Kanakenbrut
Mario ist ein Held.
Wegen einem Türkengör. Kanakenbrut.
Schlimm genug, daß seine Alten ihn mit einem Itakernamen beglückten, weil sie damals in
den Süden wollten wie alle hier. Daß man ihm keinen Job gegeben hat, weil jeder Nigger
und jedes Schlitzauge ankommen kann und sofort Geld, Wohnung und Arbeit kriegt. Daß er
keine Freundin findet, weil die Weiber bloß auf diese Latino-Typen stehen. Aber die
Geschichte mit der Kleinen setzt dem Ganzen die Krone auf.
Wir waren an
unserem üblichen Platz am Fluß, auf dem Hang, von wo du die Wiese gut überblicken
kannst. Schon wegen der Bullen. An uns müssen sie alle vorbei, die Muttis mit ihren
Kinderwagen, die Omis und Opis, die die Enten füttern. Die Weiber schauen immer weg,
klar, sind ja bloß Weiber, feige eben. Und einige Typen sind nicht besser als Weiber. Die
anderen Kerle schauen so von oben herab. Wegen dem Bier halt. Die sollen mal sehen, was
passiert, wenn unsere Leute wieder das Sagen haben.
Seitdem wir hier sitzen, ist die Kanakenbrut vorsichtiger geworden - die Bälger trauten
sich nicht mehr auf die Wiese. Bloß der FC Klein-Istanbul, aber wenn wir kamen, dann
zogen die Leine.
Damals war niemand im Park. Die Wiese war nichts als brauner Schlamm. November eben. Da
war bloß dieses Gör unten auf der Brücke. So eine, die in eine deutsche Schule geht,
obwohl sich das eh nicht lohnt, weil die viel zu blöde sind, um eine richtige Sprache zu
lernen. Mario hatte die dritte Dose leergelutscht und erzählte mal wieder über diesen
alten Römer, von dem er seinen Namen hätte. Das hätte nix mit der Maria in der Kirche
zu tun, sondern mit einem Marius, der die Römer-Armee erst reformiert habe, so daß sie
die ganze Welt erobern konnten. Wir lachten, klar, und er war immer dran: "Nee, echt,
hab ich gelesen. Stimmt hundert pro."
Dann klatschte es.
"He, guck mal!" rief einer, "Die Kanakenbrut säuft ab!"
Das Gör hing in der Brühe und planschte wie irre, stieß kurze Kreischer aus. Der Kopf
trieb wie ein Ball auf dem Wasser, ganz schnell von der Brücke weg, unter uns vorbei,
verschwand, tauchte wieder auf. Und dann rannte Mario los.
Der Fluß ist nicht breit, aber wenn es so viel geregnet hat, wie in den letzten Wochen,
dann zieht die Strömung mächtig. Mario sprang am Ufer entlang und schrie herum. Aber die
Kleine planschte bloß weiter. Am Ende riß er sich die Jacke runter und sprang rein.
Wir standen da und schauten zu, wie der Idiot die Kanakenbrut zu greifen versuchte. Uwe
rannte ihm nach, hielt ihm einen Ast hin, damit er ihn greifen konnte. Aber Mario langte
nach dem Gör, schwamm ihm nach, wie es in der Strömung trieb und keuchte, daß man es
bis zur Bank oben hören konnte.
Wir sind alle hinunter zum Ufer. Irgendwie kriegte Mario die Kleine zu fassen, wühlte
sich durch das Wasser und hielt uns diese schlappen Ärmchen hin. Wir haben uns
angeschaut, und dann schrie er: "Eh Mann, jetzt mach halt! Ich will hier raus!"
Ich zog die Kleine `raus, zusammen mit Uwe. Wir standen halt gerade da. Ich hätte sie
fallen lassen, aber Uwe legte das zitternde Bündel auf den Boden. Immerhin hat er eine
kleine Schwester, da weiß man, wie man mit so was umgeht.
