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Der Antrag
(aus: Der Antrag, Roman,
2004, Frankfurt
Verlagsanstalt)
(S. 35-50)
Zu Hause zappte er durch die Fernsehkanäle. In einem der dritten Programme lief
ein alter Film mit ihm. Harry mußte sich überwinden hinzusehen. Wenn er seinen
Bewegungen auf dem Bildschirm zuschaute, litt er physisch; er haßte sein
glattes, er haßte sein unrasiertes, er haßte sein verschlafenes oder sein nervöses
Gesicht, sein zu hartes Lachen. Was wußte ein durch und durch beherrschter
Mensch wie Christina von den Selbstzweifeln, die bei seinem eigenen Anblick auf
dem Bildschirm einsetzten, die ihn überwältigten und seinen Stolz zerbrachen?
Die Unvollkommenheiten beim Spiel, jene Mängel und Defizite, die nicht mehr zu
beseitigen waren, wühlten ihn jedesmal so auf, daß er danach nicht schlafen
konnte. Diese Bilder hängen einem an wie alter Schleim, den man nie los wird,
dachte Harry niedergeschlagen, konnte sich aber von dem Film nicht lösen.
Plötzlich fiel ihm der Brief wieder ein. Er suchte eine Weile, erinnerte sich
aber nicht, wo er den Umschlag gelassen hatte. Schließlich fand er ihn
versteckt zwischen den Feuilletonseiten seiner Zeitung auf einem Stuhl. Das
beigefügte Foto der jungen Frau bewegte ihn auf merkwürdige Weise. Oberhalb
ihres Schlüsselbeins befand sich eine deutlich sichtbare Narbe, die von der
Biopsie herrührte, die sie erwähnte. Zumindest wußte sie, wie kostbar das
Dasein war, während er seine Lebenszeit gedankenlos verbrauchte, ohne eine
Beziehung zwischen Soll und Haben seiner Existenz herzustellen. Sein Beruf war
eine befriedigende Methode, das eigene Ich loszuwerden. Wenn er spielte, kam er
ohne sich aus. Beim zweiten Lesen des Briefes fand er, daß er sehr gut
geschrieben war. Ganz klar entwickelte sie ihre Vorstellung davon,
Schauspielerin zu werden. Alle Rollen zählte sie nacheinander auf, die sie sich
zutraute und nun wegen ihrer Krankheit vielleicht nie spielen würde. Es klang
wie eine leidenschaftliche Klage, kindlich, aber nicht naiv. Ihr Wunsch, als
Frau den Mephisto darzustellen, weil die Dialoge des Teufels sie interessierten,
befremdete ihn. Im Alter von fast zweiundzwanzig Jahren noch Jungfrau. Daran mußte
es liegen. Vielleicht wollte sie sich damit wichtig machen.
Er konnte nicht einschlafen. Mitten in der Nacht begann er eine
Reisebeschreibung von Sibirien zu lesen, die Christina gekauft hatte.
Gelangweilt von der Lektüre legte er das Buch zurück und griff nach dem
zerlesenen Band mit Texten deutscher Mystik, der auf dem Nachttisch lag. Wenn er
nachts unruhig war, suchte er die Stellen in Büchern, die ihn trösteten und
ihn versöhnten mit den armseligen Sätzen der Fernsehkrimis, die er in seinem
Beruf zu sprechen hatte. »... ebenso ungleich sind die Worte, die aus einem
lebenden Herzen durch einen lebenden Mund herausfließen, gegenüber den Worten,
die auf das tote Pergament kommen, zumal in deutscher Sprache. Denn dann
erkalten sie, ich weiß nicht wie, und verbleichen, wie die abgebrochenen Rosen,
denn dann erlischt die lustvolle Weise, die vor allen Dingen das menschliche
Herz rührt...«
Während er sich den Text laut vorlas, wanderte er durch seine luxuriösen Räume,
von Zimmer zu Zimmer, öffnete Schiebetüren mit Bleifassungen, in denen noch
das Originalglas saß, und Flügeltüren, die die weiteren Räume verbanden.
Alles war prächtig, bis in viele Details geschmackvoll, aber die Wohnung, für
die er einen hohen Kredit aufgenommen hatte, war abweisend wie eine möblierte Wüste.
