Das Bild
(Leseprobe aus: lichterloh, 1998, Verlag
Das fröhliche Wohnzimmer)
Laura sagt zu Judith.
"Das Bild, das wir von uns besitzen, ist ein Versiegeltes. Aus allen
Richtungen strömen Menschen herbei, um das Siegel zu erbrechen. Dann wird das
Bild weitergereicht, man wägt sein Gewicht auf den Handtellern oder hält es
wie ein Schild vor die Brust, vermeidet es jedoch, in sein Inneres zu blicken. Für
einen Augenblick, gleichsam in der Schwebe, offenbart es sich und schenkt für
Sekundenbruchteile Einblick in sein Inneres, bevor es sich wieder verschließt
und zur Kugel wird. Anschließend rollt es über die schräge Fläche unserer
Vorstellungen zu einem Abgrund, in dem alles, was außerhalb von uns liegt,
versammelt ist. Aus Gewohnheit muß das so sein. Aber," Laura flüstert und
hebt den Zeigefinger, "es kommt auch vor, daß Teile von uns dort lagern,
eben jene Eigenschaften, für die wir uns schämen. Unser Bild bleibt vor diesem
Abgrund stehen und schätzt die Höhe des freien Falls, bevor es springt. Unser
Bild fällt. Wenn es zerplatzt, beschäftigen wir uns schon längst mit einem
anderen, auf jedem Fall muß es versiegelt sein. Verstehst Du," sagt Laura
zu Judith, die sich lachend die Ohren zuhält.
"Und wie geht es weiter", brüllt sie.
"Das weiß ich nicht. Aber die meisten Menschen sterben dabei",
erwidert kleinlaut Laura.
Rezension I Buchbestellung IV02 LYRIKwelt © Das fröhliche Wohnzimmer