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Die Donau fließt vorbei
(Leseprobe aus:
Die Donau fließt vorbei, Novellen, 1969,
Bibliothek der
Provinz)
In der Nacht vom 1. auf 2. Mai 1950 wurde der
Stoffhändler Josef Lackinger am linken Donauufer in Urfahr auf der Höhe der
damaligen Holz- und Kohlenhandlung Viehböck erschlagen. Die Bluttat ist nie
aufgeklärt, der Täter nie gefaßt worden.
Bevor sie die Arbeit beginnt, schaut sie von ihrem Dachkammerfenster auf die
Donau hinaus. Im vorigen Herbst, als sie hier im Mostwirtshaus den Dienst
angetreten hatte, den langen Winter hindurch, und auch im Frühling, war es um
diese Zeit noch finster oder dämmerig gewesen.
Tagsüber aber sieht die Donau anders aus. Da ist sie eine vielbefahrene Straße.
Die schweren Schleppschiffe verbreiten Lärm und Rauch. An den Ufern ist das
Gewimmel des Alltags, und niemand nimmt sich Zeit, den kleinen Wirbeln des
Wassers nachzuschauen.
Jetzt aber, um fünf Uhr früh, ist der Strom sanft und still, er gleitet langsam
zur Brücke hinunter, und drüben am anderen Ufer steigt das Schloß auf wie eine
Felswand. Der herbe Geruch von Wasser und Weiden kommt zum Fenster empor, auch
wenn der Ruß in steinerne Dämme gezwängt ist. Er bringt diesen Geruch von weit
her, von großen, unübersehbaren Auen, in denen Weiden und Erlen ihre Wurzeln ins
Wasser senken.
Sie steht am Fenster und räkelt sich den Schlaf aus den Gliedern. Wie schön, daß
man an einem solchen Morgen wenigstens das Fenster öffnen kann, weil der
Wassergeruch einen anderen, nicht minder scharfen verdrängt: den Geruch von
verschüttetem Most, den Küchendunst und überhaupt den Wirtshausgeruch in all
seinen Farben. Da glaubt man immer, ein Wirtshaus rieche stets verlockend nach
Zwiebel und Majoran. Aber von dem Ammoniakgestank redet niemand. Die Leute
spotten oft, daß es auf dem Land nach Kuhstall rieche. Sie sollen sich einmal
davon eine Nase nehmen, was da zu dem Fenster des Küchenmädchens emporschlägt
wie giftiger Quaiin. »Kathi, Kathi!« ruft die Wirtin jetzt von unten über die
Stiege herauf, »aufstehn, was ist denn?« Und das Küchenmädchen Katharina
Kitzberger kleidet sich schnell an und steigt mißmutig die Stiege hinunter. In
der Küche schiebt sie mit dem Löffel widerwillig die dicke Haut von dem Kakao,
den ihr die Wirtin hingestellt hat. Dann beginnt die Arbeit.
In der niederen Gaststube, an deren Wänden deutlich die Spuren des letzten
Hochwassers zu sehen sind, steht noch der Dunst von Bier und Most, und der kalte
Tabakrauch verlegt einem den Atem. Wie trostlos und traurig ist so eine
unaufgeräumte Wirtsstube am frühen Morgen. Die Gläser stehen herum, wie sie die
Gäste haben stehen lassen, und die letzten Gäste sind meist gar nicht
diszipliniert. Sie kennt sie einigermaßen, die Männer, die bis zur Sperrstunde
ausharren, und sie wundert sich daher, daß noch einige halbvolle Gläser mit Most
übriggeblieben sind. Müssen die aber genug gehabt haben, wenn sie ihre Zech
stehen lassen. Da fällt Katharina Kitzberger ein, daß es der Kartentisch ist,
bei dem sie zu arbeiten begonnen hat. Und sie lächelt verstohlen, weil sie ahnt,
daß der Herr Luckinger da Fremde hergebracht hat, die er beim Präferanzen etwas
erleichtert hat. Denen war's nicht ums Trinken zu tun, sondern um das Spiel, und
gut gelaunt scheinen sie nicht weggegangen zu sein, wenn sie den Most stehen
ließen, einen Kremstaler, der schon im Vorfrühling, noch vor der Blüte und auf
dem Geläger, hier angekommen ist.
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