Ein Anruf in Abwesenheit
(Beitrag zu Hinter tausend Stäben)
Martha, wo bist du, warum meldest du dich nicht? Dauert die Vorlesung heute wieder so lange?
Aber vielleicht ist es besser so, besser, dass du mich nicht so siehst, mich, deinen geschmeidig starken Panther, deinen sinnlichen Skorpion, du hast noch nicht bemerkt, wie ich hinter meinem überlegenen Lächeln langsam zerbröckle.
Ich lasse mich nicht fallen, ich liege schon flach, mit der Nase in den Fugen des Parkettbodens, ein Lurch im Lurch.
Martha, du hättest mir gestern das Skriptum nicht mehr bringen müssen, ich werde es nicht anschauen, der Stoff ödet mich an, alles wird geordnet, geregelt, formatiert, von den Rechten des Ungeborenen, die wohl von seiner Lebendgeburt abhängen, bis zum Tod, oder wenigstens bis zur Todeserklärung eines nicht wieder Aufgetauchten, dazwischen womöglich besachwaltert, wegen psychischer Krankheit, oder bloß wegen Altersdemenz und gieriger Erben. Ein Mann wäre fast entmündigt worden, nur weil er bei der Erstanhörung nicht geantwortet sondern einfach geschwiegen hat, auf die leichtesten Fragen, wo er hier und wer derzeit Bundespräsident sei, was ein Laib Brot und ein Liter Milch koste, er hat nicht einmal sagen können, wie viel drei und drei ergibt, hat nur in sich hineingelächelt, bis der Sachverständige feststellte, dass er taubstumm ist, gerade noch rechtzeitig.
Alles was recht ist, Recht bleibt Recht, Martha, also lass’ ich das Recht bleiben, denk nur an das über unverständliche Gesetzestexte gekrümmte alte Weiblein im Lesesaal, das seinen schräg gebeugten Kopf immer wieder eruptiv aus den Buchdeckeln hebt, mit strombolischer Regelmäßigkeit, verzweifelt zischelnd und lamentierend, und sich zur Strafe für die eigene Beschränktheit selbst ohrfeigt, ein Handkantenschlag ins Genick, und sich dann wieder brummelnd beruhigt, während die Hubertusmantelclique ihr hämisches Lachen trotz Silentiums kaum zurückhält und einander in Einigkeit zuzwinkert.
Du hast mir selbst ein paar von diesen Typen vorgestellt, die Braven und Tüchtigen, und mir fürsorglich einen Tritt unter dem Tisch verpasst, als ich mit meiner Hanfplantage geprahlt habe, alles Blödsinn, ein einziger Strauch vor dem Balkon meiner Großmutter, und nicht einmal den habe ich richtig verwertet, statt dessen bei dem langweiligen Diavortrag gesoffen, drei Liter Heurigen in meinen unrunden Schädel getrichtert, wo ich doch Weißwein noch nie vertragen habe. Am Heimweg war ich eine Gefahr für alle redlichen Verkehrszeichen, auch von Autoantennen und Mercedessternen musstest du mich wegziehen, dann dem grünen Gesicht die Klomuscheltherapie verpasst und Wonderful tonight von Eric Clapton.
Irgendwann ist mir der juristische Faden gerissen, ich weiß nicht genau, wann, seither laufe ich leer, ohne Kontakt zur Rolle, und selbst die vernünftigsten Normen prallen an mir ab wie Hagelkörner an der Windschutzscheibe, vielleicht sind meine juristischen Gläser vom ständigen Auf- und Abnehmen schon zu verschmiert. Die alte Professorin mit ihrer Standardprüfungsfrage, was man denn sehe, wenn man vom Stephansturm herunterblickt: Na Rechtssubjekte und Rechtsobjekte natürlich, und sonst nichts! Ich war selbst da oben und konnte die Richtigkeit dieser Aussage gar nicht lange überprüfen, weil mir so verdammt schwindlig wurde. Also blieb mir nur der Abstieg und die bedingungslose Kapitulation vor so viel Jurisprudenz. Dabei soll besagte Dame nebenbei Porschefahrerin gewesen sein und einmal sogar eine Polizeistreife im Einsatz überholt haben, vielleicht auf der Flucht vor ihren eigenen Theorien.
Martha, ich gestehe, heute habe ich den Bogen überspannt, ich fühle mich immer elender. Was war das für eine teuflische Designerpille, neben dem nicht abgerufenen Millionen-Dollar-Gewinn bei der Amsterdamer Staatsloterij, die meine Mail-Adresse eigentlich gar nicht kennen sollte, und der zum hundertsten Mal ausgelassenen Möglichkeit einer gewaltigen Penisvergrößerung nur einmal auf eine der unzähligen Spams geantwortet, Interesse bekundet, seriös geschwiegen und bezahlt. Aber vielleicht wäre die Droge, die mir zu Ausgeglichenheit und innerem Frieden verhelfen hätte sollen, tatsächlich gut für mich gewesen, wenn ihr nicht eben erst der böse Brandy vorausgeeilt wäre, Martha, es dreht sich wie damals nach dem Diavortrag, in Wahrheit noch viel schlimmer, nur bist du jetzt nicht hier, dass du mir den Boden anhalten könntest.
Oh du segensreiches Internet, du Spinnennetz, du Netz für Spinner und solche, die es durch dich noch werden! Die ganze Welt ein einziger Käfig!
Muster schlägt den Ball ins Netz, der glatzköpfige Agassi verspottet ihn als Zufallsprodukt von Zahlenspielereien, nimmt ihm die Würde der Nummer Eins, ein Netzkantenroller, First Service und die heftige Anfeuerung aus der Kommentatorkabine, komm, Tom!, jetzt Tom!, einmal geht’s noch, Tom, Tom, Tom!; - als ob der das auf dem Platz hören könnte.
Mancher Sportreporter hat seinen Platz im Wachsfigurenkabinett auch schon reserviert, gleich neben Albert Einstein, Lady Di, Jack the ripper, und diesem wahnsinnigen Deutschen, der sich über Internet einen männlichen Partner zum Abschlachten und Verspeisen suchte, zwanzig haben sich gemeldet, nur einer bekam die große Chance, mit der E-Mail in den Emailtopf, der possessiven Mutter entronnen, vom Regen ins Internet.
Martha, bitte heb’ ab, ich muss dir dringend noch etwas sagen. Ich weiß plötzlich nicht mehr, wo ich bin, bin ich vielleicht der auf dem Anrufbeantworter, ich bin leider nicht da, höre ich mich sagen, Martha, stimmt das, bin ich wirklich nicht mehr da?
Ich möchte ihn noch einmal spüren, deinen gütigen runden Körper, meine kranke Denkerstirn zwischen deinen prall-gesunden Brüsten, lass mich rubbeln und ins Leben zurücknuckeln, Martha, my dear, das Leben und ich, Homer und Marge und der Dude, der Big Lebowski, diese eine Folge von Twin peaks, du weißt schon, die mit dem zweiten Gesicht im Spiegel, der verrückte Kim Jong Il mit seinem Atomspielzeug, der 11. September und das Abschiedsvideo der Attentäter, Terror in London und Madrid…
…a revolution never come(s) with a warning, a revolution never send(s) you an omen, a revolution just arrive(s) like the morning…
Martha, ich spüre nichts mehr, aber ich höre noch, Yell fire! von Michael Franti, komm’ schnell, bring’ den Notarzt mit, und wenn der nichts mehr ausrichten kann, nimm die CD heraus und gib’ sie dir mit Genuss, diese gelungene Mischung aus Power und Feeling.
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