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Kindskopf
(Leseprobe aus: Kindskopf,
Autobiografie, 2007, Schöffling)
Inge hatte mir von der Schaukel beim Graben
zugesehen. Nach einer Viertelstunde kam sie zurückgeschlendert. Sie setzte
einen Fuß auf den immer höher werdenden Erdwall, beugte sich vor und sah zu
mir in die Tiefe.
»Und wozu soll das gut sein – dein Loch?«, wollte sie diesmal wissen.
Ich sagte nichts. Ich fand, die Antwort auf diese Frage verstand sich von
selbst. Löcher graben war offenkundig eine ernsthafte, anstrengende Tätigkeit
und folglich aus sich heraus wertvoll. Ritterburgen oder Indianerlandschaften im
Sandkasten bauen – das war Spiel. Löcher graben hingegen, mit dem Spaten, den
gewöhnlich Herr Wachtmann führte, der sich einmal in der Woche um unseren
Garten kümmerte, war Arbeit. Es hatte mit Erwachsensein und Großwerden zu tun,
und beim Großwerden fragte auch niemand: Wozu soll das gut sein?
Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich Inge mit dem Zungenbrecher geantwortet, den
mir Winfried Drove, ein Künstlerfreund meiner Eltern, seit einiger Zeit
beizubringen versuchte. Winfried Drove liebte die Zungenbrecher. Er kam oft zu
Besuch, unterhielt sich mit meiner Mutter, mit meinem Vater und auch mit mir,
und seit ich von seiner Liebe zu den Zungenbrechern wusste, fragte ich ihn jedes
Mal nach neuen. Wenn ihm kein neuer einfiel, bat ich ihn, die alten, die ich
schon kannte, zu wiederholen: In Ulm, um Ulm und um Ulm herum. Hinter Hansens
Hinterhaus hängen hundert Hemden raus. Fischers Fritze fischt frische Fische.
Zuletzt übte er mit mir den schwersten Zungenbrecher von allen, einen witzig
klingenden und doch sehr gewichtigen Satz aus der Welt der Forschung, des
Ernstes und der Kunst, der, wie mir schien, auch auf das Löchergraben genau
zutraf: »Der Zweck hat den Zweck, den Zweck zu bezwecken, und wenn der Zweck
den Zweck nicht bezweckt, dann hat der Zweck keinen Zweck.« Weil ich diesen
Satz aber nicht aufsagen konnte und weil Inge wahrscheinlich auch gar nicht
begriffen hätte, wieso er eine gute Antwort auf ihre Frage war, verbiss ich
mich noch tiefer in meine Arbeit und sagte nur: »Frag nicht so viel, mach
lieber mit!« Worauf Inge, nun gar nicht mehr schnippisch, sondern nachdenklich,
den Kopf schüttelte, so als hätte sie diese Möglichkeit inzwischen selbst
schon erwogen, aber verworfen.
»Ich darf mich nicht schmutzig machen!«
Ich hielt das nicht für eine Ausrede.
Ich hielt es für die reine Wahrheit.
Es war das bedauernswerte Schicksal der Mädchen in ihren mit bunten Luftballons
gemusterten Kleidern, dass sie sich nicht schmutzig machen durften. Und am Ende
lief es darauf hinaus, dass sie alberne Sachen sagten wie »igitt« oder »i wo«
oder »Leidenschaft«.
Das Spatenblatt klirrte, ich war auf etwas Hartes gestoßen. Ein Ziegelstein kam
zum Vorschein, gleich darauf ein zweiter. Es knirschte und knarrte, als ich sie
mit dem Spaten zwischen bröckligem Mörtel und kleineren Bruch- stücken von
Mauersteinen hervorhebelte. Ich hatte die Schicht der schwarzen Gartenerde
durchstoßen.
»Jetzt wird es spannend«, sagte ich zu Inge.
Unter dem Humus lag der Krieg – Trümmer, Schutt und Scherben. Funde waren
hier so gut wie sicher. Zwei Sorten von Glasscherben kamen in jedem Loch zum
Vorschein: Scherben mit verquollenen Blasen- oder Wolkengebilden und andere mit
einem Schachbrettmuster aus abwechselnd längs- und quergeriffelten Feldern. Die
Scherben mit dem Schachbrettmuster waren seltener.
