Lesezeichen von Hugo Ernst Käufer, 2002, Grupello

Hugo Ernst Käufer

Nach Mitternacht in finsterer Zeit
(Leseprobe aus: Lesezeichen, Ausgewähltes, 2002, Grupello)

Nach Mitternacht in finsterer Zeit
Annäherungen an Irmgard Keun (1993)

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Gehört von Irmgard Keun habe ich zum erstenmal im Februar 1954, als ich für einige Wochen im noch vom Krieg gezeichneten Haus von Heinrich Böll in der Schillerstraße in Köln-Bayenthal wohnte, am Beginn des Studiums, auf der Suche nach einer Unterkunft in der zerbombten Stadt. Da war von einem intensiven, bis heute unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und »der Keun«, wie sie genannt wurde, die Rede. Briefe, die der hochbetagte Vater Bölls, Viktor, von Schreibtisch zu Schreibtisch beförderte.
    Persönlich begegnet bin ich Irmgard Keun im Spätherbst 1956 im Speisewagen eines D-Zuges auf der Rückfahrt von einem Studienaufenthalt in Berlin nach Köln. Da saßen zwei Damen gegenüber, lebhaft diskutierend, Zigaretten rauchend, mehrere leere Weinflaschen standen auf dem schmalen Tisch. Aus den Gesprächsfetzen, die zu mir und einigen Studienkollegen herüberdrangen, wurde mir nach und nach bewußt, daß es sich bei einer der Damen nur um Irmgard Keun handeln konnte. Als ich sie ansprach und ihren Namen nannte, war sie überrascht.
    »Woher kennen Sie mich?«, fragte sie, »ich bin doch gar nicht mehr bekannt«.
    »Ich habe Ihren Namen im Haus Heinrich Bölls gehört, Heinrich Böll hat mir Ihr Buch 'Nach Mitternacht' zum Lesen gegeben, das Sie während Ihrer Emigration veröffentlicht haben.«
    »Das war 1937, im Querido-Verlag in Amsterdam, einige Exemplare konnte ich retten, als ich 1940 nach der Emigration unerkannt in Köln und anderen Orten untertauchte, eins davon habe ich Hein Böll nach der verdammten Nazizeit geschenkt.«
    Als wir in Köln ankamen, war der schmale Tisch im Speisewagen mit leeren Weinflaschen überfüllt. Das war auch unseren Schritten anzumerken, als wir den Bahnhof verließen und auf den Taxistand zugingen.
    »Ich fahre nur mit dem Justav«, sagte sie, »der weiß wo ich wohne, mit dem trinke ich noch ein paar Kölsch«.
    In der Zeit danach bin ich Irmgard Keun noch ein paarmal begegnet, die Kontakte wurden unterbrochen, als ich Köln nach dem Studium Anfang 1957 verließ. In Erinnerung geblieben ist mir eine lebhaft gestikulierende Frau: ihre fragenden Augen, das Gesicht wie eine Landschaft, voller Erinnerungen, voller Erfahrungen aus schlimmer Zeit, die Jahre des Exils von 1935 bis 1940 hatten ihre wunden Spuren hinterlassen.
    Der Roman »Nach Mitternacht« wurde 1961 im Fackelträger-Verlag, Hannover, neu aufgelegt. Vorher waren erschienen »Bilder und Gedichte aus der Emigration«, 1947, der Roman »Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen«, 1950, und ein Band mit Erzählungen »Wenn wir alle gut wären«, 1957.
    Nach diesen Veröffentlichungen wurde es still um Irmgard Keun. Sie zog von Köln nach Bonn, zunehmend einsamer, in der Nähe ihrer Wohnung eine Kneipe, in der sie oft anzutreffen war. Alkohol, Tabletten, Depressionen. Anfang der 30er Jahre war sie, etwas mehr als zwanzig Jahre jung, in der Literaturszene Deutschlands bekannt, befreundet mit Hermann Kesten, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Joseph Roth, mit dem sie später einige Jahre im Exil zusammenlebte. Ihre Bücher wurden erfolgreich verfilmt, der PEN nahm sie 1932 als Mitglied auf. Über den 1932 erschienenen satirischen Liebes- und Gesellschaftsroman »Das kunstseidene Mädchen« urteilte Kurt Tucholsky: »Das ist eine handgenähte Sache. Seit den 'Lausbubengeschichten' von Ludwig Thoma haben wir so was nicht gehabt.« Ein Buch, die Zeit um 1931 kritisch beschreibend: Arbeitslosigkeit, Judenhaß, Nationalismus. Zwei Jahre später von den Nazis verboten und verbrannt, ebenso wie der erste Roman »Gilgi - eine von uns«, 1931 erschienen. »Asphaltliteratur«, wie die Nazis sagten. Die Bücher erschienen auf den »Schwarzen Listen«, die Autorin wurde von der Geheimen Staatspolizei verhaftet, verhört, gefoltert, wieder freigelassen, 1935 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.


