|
|
Der General der
toten Armee
(Leseprobe aus:
Der
General der toten Armee, Roman, 2004, Ammann
- Übertragung Joachim Röhm)
Erstes Kapitel
Schneeflocken mischten sich in den Regen, der auf die fremde Erde niederging.
Die betonierte Landebahn, das Flughafengebäude, die Wachsoldaten, alles war naß.
Der Schneeregen durchweichte das flache Stück Land und die Hügel und brachte
den schwarzen Asphalt der Autostraße zum Glänzen. Wäre nicht Herbstanfang
gewesen, der General hätte den eintönigen Regen, der bei seiner Ankunft fiel,
als böses Vorzeichen begriffen. Er kam aus einem fremden Staat nach Albanien,
um die sterblichen Überreste der im letzten Weltkrieg gefallenen Soldaten
heimzuholen. Die Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen hatten im Frühjahr
begonnen, doch erst Ende August, als das Wetter bereits schlechter wurde, war
die Abschlußvereinbarung unterzeichnet worden. Inzwischen hatte mit dem Herbst
die Regenzeit begonnen, wie der General wußte, der sich vor seiner Abreise
unter anderem auch über das Klima in Albanien kundig gemacht und dabei erfahren
hatte, daß die Herbste in Albanien naß und regnerisch waren. Doch selbst wenn
in seinem Reiseführer gestanden hätte, in Albanien sei es im Herbst trocken, wäre
der Regen keine Überraschung für ihn gewesen, im Gegenteil. Seine Mission, so
wie er sie sich vorstellte, setzte Regen geradezu voraus.
Lange hatte er während des Fluges durch das Fenster auf die bedrohlich wirkende
Bergwelt hinuntergeschaut. Die schroffen Spitzen schienen jeden Augenblick den
Bauch der Maschine aufschlitzen zu wollen. Schräge Flächen allerorts. Unten
huschten im Nebel düstere Plateaus vorbei. In den Schluchten und auf den Hängen,
überall in diesem bereits winterlich sich darbietenden Hochland ruhte modernd
die Armee, die zu exhumieren er gekommen war. Nun, da er das fremde Land zum
ersten Mal mit eigenen Augen sah, nahm die unbestimmte Furcht, die ihn seit
Monaten plagte, konkretere Gestalt an, weil er ahnte, daß er sich auf ein
aussichtsloses Unterfangen eingelassen hatte. Dort unten war sie, diese Armee,
außerhalb der Zeit, gefroren, kalzifiziert, von Erde bedeckt, und ihm war die
Aufgabe zugefallen, sie aus dem Lehm hervorzuholen. Der Gedanke bereitete ihm
Unbehagen. Dieser Auftrag war gegen die Natur, er würde es mit einem gerüttelt
Maß an Blindheit und Taubheit, einer Menge weißer Flecken zu tun bekommen. Der
Ausgang war nicht abzusehen.
Als jäh der Boden unter ihnen auftauchte, gab ihm der Anblick nicht etwa
Sicherheit, sondern seine Beklemmung nahm noch zu. Zur Gleichgültigkeit der
Toten gesellte sich die Verächtlichkeit der Erde, und nicht nur das. Von dem
wilden Toben dort drunten im Nebel, den gleichsam vom Schmerz zerklüfteten
Bergrücken ging nichts als Feindschaft aus.
Einen Augenblick lang kam es ihm unmöglich vor, die Mission, mit der man ihn
betraut hatte, zu erfüllen. Er rang um Fassung. Gegen den Druck, den die Erde
und vor allem die Berge mit ihrer Feindseligkeit auf ihn ausübten, versuchte er
sich mit dem nötigen Stolz auf seine Aufgabe zu wappnen. Bruchstücke von Reden
und Artikeln, Gesprächsfetzen, Hymnen, Filmausschnitte, Festlichkeiten,
Tagebuchauszüge, Glockengeläut: diese versunkene Reserve stieg allmählich an
die Oberfläche seines Bewußtseins. Tausende von Müttern in seinem Heimatland
harrten der Gebeine ihrer Söhne. Und, keine Frage, er würde sie ihnen bringen.
Seiner großartigen, ja geradezu heiligen Pflicht würde er sich würdig
erweisen. Vorbehaltloser Einsatz war selbstverständlich. Keiner der Gefallenen
durfte in der fremden Erde zurückgelassen werden. Ein ehrenvoller Auftrag, kein
Zweifel. Unterwegs hatte er mehrfach an die Worte denken müssen, die ihm von
einer alten Dame aus höchsten Kreisen mit auf den Weg gegeben worden waren: »Einem
stolzen Vogel gleich werden Sie einsam über diesen tragischen Bergen kreisen,
um unsere armen Söhne den Schlünden und Klauen zu entreißen.«
Nun neigte sich die Reise ihrem Ende zu. Seit sie die Berge hinter sich hatten
und nur noch über zwischen Hügel eingebettete Täler und schließlich flaches
Land flogen, war dem General ein wenig leichter ums Herz.