Christina verstand von Einrichtung mehr als er, und er hatte sich nicht dagegen
gewehrt, als sie ihre Einkäufe machte. Art-déco-Möbel, hatte Christina
befunden, paßten zu ihm, weil er im Grunde ein Mensch mit Sinn für das
Klassische sei. Die Majestät von Ebenholz und Palisander, die eleganten
Konturen gelackter Möbel, in den zwanziger Jahren nach alten japanischen
Verfahren gebaut, Oberflächen wie aus Seide, das alles werde der Wohnung die
kreative Spiritualität verleihen, die er brauche und die sie ihm zu seinem
Wohlergehen verordnete. Von den acht Räumen seiner Wohnung bewohnte er in
Wirklichkeit nur sein Bücherzimmer (Christina nannte es Bibliothek), in dem
neben den neuen Regalen sein flachgesessener Lesesessel stand, den er beim
Einrichten verteidigt hatte und den sie verabscheute.
Übermüdet ging er ins Bett zurück und fiel in einen rauschartigen Schlaf, aus
dem ihn am Morgen erst das Läuten des Telefons riß. Er suchte nach dem Hörer,
den er auf einem Bücherbord abgelegt hatte, und erkannte Hellenbroichs Stimme.
»Ich wollte nur wissen, ob du am Freitag wieder auf dem Damm bist. Wie fühlst
du dich jetzt?«
»Völlig okay«, sagte Harry. »Ich habe mich zu sehr in die Rolle
hineingesteigert. Das war alles.«
Ungewohnt ausgiebig erkundigte sich Hellenbroich nach Christina und den widrigen
Umständen, mit denen sie beim Drehen zu kämpfen hatte. Harry gab Auskunft,
ohne die alte Rivalität ausblenden zu können, die in ihm aufstieg, wenn
Hellenbroich Christinas Namen erwähnte und ihm gegenüber vorgab, wie sehr er
sich für ihr Filmschaffen interessiere. Die arme Christina, die im tiefsten
Sibirien den Urzustand der Natur und Ursituationen der Menschheit aufspüre und
dafür Respekt verdiene! »Ich weiß ja, daß du dich gegen die Rolle stemmst,
aber versuche wieder etwas mehr Abstand zu gewinnen. Du warst selten so gut wie
diesmal«, sagte Hellenbroich mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch
zuließ. Er machte Komplimente, daß es einem die Schuhe auszog, und manche
seiner Übertreibungen klangen altmodisch und fast degoutant, aber außer ihm
kannte Harry niemanden, der ein ähnlich seismographisches Gefühl für die
Leistung seiner Darsteller besaß.
Nach dem Gespräch blieb Harry im Bett liegen. Er war in einen elegischen
tatenlosen Zustand geglitten, aus dem er nicht herausfand. Hellenbroichs
unvermindertes Interesse an Christina hatte ihm den Morgen verdor-
ben, auch wenn die Erinnerungen, die ihn quälten, Jahre zurücklagen. Harry
hatte Hellenbroichs Hotelzimmertür geöffnet und zugesehen, wie Christina ihn
betrog. Die beiden hatten sich geliebt, ohne ihn zu bemerken, und er hatte sie
nicht gestellt, sondern die Flucht ergriffen bei ihrem Anblick. Christinas
Verrat, den er in falscher Großzügigkeit zu ignorieren versuchte, war die
tiefste Verwundung seiner privaten Existenz gewesen, aber er hatte darüber
geschwiegen und das Geschehene verdrängt, vorgegeben, nichts von dieser
Beziehung zu wissen. Alles war wie hinter einem inneren Vorhang verschwunden, er
konnte sich kein einziges Bild in Erinnerung rufen. Zuviel Zeit war vergangen,
und um die Sache zur Sprache zu bringen, fehlte es ihm an Mut.
Am späten Mittag, nachdem er sich eine Tafel Schokolade als Ersatz für das
ausgefallene Frühstück gegönnt hatte, fühlte er seine Tatkraft zurückkehren
und verließ das Haus, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Gegen halb fünf
kehrte er mit Lebensmitteln und Weinflaschen beladen zurück und sah jemanden
auf dem Treppenabsatz vor seiner Tür sitzen mit dem Kopf auf den Knien. Ihm
schwante gleich, daß es die Schreiberin des Briefes war. Die langen Haare
hingen vorne herunter und streiften fast seinen Mantel, als er an ihr
vorbeiging; während er die Einkäufe absetzte und die Tür aufschloß, bewegte
sie sich nicht. Nachdem er die Tüten in den Flur gestellt hatte, war sie
bereits die Treppe bis zur ersten Biegung hinuntergegangen. Er schaute ihr nach.
