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Sandalen am
Krater lassen...
(aus: Lesezeichen,
Ausgewähltes, 2002, Grupello)
»Sandalen am Krater lassen wie
Empedokles ...«
Zum Tode von Gottfried Benn
(1956)
Am 2. Mai 1886 als Sohn eines evangelischen Pfarrers und einer Welschschweizerin
in Mansfeld (Westpriegnitz) geboren, erlebte Benn, nach einer längeren schweren
Krankheit im vergangenen Winter, vor wenigen Monaten den 70. Geburtstag. Seine
Jugend verlief »drei Stunden östlich der Oder«: Besuch des Gymnasiums in
Frankfurt an der Oder, Studium der Philologie in Marburg und der Medizin in
Berlin. Als Militärarzt nahm er an beiden Weltkriegen teil. Wenn er von seinen
Honoraren für eine beachtliche Zahl von Gedichtbänden hätte leben wollen, so
hätte er mit 4,41 Mark monatlich auskommen müssen. Die Situation der Lyrik in
Deutschland läßt sich also offenbar in Zahlen ausdrücken. Seit 1932 gehörte
Benn der Preußischen Dichterakademie an. Man hat es ihm oft zum Vorwurf
gemacht, daß er sich in seinen Schriften »Der neue Staat und die
Intellektuellen« (1933) und »Kunst und Macht« (1934) zum Nationalsozialismus
bekannt habe. Benn erkannte schon bald seinen Irrtum, zog sich zurück und
schwieg. 1936 wurde er von den nazistischen Kulturbanausen als »entarteter
Asphaltliterat« bezeichnet und 1937 aus der Reichsschrifttumskammer
ausgeschlossen. »Wenn man wie ich die letzten fünfzehn Jahre lang von den
Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel öffentlich bezeichnet wird,
ist man nicht so scharf darauf, wieder in die Öffentlichkeit einzudringen« (»Doppelleben«,
1949). Nach dem Zweiten Weltkrieg: Neuentdeckung und Wiederkehr. Der Limes
Verlag, Wiesbaden, legte die vergriffenen Werke wieder auf und betreute fortan
die neueren Publikationen des Dichters. Benn wurde Mitglied der Deutschen
Akademie der Schönen Künste. 1951 erhielt er den Georg-Büchner-Preis,
weil er »streng und wahrhaftig gegen sich selbst, in kühnem Aufbruch seine
Form gegen die wandelbare Zeit setzte und im unablässigen Bemühen, durch Irren
und Leiden reifend, dem dichterischen Wort durch Vers und Prosa seine neue Welt
des Ausdrucks erschloß«. Vor allem seine frühen Gedichte (1910-1920) wurden
in verschiedene europäische Sprachen übersetzt, z. B. ins Polnische, Rumänische,
Russische, Französische, Italienische.
»Leben ist Brückenschlagen« und ein unaufhörliches
Ringen um »die Zeichen, die niemand deuten kann«. Benn konfrontierte sein »gezeichnetes
Ich« mit der »Sinnlosigkeit des Lebens und der Welt«. Er notierte schon in
einem seiner frühen krankenhausluftumwitterten Gedichte: »Keine Flucht. Kein
Rauschen. Chaos. Brüchiger Mann.« Dieser Vers zeigt exemplarisch die Auflösung
überkommener Metrik. Stenogramm des Vakuums. Den letzten Schritt zu dieser
radikalen Zertrümmerung aller Formen tat dann ja bekanntlich der 1916 ins Leben
gerufene Dadaismus, in dem der Katzenjammer der europäischen Literatur in eine
Revolte gegen die bisherige Kunst, gegen die Moral und Gesellschaft umschlug. In
Deutschland erschien mit Heym,
Trakl und Werfel
der Expressionismus auf der literarischen Bühne. Diese neue Lyrik schien nun über
Sprachmittel zu verfügen, die als unerschöpflich galten. In diesem Gefolge
erschien Gottfried Benn, der 1912 mit seinem desillusionierenden Gedichtzyklus
»Morgue« die Geisteshaltung der abendländischen Welt in Frage stellte und
sezierend formulierte: »Das Leben ist das Laster eines Gottes, der verborgen
bleibt«. War Benn antireligiös? In seinem Briefwechsel mit dem Schriftsteller
Lernet-Holenia schreibt er einmal: »Religiöser Glaube ist ein Geschenk«. Benn
lamentierte nicht. Aus »Ehrfurcht vor dem großen Wesen« verneinte er Gott als
Reklametext, als billiges Aperçu und Parteiprogramm:
Was Er uns auferlegt, ist so verschlossen,
man ahnt es manchmal, doch man sieht es nie,
und was man sieht, ist schauerübergossen,
grau, übergrau, gesteigertes Cap gris.
