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Montag, 9. Juni
(Leseprobe aus: Silberpfeile,
Roman, 2000, Deuticke)
Vor dieser Begegnung mit Ihnen oder mit einer Ihrer Kolleginnen oder gar der Oberschwester hat mir gebangt, als ich den Ingenieur vor einer Woche zurückbrachte. Am nächsten Tag wollte ich Sie anrufen, Ihnen alles erklären. Ich hatte gehofft, ich könnte ihn vor dem Gebäude in einen der Rollstühle setzen, hineinschieben durch die äußeren und inneren Glastüren, die, nähert man sich, auseinandergleiten; ich stellte mir vor, ihn einfach stehenzulassen. Sicherlich würde ihn im Foyer gleich eine der Schwestern oder ein Pfleger sehen und sich um ihn kümmern. Aber dann habe ich Sie gesehen, ich habe Sie gleich erkannt, als ich mich umsah nach einem Rollstuhl. Sie saßen zwischen zwei gebrechlichen Frauen auf der Sitzbank gegenüber dem Lift. Als ich Windisch hineinschob, standen Sie zwischen den geöffneten Glastüren, schüttelten den Kopf, hoben die Arme hoch, beide Hände zu einer Faust geballt, die Sie an den Mund drückten, als wären Sie überrascht, aber auch erleichtert, und ich dachte: Nun ist es nicht mehr zu ändern, und ich sagte mit zitternder Stimme: "Windisch war zu schwach, um zurückgebracht zu werden; wir hatten einen Ausflug gemacht gestern, kein Telefon im Haus ...", und wie um mich zu bestätigen, sackte der Alte plötzlich, kaum befanden wir uns in der Halle, zusammen; ich zog den Rollstuhl zurück, und als er über die Schwelle holperte, schüttelte es ihn durch. Da er nicht angegurtet war, befürchtete ich, er falle heraus. Sie fragten eine Kollegin, die eine Greisin am Arm herumführte, ob der Arzt im Haus sei, fühlten Windischs Puls ...
Ich sagte, ich müsse meinen Wagen, den ich vor dem Eingang stehen ließ, wegbringen, auf den Parkplatz fahren, und als ich ihn vor dem Seniorenheim wendete, dachte ich: abhauen! Die Nummer des Kennzeichens wird sich niemand gemerkt haben, das Weite suchen, Herr Windisch wird schweigen. Aber dann bin ich doch wieder in die Halle zurück. Ihr habt Windisch auf die Sitzgarnitur gebettet, zu zweit habt ihr euch um ihn gekümmert. Ich kam mir überflüssig vor. Wieder überlegte ich, mich unauffällig zu entfernen, doch dann fuhr bereits ein Rotkreuzwagen vor, eine Schiebetür am Fahrzeug wurde rumpelnd bis zum Anschlag aufgestoßen, zwei Männer mit roten Jacken und einer Tragbahre erschienen in der Halle. Wie Sie mich im Vorübergehn, als Sie die Rotkreuzmänner hinausbegleiteten zum Wagen, angeschaut haben, das hat mir die Furcht genommen, aber nicht die Erregung: Ich schaute auf Ihre Hände, Sie trugen keinen Ring. Schon bei meinem ersten Besuch im Seniorenheim sind Sie mir aufgefallen, als Sie in Windischs Zimmer hereinkamen, wo der Pfleger ihn gerade aus dem Bett hob und fertig ankleidete. Ihre Stirnfransen, die vielen Sommersprossen in Ihrem Gesicht, Ihre Miene: als würde ein winziger Anlaß genügen, damit Sie loslachten. Während ich im Foyer saß, war mir nicht mehr nach Flüchten zumute. Sie hatten mich gebeten zu warten, Sie wollten mit mir reden, ich müsse berichten, wie das zugegangen sei, wo der Herr Ingenieur sich aufgehalten habe. Sie müßten Meldung erstatten, jedoch vorher einige Patienten anziehen und in den Speisesaal bringen. Ich stellte mich vor die Voliere und beobachtete die Kanarienvögel, die auf den Ästen des Strauches hin und her hüpften oder mit Hilfe von Schnabel und Krallen am Drahtgitter auf und ab bewegten. Und als Sie in Begleitung einer anderen Schwester endlich erschienen und sich für das Warten entschuldigten, sagten Sie, Sie müßten gleich wieder hinunter in den Pflegetrakt, sich um eine Patientin kümmern, die einen Schwächeanfall hatte, es tue Ihnen leid; mit dem Landeskrankenhaus hätten Sie inzwischen telefoniert, dem Herrn Ingenieur gehe es besser. Aber dann kam alles anders. Meine Freundin rief spätabends an aus den Vereinigten Staaten, meldete ihre Rückkehr, und mir ist nachher etwas ganz klar geworden, was ich eigentlich schon lange wußte; ich telefonierte mit meinem Vater, und am nächsten Tag packte ich ein paar Sachen ins Auto und fuhr für einige Tage nach Linz.
Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © Deuticke