»Kommen Sie rein«, rief er, »Sie wollten doch zu mir.«
Sie hob kurz den Kopf, sah ihn fast ausdruckslos an und ging weiter die Treppe
hinunter. Nach minutenlangem Warten zog er die Tür zu und brachte die Einkäufe
in die Küche. Wie gerne hätte er jetzt einen Tee getrunken und ein Stück
Kuchen gegessen. Er hätte sogar gerne mit jemandem geredet. Aber er konnte mit
dem Herd nicht umgehen, dessen Bedienungsanleitung er ungeduldig und ohne Erfolg
gelesen hatte. Schließlich begnügte er sich mit einem Glas naturtrüben
Apfelsaft und bröckelte mit der Hand etwas von dem Käsekuchen ab, den er aus
dem Eisschrank nahm. Der Kuchen war so kalt, daß ihm die Zähne wehtaten. Warum
hatte das Mädchen auf seine Einladung nicht reagiert? War sie vor ihrer eigenen
Courage erschrocken? Sie trug einen dicken Anorak; um den Hals schlang sich ein
langer blauer Strickschal, der bis auf ihre dunkle Hose hinunterfiel; in den
hochgeschnürten schwarzen Stiefeln sah sie nicht aus wie die halb entblößte
Undine auf dem Foto, das sie geschickt hatte. Etwas zu männlich und zu herb für
seinen Geschmack, nicht sonderlich attraktiv. Er hatte sie an der mattblonden Mähne
erkannt.
Vielleicht war sie es doch nicht gewesen, zweifelte er plötzlich. Die Haustür
stand wegen der unbeendeten Handwerkerarbeiten immer offen. Jeder konnte die
Treppen hochspazieren. Eine halbe Stunde später – er war gerade ein bißchen
eingedöst – klingelte es. Auf Socken ging er zur Tür und schaute durch den
Spion, dessen Weitwinkel ihre Gesichtszüge verzerrte. Er ließ sich Zeit beim
Öffnen. »Warum sind Sie vorhin weggelaufen, wenn Sie doch zu mir wollten?«
fragte er.
Sie streckte ihm einen Strauß roter Tulpen in einer Zellophanhülle entgegen.
»Zum Frühlingsanfang«, sagte sie und betrachtete den langen Flur, auf dem
keine Teppiche lagen. »Hier könnten Sie ja Rennen fahren.«
»Wollen Sie draußen stehen bleiben?« sagte Harry. »Für ein Gespräch an der
Tür ist es zu kalt.«
»Ich will nicht hereinkommen. Ich wollte mich nur mit Ihnen verabreden.«
»Haben Sie Angst vor mir?«
Sie antwortete nicht und trat in die Diele, an deren Wänden sich eine endlos
lange Galerie von Luftpolsterfolien erstreckte, in denen seine unausgepackten
Bilder und Lithographien steckten. Er nahm ihr den Anorak ab, aus dem milder
Blumenduft aufstieg. Irgendein Parfum, das er kannte. Ihr schwarzer
hochgeschlossener Pullover reichte nur bis zur Taille; sie war dünn und fragil
wie auf dem Foto. Er ging in die Küche voraus, riß verschiedene Schränke auf,
um eine Vase zu finden, bis ihm einfiel, daß der größte Teil seines Haushalts
noch in den Umzugskartons im Wirtschaftsraum lagerte. Befangen drehte er sich
nach ihr um. Sie hatte die Perücke abgenommen, und er sah in ihr überzartes
Gesicht, erblickte den verletzlichen Schädel, auf dem ein erster Haarflaum
sichtbar war wie bei einem jungen Vogel. »Mein Gott«, sagte er.
»So bin ich«, sagte sie. »Stört es Sie sehr?«
Sehr blasse, sehr große blaue Augen, fast keine Brauen und Wimpern – langsam
gewöhnte er sich an ihr Aussehen. Die kleinen Ohren schimmerten wie
porzellanfarbene Eierschalen neben dem fahlen Gesicht. Man konnte sie nicht hübsch
nennen, aber ein flämischer Maler des siebzehnten Jahrhunderts hätte sie
wahrscheinlich als Modell gewählt, dachte er und versuchte, den ersten
Schrecken über ihren kaum behaarten Kopf und die hohe leere Stirn zu überwinden.