Bald konnte ich Inge Proben von beiden Sorten zeigen, aber beeindrucken konnte
ich sie damit nicht. Glasscherben wollte sie als Fundstücke nicht gelten
lassen. Sie legte die Hände auf den Rücken, streckte den Kopf vor und
beobachtete mit skeptischem Blick, wie ich mich tiefer in die Trümmerschicht
bohrte.
»Einmal«, begann ich schnaufend, ohne mit dem Graben innezuhalten, »einmal
haben wir eine Gabel gefunden. Eine schöne, alte Essgabel mit einem hölzernen
Griff, natürlich verrostet.«
»Und wo ist die Gabel jetzt?«, fragte Inge.
»Keine Ahnung. Bei Lorenz vielleicht. Er hat sie gefunden. Dafür habe ich mal
einen Locher ausgegraben . . .«
»Ist ja toll . . . ein Locher in einem Loch!«
». . . und im letzten Sommer eine Bombe. Da drüben, neben dem Apfelbaum!«
»Erzähl nicht!«, sagte Inge ungläubig.
Aber hören wollte sie die Geschichte natürlich doch, und ich erzählte sie
ihr, während ich nachrutschenden Schutt mit der Schaufel und größere
Mauersteine mit den bloßen Händen aus dem Loch beförderte.
Es war der aufregendste Fund gewesen, den ich je gemacht hatte. Eine echte
Bombe. Eine Brandbombe. Einer jener Thermitstäbe, mit denen die Amerikaner
unser Haus und halb Viersen angezündet hatten.
Sie lag nicht tief, ungefähr dort, wo die Humusschicht aufhörte. Ich hatte
nicht gewusst, was ich da zutage gefördert hatte. Unter der dicken Rostkruste
sah das Metallrohr mit dem achteckigen Querschnitt nicht sehr gefährlich aus.
Ich fasste es trotzdem nur einmal kurz an, dann holte ich Paul Rixen zu Hilfe,
der halbe Tage in der Radiowerkstatt mithalf oder auswärts Antennen baute. Paul
Rixen kannte sich mit vielem aus und wusste vieles zu deichseln. Früher hatte
er ein Motorrad mit einem Beiwagen für seine Frau gehabt, jetzt fuhren sie eine
Isetta. Er kam mit mir in den Garten, und als er die Bombe erblickte, begann er
zu strahlen.
»Die nehme ich mit«, sagte er zu der Bombe. Es war, als hätte er nach langen
Jahren eine gute Freundin, eine alte Liebe wiedergetroffen – und er nahm sie
mit.
»Was ist dann aus der Bombe geworden?«, fragte Inge.
»Ich weiß nicht. Vielleicht hat er sie irgendwo abgegeben. Bei einer . . .
Bombenabgabestelle oder so.«
»Komisch, alles, was ihr hier findet, geht immer gleich wieder verloren.«
Das war mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Aber es stimmte. Auch der Locher
war, nachdem ich ihn eine Zeitlang als bedeutenden Schatz gehütet und viel Mühe
darauf verwendet hatte, die verrostete Mechanik noch einmal flottzubekommen, in
irgendeinem Abfalleimer verschwunden.
Plötzlich bückte sich Inge, und im nächsten Augenblick baumelte etwas Weißliches
an ihrem Finger, das sie von dem Erdwall, der mein Loch umgab, aufgelesen hatte.
»Jetzt habe ich auch etwas gefunden«, sagte sie – und kam mir plötzlich vor
wie die Amsel, die in diesem Frühjahr jedes Mal aufgetaucht war, wenn ich
irgendwo im Garten mit dem Spaten zu hantieren begonnen hatte. Kaum hatte die
Amsel mich bemerkt, da ließ sie alle Scheu fahren und näherte sich zuerst hüpfend,
dann schrittchenweise der Stelle, an der ich grub. Selbst wenn ich mich heftig
bewegte, machte ihr das nichts aus. Geduckt saß sie zwei Schritte neben mir und
lauerte mit verstohlener Gier darauf, dass ich Regenwürmer für sie freilegte.
Wenn ein Wurm zum Vorschein kam, brauchte sie nur zuzugreifen, zog sich mit dem
rosabräunlichen Geringel um den Schnabel ein wenig zurück, hielt unbarmherzig
Mahlzeit und war bald darauf wieder zur Stelle. An diesem Nachmittag zeigte sich
die Amsel nicht. An diesem Nachmittag lauerte hier Inge und machte, ohne sich
anzustrengen, Funde, die mir nicht gelangen.
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