am Dorfeingang sah er
ein paar alte Männer, die um den Brunnen herumstanden, ein aus einer Mauer
ragender Wasserhahn und ein Marmor-Becken; er war so aufgeregt, daß er außer
buon giorno nichts sagen konnte. Als sie gleichgültig mit buona sera
antworteten, wurde ihm klar, daß er nicht einmal korrekt grüßen konnte. Er
hatte nach Mario gefragt; dieser, hatte Herr Seiffert ihm erklärt, sei eine Art
Capo von Gello, an ihn solle er sich wenden, er wisse Bescheid über das Anwesen
Mora, habe den Schlüssel, und in seinem Haus befinde sich auch das öffentliche
Telefon.
Der Simca war dann nicht mehr angesprungen. Mario, den er bei seinem Neubau
fand, hatte versprochen, abends Francesco, den Sohn der Bindis, der in Fibocchi
eine Werkstatt besitze, anzurufen, der werde sich den Wagen in der Früh
ansehen. Stefan hatte sich die beiden Reisetaschen mit den wichtigsten Sachen
umgehängt und war, in einer Hand eine geschenkte Flasche Wein, zu Fuß auf dem
Güterweg nach Mora gewandert, hatte die in einer Kurve befindliche zugewachsene
Abzweigung zum Haus hinunter übersehen und umkehren müssen. Als er endlich,
schwindlig vor Erschöpfung, im tiefen Gras zur Haustreppe gestapft war, dämmerte
es schon. Auf der Treppe sitzend hatte er die halbe Flasche Wein ausgetrunken,
war dann die Stufen hinaufgetorkelt und hatte sich in der Küche auf den mit
Stroh bedeckten Ziegelboden gelegt.
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