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Bei den Recherchen zu dem Band »Sie schreiben zwischen Goch und Bonn«, 1975 erschienen, wollte ich erfahren, was aus Irmgard Keun geworden war. Ja, lebte sie überhaupt noch? In der Literaturszene der damaligen Zeit war sie nicht präsent. Ihre wenigen Nachkriegsbücher suchte man in den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken vergeblich. Nachfragen unter Schriftstellerkolleginnen und -kollegen blieben ohne Antwort, auch der Kontakt zu Heinrich Böll, mit dem sie in der ersten Nachkriegszeit freundschaftlich verbunden war, bestand nicht mehr. Allein das Bonner Einwohnermeldeamt konnte ihre Adresse vermitteln: Breitestraße 115. Ja, sie lebte noch, und sie schickte mir den Fragebogen zur Erstellung ihrer biographischen und bibliographischen Daten zurück. Etwas später erhielt ich einige Briefe von ihr, die ihre verzweifelte Situation dokumentierten. Am 30. Juni 1975 schrieb sie:

Lieber Hugo Ernst Käufer, Sie sind rührend. Soviel Dankeschön!
    Ich hatte Ihnen auch einen Brief geschrieben und der wurde dann immer länger und länger und länger und dann kam er mir so dusselig und tränentriefig vor, dass ich ihn wütend in eine Schublade knautschte - möglichst unauffindbar für mich selbst. Ich kann schlecht schreiben, weil ich eine Brille brauche. Ich wünschte, der PEN könnte mir mal etwas mehr schicken. Ich wollt's nicht sagen. Sie haben eh schon so viel getan. Von Herzen danke. Und nächstens mehr - ich schwör's.
    Nochmals Dank und einen Riesenkarton voll taufrischer guter Wünsche.
    Ihre
    Irmgard Keun

Am 3. Juni 1976 schrieb sie:

Lieber Hugo Ernst Käufer -
    so Gott will, erreicht Sie dieser Brief wenigstens - eigentlich ist er mehr ein misstönender Schrei als ein Brief - fällt mir verdammt schwer, ihn auszustossen.
    Ich bin in Not - habe keinen Pfennig mehr und erst in ca. 10 Tagen was zu erwarten. Können Sie mir durch PEN sofort telegrafisch irgendetwas schicken. Nicht böse sein. Bitte! ...
    Hätte doch der PEN nicht so schnell das Zahlen eingestellt. Ich wollte Ihnen schon lange schreiben, aber erst eine gute Arbeit fertig haben. Bei einem bestimmten Grad von Dreckiggehen kann ich weder gut noch schlecht schreiben.
    Und wiedersehen möchte ich Sie auch gern, sobald es geht. ...
    Ja, ich weiss, das sind alles Zumutungen und ich hätte Ihnen früher schreiben sollen - und, und, und.
    Ich schreibe Ihnen einen ausführlichen Brief, sobald ich von Ihnen gehört habe.
    Gute Grüsse, fröhliche Pfingsten für Sie.
    Ihre
    Irmgard Keun


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Irmgard Keun - ein deutsches Schicksal. Erst in den späten 70er Jahren erinnerten sich die Feuilletonisten wieder an sie. Einige Bücher erlebten Neuauflagen. Zu ihrem 70. Geburtstag am 6. Februar 1980 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Immerhin hat sie mit ihren hinreißend ehrlichen und persönlichen Schilderungen dazu beigetragen, ein differenziertes Bild der dreißiger Jahre zu vermitteln. Auch aus diesem Grund: Scheinwerfer an, Glanz auf Irmgard Keun!« In diesem Scheinwerferlicht hat sie nicht mehr lange gestanden. Sie starb 72jährig Anfang Mai 1982 in ihrer Wahlheimat Köln, ein Jahr zuvor eine letzte, späte Anerkennung: 1981 erhielt sie den Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt. Über ihre Arbeit sagte sie: »Gesellschaftlicher Standort: vorwiegend dagegen.«
    In Köln trägt ein Platz den Namen von Heinrich Böll, eine Straße erinnert an Paul Schallück, das ehrt die Stadt - sie sollte auch Irmgard Keun nicht vergessen.
    Eine ebenso nüchterne wie engagierte Protokollarin der NS-Verbrechen, als Wegweiserin einer Prosa der neuen Sachlichkeit, deren Hauptwerk »Nach Mitternacht« zum bleibenden Bestand der deutschen Exilliteratur gehört.