Sie war wach. Starrte uns an mit riesigen Augen wie schwarze Löcher. Uwe wollte sie auf
die Seite drehen, da kreischte sie. Mario schob ihn einfach weg. Komischerweise durfte
Mario sie anfassen.
Plötzlich war richtig Leben um uns. Die Leute hielten Abstand. War auch gut so. Sie kamen
eh nur, um zu gaffen. Eine dicke Frau rannte über die Wiese, daß der Schlamm spritzte.
Ihre schwarzen Haare wehten wie eine Fahne, und sie rief und ruderte mit den Armen. Hinter
ihr die halbe Kanakenbrut. Und ein Mann mit einem Teppichklopfer. Dann blieben sie einfach
stehen.
Alle hatten sie Angst, die Gaffer und die Kanaken. Sie waren viel mehr als wir, aber sie
hatten eine Angst, die man riechen konnte. Die Dicke stand einfach da und starrte uns an.
Das mußte die Mutter sein. Und der Typ neben ihr, der den Teppichklopfer umklammerte, war
der Vater.
Mario beklopfte der Kleinen den Rücken, bis sie aufhörte zu husten. Einer von uns
brachte ihm seine Jacke, aber statt sie anzuziehen, deckte er die Kleine damit zu. Dabei
war er pitschnaß und schlotterte. Keine Ahnung, was in ihn gefahren war. Dann hob Mario
das Kind ganz vorsichtig auf und ging auf die Eltern zu.
Denen gingen die Augen über vor Angst. Der Typ mit dem Teppichklopfer wich zurück, als
wir anderen nachrückten. Dabei hatte er doch einen Prügel in der Hand.
Als dann die Sirene tönte, ging alles ganz schnell: Ein paar Polizisten rannten den Hang
herunter, Sanitäter, ein Arzt mit Koffer. Alle umringten uns. Und eine Zeitlang sagte
keiner ein Wort.
Bis dieser Sanitäter seinen Kollegen schubste und sie die Trage auf den Boden legten,
gleich neben Mario. Sie nickten Mario zu, und er ging richtig in die Knie und legte das
Mädchen langsam auf die Decke. Dann strich er ihr auch noch die nassen Haare aus der
Stirn, während sie in nur anschaute.
Er grinste sogar - nein, er lächelte. Der Arzt sah sich das Mädchen an, dann wurde sie
warm eingepackt. Aber es war nicht schlimm, die Sanitäter hatten keine Eile. Die Eltern
knieten neben dem Kind, die Frau weinte, bis sie plötzlich hochschaute. Sie sprang auf,
schneller als man denken sollte bei diesem Gewicht, und stand vor Mario, bevor er abhauen
konnte.
"Danke", sagte sie. Einfach "Danke". Sonst nichts. Umklammerte seine
Hände mit ihren dicken Fingern, drückte sie fest, und sah ihm ins Gesicht. Und Mario
lächelte immer noch.
Mario ist ein Held.
Er steht in der Zeitung, mit vollem Namen. Ein paar Reporter machten Fotos von uns - von
weitem mit einem dicken Teleobjektiv. Mario wurde im Krankenhaus untersucht, aber weil ihm
nichts fehlte, ließen sie ihn gleich wieder gehen. Er hat noch einmal nach diesem
Mädchen gesehen. Erdin heißt sie.
Und während die Fotografen mit den dicken Teleobjektiven am anderen Ende der Wiese hinter
den Büschen hockten, brachten Erdins Eltern uns Tee und Kekse. Komischen süßen Tee, der
fast wie Pfefferminz schmeckt. Und eklig zuckrige Kekse. Und die Kinder bolzten auf der
Wiese, viele braune Beine in Fußballschuhen. Schwarze, braune und helle Schöpfe, und der
Torwart schreit jedesmal "Scheiße!", wenn ihm der nasse Ball durch die Finger
glitscht.
Wir kauen unsere Kekse, schlürfen Tee aus Goldrandtassen wie bei Oma und schauen den
Kanaken beim Fußball zu. Der Kleine mit dem Bayern-Hemd dribbelt einfach sensationell.
Das hatten wir noch gar nicht gemerkt.
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