Das Flugzeug sank auf die nasse Landebahn herab. Rote und veilchenblaue Lichter
huschten auf beiden Seiten vorüber. Kahle Bäume, ein Soldat im Militärmantel,
ein zweiter, noch steifer als der erste, alles wich ängstlich zurück. Bloß
das Menschenhäuflein, das zu seinem Empfang erschienen war, wagte sich an das
Flugzeug heran.
Der General stieg als erster aus. Ihm folgte der Priester, der ihn auf seiner
Mission begleitete. Ein feuchter Wind schlug ihnen entgegen, und sie klappten
die Mantelkrägen hoch.
Eine halbe Stunde später fuhren ihre Autos in raschem Tempo auf Tirana zu.
Der General warf einen Blick zu dem Priester hinüber, der schweigend nach draußen
starrte. Seine Miene war völlig ausdruckslos. Dem General wurde klar, daß es
nichts gab, was er ihm zu sagen gehabt hätte, deshalb zündete er sich eine
Zigarette an und schaute wieder aus dem Fenster. In den Wasserfäden, die über
das Glas rannen, brachen sich die Konturen der fremden Landschaft, so daß er
sie nur verzerrt erkennen konnte.
Aus einigem Abstand war das Pfeifen einer Lokomotive zu hören. Der General
versuchte herauszufinden, ob der Zug auf seiner oder des Priesters Seite fuhr.
Es war seine Seite. Er sah dem Zug nach, bis er im Nebel verschwunden war. Dann
schaute er wieder zu dem Priester hinüber, doch dessen Miene war noch genauso
unbewegt und ausdruckslos wie vorher. Wieder hatte der General das Empfinden, daß
es nichts zu sagen gab. Es gab, das wurde ihm klar, noch nicht einmal etwas, das
zu überlegen gewesen wäre. Über alles hatte er schon während der Reise
nachgedacht. Nun war er müde. Neue Gedanken ließ er besser gar nicht mehr zu.
Genug. Lieber kontrollierte er in dem kleinen Spiegel, ob seine Uniform noch
richtig saß.
Sie kamen in Tirana an, als es Abend wurde. Nebel hing reglos über den
Wohnblocks, den Straßenlaternen und den kahlen Parkbäumen. Durch die
Autoscheiben sah er eine große Anzahl von Passanten im Regen umhereilen. Es
gibt hier wirklich eine Menge Schirme, dachte er. Er wollte den Priester
ansprechen, weil er des Schweigens überdrüssig war, doch fiel ihm kein Gesprächsthema
ein. Auf seiner Seite des Fahrzeugs tauchten erst eine Kirche und dann eine
Moschee auf. Auf des Priesters Seite gab es eine endlose Reihe hoch aufragender
Wohnblocks, die von Gerüsten umgeben waren. Rotäugige Kräne bewegten sich
drachengleich durch den Nebel. Der General wies den Priester auf die Kirche und
die Moschee hin, doch dieser ließ kein besonderes Interesse erkennen. Neugier
ist seine Sache wohl nicht, dachte der General. Es ging ihm nun besser, nur
hatte er niemand, mit dem er sich unterhalten konnte. Ihr albanischer Begleiter
saß auf dem Platz vor dem Priester, während die beiden anderen, die zu ihrem
Empfang am Flugplatz erschienen waren, ein Abgeordneter und ein
Ministerialbeamter, im zweiten Auto folgten.
Als sie im Hotel »Dajti« ankamen, hob sich die Stimmung des Generals
erheblich. Er suchte sein Zimmer auf, um die Uniform zu wechseln. Dann ging er
in die Halle hinunter und meldete ein Telefongespräch nach Hause an.
Der General, der Priester und die drei Albaner nahmen gemeinsam an einem Tisch
Platz. Ihre Unterhaltung drehte sich um verschiedene belanglose Themen. Der
Politik gingen sie tunlichst aus dem Weg. Der General strahlte Höflichkeit und
Seriosität aus. Der Priester sprach sehr wenig. Diese Wortkargheit veranlaßte
den General dazu, deutlich zu machen, daß er dennoch der Wichtigere war. Er ließ
sich über die positiven Traditionen der Menschheit aus, was die Bestattung
gefallener Soldaten anbelangte. Griechen und Trojaner, so legte er dar, nutzten
Kampfpausen, um ihre Toten mit feierlichem Gepränge zu Grabe zu tragen. Was
seine eigene Mission anbetraf, äußerte er sich sehr optimistisch.
