|
|
Die
Brücke mit den drei Bögen
(Leseprobe aus: Die Brücke mit den
drei Bögen, Roman, 1978/2002, Ammann - Übertragung
Joachim Röhm)
I.
Ich, Gjon der Mönch, des Gjorg Ukcama Sohn, alldieweil in unser Sprach noch
kein Schrifften seyn von der Brucken, so das Bös Wasser überdecket, wiewohl
darum allerley unsinnig Gerycht und falsche Mährlein erzelet wern, beschloß
nun, da sie fertig dasteht, und gar schon zweimal Blut auf sie gespritzt ist, am
Fuß und an der höchsten Stelle, alles, was sich begeben hat, für die Nachwelt
aufzuschreiben.
Am vergangenen Sonntag, spät in der Nacht, ich war noch einmal hinausgegangen,
um auf der Kiesbank am Ufer einen Spaziergang zu machen, sah ich den blöden
Gjelosh von den Ukmarkaj über die Brücke gehen. Er kicherte vor sich hin, zog
Grimassen und verrenkte die Arme zu den wildesten Gebärden. Die Schatten, die
seine Glieder warfen, taumelten über den Rumpf der Brücke und krochen dann die
Pfeiler hinab bis auf das Wasser. Ich fragte mich, welche Nachwirkungen die
Ereignisse der letzten Zeit wohl in seinem verwirrten Gehirn hinterlassen haben
mochten, und es kam mir ganz verfehlt vor, daß die Leute lachten, wenn sie ihn
über die Brücke gehen sahen, stammelnd und mit den Händen fuchtelnd, weil er
glaubte, auf einem Pferd zu sitzen. Was die Leute über diese Brücke wissen,
ist in Wirklichkeit nicht minder konfus als das, was sein kranker Geist sich
ausdenkt.
Damit man endlich aufhöre, in den elf Sprachen, die es auf unserer Halbinsel
gibt, alle möglichen Märchen und Halbwahrheiten zu verbreiten, will ich mich
um Ehrlichkeit bemühen, das heißt, ich werde aufschreiben, was offenkundig
Blendwerk war, und auch die Wahrheit, die man nicht erkannte. Von dem, was alltäglich
geschah, werde ich berichten, auch wenn es so gewöhnlich war wie die Steine auf
dem Feld, und von den Heimsuchungen, von denen es etwa so viele gab, wie die Brücke
Bögen hat.
Karawanen und wandernde Hirten streuen heute überall auf dem weiten Balkan die
Mär von dem Menschenopfer aus, das man am Fuß der Brücke angeblich
dargebracht hat. Nur wenige wissen, daß damals nicht die Wassergeister durch
ein Opfer gnädig gestimmt werden sollten, sondern daß ein schändliches
Verbrechen verübt worden ist, das ich wie alles, was sonst noch geschah, vor
unserem Jahrtausend bezeugen will. Ich sage Jahrtausend, denn solche Legenden
haben gewöhnlich ein Leben, das länger als tausend Jahre währt. Tod ist um
ihr Haupt, und Tod klebt an ihrem Schwanz, und man weiß ja, daß Laute oder
Worte, die mit der Hefe des Todes vergoren sind, vor diesem nicht mehr
erschauern.
In Eile lege ich diese Chronik nieder, denn wir leben in düsteren Zeiten, und
mehr denn je liegt die Zukunft im Finstern. Seitdem die Brücke ihnen soviel
Schrecken brachte, haben Menschen und Tage sich wieder ein wenig beruhigt, doch
am Horizont zieht neues Unheil auf. Es ist das Türkenreich. Schon werfen seine
Minarette ihre Schatten auf uns.
Unselig ist dieser Frieden, ärger als jeder Krieg. Seit Jahrhunderten ist uns
die uralte Erde der Griechen benachbart, doch über Nacht, es war wie ein böser
Traum, grenzten wir ans Osmanenreich.
Rings um uns her dräut schon ein Wald von Minaretten. Ich ahne, daß sich
Arberiens Geschicke bald wenden werden, erst recht nach dem, was im Winter
geschah, als auf der just fertiggestellten Brücke schon wieder Blut vergossen
wurde. Asiatisches diesmal. Doch von alledem werdet ihr aus meiner Chronik
erfahren.
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Ammann Verlag