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Auf dem Taubenmarkt
(Leseprobe aus: Am Taubenmarkt, Roman, 1991,
Bibliothek der
Provinz).
Der kleine Platz heißt seit altersher
Taubenmarkt, obwohl sich kein Mensch mehr daran erinnert, daß hier tatsächlich
Tauben feilgeboten worden wären. Aber ältere Menschen und Kinder füttern hier
die Stadttauben wie vor hundert Jahren.
Der Platz ist begrenzt von allerlei Geschäftigkeit, einem kleinen Café, einer
Buchhandlung, einer Bank, der kräftigsten und vornehmsten des Landes, einem
Modegeschäft, einem Blumen- und einem großen Würstelstand. In der kälteren
Jahreszeit haben sich auf dem Taubenmarkt auch noch ein Maronibrater und ein
Glühmoststand niedergelassen.
Der Platz ist kommunikationsfreudig. Das macht ihn zu einer Art Hyde-Park.
Ständig gibt es Informationsstände und wer für irgendetwas auf halbwegs
originelle Art zu werben hat, der meldet bei der Polizeidirektion einen
Informationsstand auf dem Taubenmarkt an. Große Parteien verschmähen allerdings
diese Möglichkeit. Sie wollen sich mit ihrer Ware »nicht hinstellen«, wie die
Seifentandler, wie sie hochmütig sagen. Nur wenn Wahlen vor der Tür stehen, dann
kommen auch sie auf den Taubenmarkt geschritten, leutselig mit Most und
Schmalzbrot, weil das bodenständig ist. Ihre Anhänger, die sich auch sonst auf
dem Platz aufhalten, sind meist kleinere Funktionäre, richtige Räsoneure, aber
noch im Raunzen treu und ergeben. Die Altnazi und die Konservativen stehen am
Rand, aber sie mengen sich eifrig in die Auseinandersetzungen ein.
Auf dem Taubenmarkt wird nicht nur über das gesprochen, was gerade anzupreisen
ist, es kommen auch Gespräche zustande wie unter ganz gewöhnlichen Leuten über
das Wetter, über die Arbeit, über Ärger in der Familie, über gemeinsame Bekannte
und über Reiseziele. Diese Passanten sind manchmal naiv neugierig, oft aber
stellen sie auch regelrechte Verhöre an. Weil er immerzu sagt, er habe nichts zu
verbergen und er drücke sich auch um keine Antwort auf unangenehme Fragen,
nehmen sie ihn spöttisch beim Wort. Manchmal kommt es ihm vor, als sei er schon
zu Lebzeiten ein Typ, nämlich der Geschichtenerzähler vom Taubenmarkt geworden.
Oft hat er Schwierigkeiten, den Wust der Fragen zu ordnen. Chronologisch
auffädeln kann er sie und sich nicht, dazu purzeln sie zu sehr durcheinander.
Seine erste Erinnerung ist, daß er vor einem riesigen Teller einer süßen Speise
sitzt, eine alte Frau mit einem Kopftuch, aus dem Büschel weißen Haares
heraushängen, sich zu ihm herniederneigt und warm tropfende Tränen auf seinen
Nacken fallen. Als er nur noch dies eine von dem Vorgang wußte, klärte ihn seine
Mutter über die Begleitumstände auf. Sie hatte ihn zu der Bäuerin mitgenommen,
bei der sie seit dem Krieg hin und wieder einige Tage arbeitete, vor allem für
Butter, Topfen, Rahm und Schotten. Er war als Kind überall dabei, machte Ohren
und Augen auf und es war eine Welt voll tiefer Geheimnisse.
Der Teller, der vor ihm stand, war Grießschmarrn mit viel Zucker drauf. Aber es
war kein gewöhnlicher Grießschmarrn, es war vielmehr die hochzeitliche Variante
dieser Speise, die deshalb auch Hochzeitskoch genannt wurde. Statt Milch wurde
dem Grieß in der Pfanne süßer Rahm aufgegossen und als Fett durfte nur reine
Butter genommen werden. Dadurch wurde der Grieß flaumig und weich. Damit das
Gericht eine goldgelbe Farbe bekam, wurden einige Fädchen Safran darüber
gestreut. Diese Speise, die am Hochzeitsmorgen zum Frühstück gegessen wird,
braucht soviel Butter, daß sie wie Grundwasser unter dem Löffelstich liegt.
Diese überreichliche Fettzugabe wurde auch deshalb praktiziert, damit die vielen
Gäste nicht gleich einen ganzen Weidling voll fressen können. Er hatte von der
Bäuerin das Hochzeitskoch als Belohnung bekommen, weil er das lange Gedicht »dö
heilig’ Nocht« aufgesagt hatte, ohne auch nur ein einzigesmal stecken zu
bleiben. Als er den Satz rezitierte
»Und waun i stoanold wia,
Dö Nocht vagis i mei Löbtag nia!«
war es auf einmal ganz still in der Bauernstube. Die Bäuerin schluchzte vor
Rührung laut auf und die Mutter hatte vor Stolz auf das Gedächtnis des Knaben
nasse Augen.
Die Bäuerin war eine bekannte »Zauberin«. Sie murmelte oft unverständliche Sätze
und dabei wurde ihr verschmitztes Gesicht böse und drohend. Obwohl evangelisch,
hatte sie stets Sehnsucht nach dem Mystischen der Katholiken und Weihwasser
hielt sie für ein wirkliches Zaubermittel. Ständig mußte die Mutter Weihbrunn
beschaffen, wobei der Vater ganz einfach beim Brunnen eine Bierflasche vollaufen
ließ. Wenn die Mutter gegen diesen Betrug aufbegehrte, sagte der Vater nur: Hier
gilt das Wort, Weib, dein Glaube hat dir geholfen. Wenn im Dorf von dem kleinen
Anwesen, das etwa tausend Meter hoch lag, mit dem Blick auf den
Dachsteingletscher und den schwarzen Hallstättersee, die Rede war, wurde stets
nur der Name der Bäuerin, nie der ihres Mannes genannt. Der saß meist in der
Stube und spaltete aus eingeweichtem Fichtenholz Späne. Der Knabe schaute ihm
dabei genau zu, ein wenig ängstlich, denn der alte Mann hatte ein »ausgeronnenes«
Auge mit einem weißen Augapfel. Der uralte Mann sprach stets von noch älteren
Zeiten.
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