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In diesem Roman wird mit höchst einfachen sprachlichen Mitteln die politische Turbulenz der 30er Jahre in Deutschland gestaltet: Verrat und Verfolgung, der raffiniert gemanagte Auftrieb der Volksmassen, der Redeschwulst der NS-Parteigrößen und die Unterdrückung der freien Meinung. Schauplätze sind Frankfurt und Köln. »Im Klingelpütz in Köln haben sie Kommunisten hingerichtet, sie haben geschrien, ich habe es gehört ... Es schrie, daß die Luft zitterte vor Schmerz.«
    Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die 19jährige Sanna Moder, die ihre nazistisch angehauchte Tante Adelheid in Köln verläßt und zu ihrem Stiefbruder Algin nach Frankfurt zieht. In Köln zurückgeblieben ist Sannas Freund Franz, den sie bald heiraten möchte. Aber er gerät in die Fangarme der Gestapo, »jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen«.
    In Frankfurt lernt Sanna Schriftsteller und jüdische Ärzte kennen, die nicht mehr schreiben und praktizieren dürfen, »die Lawine ist gekommen und hat alles begraben«. Eines Abends trifft Franz auf der Flucht vor seinen Häschern in Frankfurt ein. Sanna versteckt ihn im Keller. »Nach Mitternacht« brechen beide zu ihrem dornenreichen Weg ins Exil auf, fortan heimatlos, zwei Verirrte in der Fremde.


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Sanna Moder erzählt am Schluß des Buches:

Was soll ich einpacken? Man wird alles brauchen, man wird nichts kaufen können. Wovon werden wir leben? Das alte blaue Kleid kann ich hierlassen. Das Muttergottesbild nehme ich mit. Werden wir ein Zimmer haben, wo ich es aufhängen kann? »Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut ...« Ich habe Angst, ich habe Angst. Vor meinem Fenster der Magnolienbaum fängt an zu blühen, es ist so schön hier im Frühling. Mein Bett ist weich und warm. Hier könnt ich liegen und schlafen, heute nacht, morgen nacht, jede Nacht. Meine Hände zittern, meine Knie sind lahm vor Müdigkeit. Mir ist übel, ich muß mich übergeben. Ich bin krank, ich habe Fieber, ich kann nicht fliehen. Klingelt es? Vielleicht kommen sie schon, um Franz zu verhaften. ...
    Wir fahren durch die Nacht, alle Lichter fahren schwebend mit. Mein Kopf liegt in Franz' Schoße. Ich muß mich schwächer zeigen als ich bin, damit er sich stark fühlen und mich lieben kann. Ich bin müde, Franz. Seine Hand liegt auf meinem Gesicht und macht mich glücklich. Ich habe ihn im Kohlenkeller eingeschlossen. Und als ich ihn herausholte, war er nicht gestorben. Vielleicht hatte er Haß gehabt und Wut, vielleicht war er voll dumpfer trauriger Gleichgültigkeit. Daß er nicht starb, ist Liebe genug für mich.
    Ist die Grenze ein Strich, was ist sie? Ich verstehe es nicht. Ein Zug hört auf zu fahren, das ist die Grenze.
    Männer kommen, machen Koffer auf, suchen und wühlen - Grenze heißt Angst haben.
    Der Zug fährt wieder, mein Hundertmarkschein fährt, Franz fährt, alles fährt mit, nur die Angst fährt nicht mehr mit. Das war die Grenze.
    Und so liege ich in dem dunkelblauen rasenden Bett der Nacht. Franz, alles wird gut, ich bin glücklich, wir sind gerettet, wir werden leben.
    »Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.« Franz' Arme halten mich fest, sein Atem ist ein Strom von Liebe. Der Zug fährt nicht auf Schienen, er schwimmt über ein Meer von Glück.
    Die Bank ist furchtbar hart und unbequem, aber du bist bei mir. Und jetzt wollen wir schlafen. Wenn wir aufwachen, brauchen wir Kraft. Noch scheinen Sterne hinter wolkigen Nebeln. Morgen laß etwas Sonne sein, lieber Gott.

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