Was Er den Tag entlang und auch die Nächte
uns auferlegt, ist einzig, daß man irrt,
das Tränen macht, kein Glück und keine Mächte
geben ein Etwas, welches Inhalt wird.
Nietzsche und
Schopenhauer prägten seine geistige Welt. »Schreite deinen Kreis ab«, so hieß
seine Devise, denn »Du mußt dir alles geben, Götter geben dir nichts«. In
diesem Zusammenhang sei an das Schlußwort der Schrift »Die Stimme hinter dem
Vorhang« erinnert: »So geht alles durcheinander, Blut, Speichel, Tränen,
Samen, wer will sagen, was das Richtige, was das Wichtige ist. Die große
Verwobenheit, das Heilige in allem. Immer wieder sein Schicksal auf sich nehmen,
Trauer und Licht, Melancholie und Neonbeleuchtung ... Vor wem sollen wir noch
knien? Höchstens doch vor einem seltsamen Wort: Im Dunkel leben, im Dunkel tun,
was wir können.«
Die Ausgangspunkte seines Schaffens hießen: Stil und
Form. Mit seiner Formulierung: »Ein Gedicht entsteht nicht - ein Gedicht wird
gemacht«, nahm er wieder die Fährte jener Erkenntnis auf, die schon Valéry in
die Worte faßte: »Einen ersten Vers geben uns die Götter huldreich umsonst,
an uns aber liegt es, einen zweiten zu schmieden, der mit dem ersten harmoniert,
und seines übernatürlichen älteren Bruders nicht unwürdig ist.« Neben »montierten«
Versen, die ihre Sprache mit dem Vokabular Berliner U-Bahnfahrer anreichern,
finden sich (vor allem im Spätwerk) Wort- und Gedankenassoziationen mythischen
Seins, dunkel und archaisch:
Siehst du es nicht, wie einige halten,
viele wenden den Rücken zu,
seltsame hohe schmale Gestalten,
alle wandern den Brücken zu.
Senken die Stecken, halten die Uhren
an, die Ziffern brauchen kein Licht,
schwindende Scharen, schwarze Figuren,
alle weinen - siehst du es nicht?
Der Einfluß Benns auf einige jüngere Lyriker der Nachkriegszeit ist
unverkennbar. Der Essay »Probleme der Lyrik«, als Vortrag in der Universität
Marburg am 21. August 1951 gehalten, in dem Benn die Thematik des Gedichtes von
den verschiedensten Perspektiven her anvisiert, wurde von seinen Anhängern
begeistert aufgenommen und als Manifest des »lyrischen Ichs« deklariert. Seine
Lehre lautet hier: »Spät ankommen, spät bei sich selbst, spät beim Ruhm, spät
bei den Festivals«.
Ist denn Benn nun eigentlich ein »moderner« Dichter
gewesen? Er antwortete selbst darauf: »Ich habe leider keine Ahnung, was modern
ist ... Das sind doch alles Allgemeinheiten«, und weiter »lebe und beobachte
zu Ende«. Auch der Terminus »Expressionist«, mit dem weise
Literaturhistoriker ihn in das Schema ihrer Literaturgeschichtsschreibung
einordnen wollen, ist nur relativ anzusetzen. Auf das Frühwerk angewendet,
trifft er zu. In seinen späten Arbeiten kristallisiert sich das ganze geistige
Universum vergangener Jahrhunderte, nicht engagiert und »allem nochmals offen«:
Du überall, du allem nochmals offen,
die letzte Stunde und du steigst und steigst,
dann noch ein Lied, und wunderbar getroffen
sinkst du hinüber, weißt das Sein und schweigst.
Gottfried Benn starb auf dem Höhepunkt seines Lebens im biblischen Alter. Die
Spannungen zwischen Tod und Leben, zwischen Geist und Welt, die er als
legitimierter Seismograph unserer Epoche notierte, sind aufgehoben: »Dunkeln,
Altern, Aprèslude«. »Aprèslude« heißt sein letzter schmaler Gedichtband.
Aprèslude: Nachspiel und Abgesang. So unverhofft hatten wir seinen Tod nicht
erwartet. Im November vorigen Jahres anläßlich des Dialoges mit Reinhold
Schneider »Soll die Dichtung das Leben bessern?« im Funkhaus Köln sah ich ihn
zum letzten Mal: noch »allroundgetafelt bei sich selbst«. Doch »keiner weine,
keiner sage: ich, so allein«.
Einem großen Monolog wurde das Ende gesetzt.
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