So schwer es auch werden mochte, er würde diese heilige Mission auf jeden Fall
ehrenvoll zu Ende bringen. Schließlich warteten Tausende von Müttern auf ihre
Söhne, und zwar schon seit mehr als zwanzig Jahren. Natürlich war es ein
anderes Warten als damals, als sie noch auf eine Heimkehr lebender Söhne hatten
hoffen können, aber trotzdem, auch die Toten wurden erwartet. Er würde den Müttern
die sterblichen Überreste ihrer Söhne zurückbringen, die der schlechten Führung
unfähiger Generale im Krieg zum Opfer gefallen waren. Das machte ihn stolz. Er
würde keine Mühe scheuen ...
»Herr General, Ihr Gespräch ...«
Der General erhob sich lebhaft.
»Sie entschuldigen mich, meine Herren.« Mit langen Schritten begab er sich zum
Empfang.
Seine Rückkehr war von gleicher Erhabenheit. Er verstrahlte Glanz. Sie tranken
Kaffee und Kognak. Die Unterhaltung wurde herzlicher. Der General war weiterhin
darum bemüht, deutlich zu machen, daß er bei dieser Mission das Sagen hatte, während
der Priester, wenngleich im Range eines Obersten stehend, sich nur um die
geistlichen Belange zu kümmern hatte. Der General war die Hauptperson und
konnte bestimmen, über was geredet wurde: über Kognak, die Hauptstadt, über
Zigaretten. Er fühlte sich ausgesprochen wohl in diesem Hotelsalon mit seinen
schweren Vorhängen, obwohl die Musik fremdartig, sogar sehr fremdartig klang.
Er wunderte sich selbst über seine plötzliche Schwäche für die Möbel und
Accessoires ringsum, von den weichen Sesseln bis hin zu der angenehm brodelnden
und zischenden Espressomaschine. Eher als eine Schwäche war es wohl die
vorauseilende Sehnsucht nach Dingen, auf die sie, das spürte er, lange Zeit würden
verzichten müssen.
Der General war ausgesprochen guter Laune. Er konnte sich diesen plötzlichen
Anfall von Frohsinn selbst nicht ganz erklären. Am ehesten ließ er sich mit
der Befriedigung eines Wanderers vergleichen, der nach einem beschwerlichen
Marsch bei ungünstigem Wetter endlich wieder ein Dach über dem Kopf hat. Der
Kognak im Schwenker vertrieb nach und nach das drohende Bild der grauen Berge,
das ihm sogar hier am Tisch noch zu schaffen machte. »Wie ein stolzer, einsamer
Vogel ...« Plötzlich spürte er in sich eine große Kraft. So viele Jahre
hatten die Leiber Zehntausender von Soldaten in der Erde auf ihn gewartet, und
nun endlich war er da, war er gekommen, um sie aus dem Lehm zu bergen und ihren
Eltern und Lieben zurückzugeben. Er hielt in diesem Land gleichsam wie ein
neuer, mit unfehlbaren Karten, Listen und Aufzeichnungen versehener Christus
Einzug. Andere Generale hatten diese endlos langen Kolonnen in die Niederlage,
in die Vernichtung geführt, doch nun war er gekommen, um das, was von ihnen
noch übrig war, dem Vergessen und dem Tod zu entreißen. Auf den einstigen
Schlachtfeldern würde er jedes Grab erforschen, mit der klaren Vorgabe, daß
kein einziger Soldat verschollen bleiben durfte. In seinem Krieg mit dem Lehm
waren Niederlage und Rückzug unmöglich, schließlich durfte er auf die
Zauberkraft präziser Daten bauen.
Er vertrat ein großes Land, eine bedeutende Zivilisation, was das Werk, das er
zu verrichten hatte, adelte. Es war von gleichsam griechischer und trojanischer
Erhabenheit, vergleichbar den homerischen Leichengängen. Keine Frage, die
Albaner, diese Ansammlung von Schirmträgern, würde das große Staunen überkommen.
Der General leerte noch ein Glas. Von heute nacht an würden in seiner fernen
Heimat jeden Tag, jeden Abend die Wartenden von ihm sagen: Er ist auf der Suche.
Wir gehen ins Kino, ins Restaurant, ins Café, während er das fremde Land kreuz
und quer durchstreift. Suchend, Gräber öffnend. O ja, die Pflicht, die er übernommen
hat, ist schwer, aber er wird sie bewältigen. Nicht ohne Grund hat man gerade
ihn ausgewählt. Gottes Hilfe ist ihm gewiß!
Rezension I Buchbestellung I home II05 LYRIKwelt © Ammann Verlag