Verlegen suchte er weiter nach einem passenden Gefäß und holte einen Topf aus
Edelstahl aus dem Schrank, füllte ihn mit Wasser und stellte die Tulpen hinein.
Sie kommentierte sein Stilleben nicht.
»Ich würde Ihnen gern einen Tee anbieten«, sagte er hilflos, »aber ich kann
mit dem neuen Herd nicht umgehen. Er arbeitet digital.«
Sie reagierte nüchtern und fragte ihn nach dem Manual.
»Die Bedienungsanleitung, ja, die muß hier irgendwo liegen.«
Mit einem schnellen, systematisch prüfenden Blick schaute sie sich in seiner Küche
um und griff dann nach der Broschüre, die auf der Spülmaschine lag.
»Einen Moment.«
Am Küchentisch schlug sie das Inhaltsverzeichnis auf und glitt mit dem
Zeigefinger über ein paar fettgedruckte Überschriften und Zeichnungen. »Ganz
einfach. Sie müssen nur zu Anfang auf die rechte Null drücken. Dann tippen Sie
auf die Kochfläche, die Sie benutzen wollen, und tippen die Stufen hoch oder
runter. So!«
Er versuchte ihren zierlichen Fingerbewegungen zu folgen, aber sie war zu fix für
ihn.
»Wo ist der Wasserkessel?« fragte sie.
»Ich stelle fest, Sie gehören zur Computergeneration«, sagte er. »Das
vergesse ich immer. Ihr Zwanzigjährigen könnt das ja alles im Schlaf!«
Auf der Küchentheke lag das Einpackpapier der vielen Tafeln
Zartbitterschokolade, die er seit einigen Tagen verzehrt hatte. Die Vorstellung,
sie könne seine heimliche Naschleidenschaft für unmännlich hatten, war ihm
unangenehm, und er versuchte, sie abzulenken. Vorsichtig bugsierte er das
Tablett mit der Teekanne und den Tassen durch mehrere Türen bis in sein Bücherzimmer
und stellte es auf dem kleinen schwarzen Tisch ab. Mit der Perücke in der Hand
folgte sie ihm und schaute sich neugierig um.
Nach ihrem Zustand traute er sich nicht zu fragen. Wahrscheinlich erwartete sie,
daß er jetzt auf den Grund ihres Besuchs zu sprechen kam. Vielleicht hatte sie
Hemmungen, von sich aus davon anzufangen. Schließlich überwand er sich. »Sind
Sie wirklich so krank, wie Sie geschrieben haben?«
»Meine Krankheit war bereits weit fortgeschritten, als man sie entdeckt hat.
Bis vor sechs Wochen habe ich Bestrahlungen bekommen und eine Chemotherapie.
Jetzt muß ich abwarten, ob die Behandlung etwas genutzt hat!«
»Und wo leben Ihre Eltern? Kümmert sich überhaupt jemand um Sie?«
»Mein Vater ist im Ausland. Meine Mutter ist tot.«
»Und warum ist Ihr Vater nicht bei Ihnen?«
»Er war hier. Vor einer Woche mußte er zurück. Er kann mir doch nicht helfen.«
Seine Fragen beantwortete sie derart knapp, daß Harry den Eindruck gewann, sein
Interesse sei unpassend. Die ganze Zeit während ihres Gesprächs kam er sich
vor wie bei einer Schulprüfung, die er nicht beste-hen konnte, weil deren
Ergebnis nicht verraten werden würde. Er ärgerte sich, daß er in Socken
herumlief und einen Pullover trug, den er längst ausrangiert hatte. Für den
Geschmack einer jungen Frau, die ihn zum ersten-mal besuchte, sah er zweifellos
wenig vorteilhaft aus. Ihre weiße Gesichtshaut hatte sich von dem heißen Tee
leicht gerötet. Selbst ihre blassen Ohren glühten plötzlich. Sie hielt seinem
direkten Blick eine Weile stand, ohne wegzusehen. »Wenn man Schauspieler werden
will, muß man vor allen Dingen schauen lernen«, sagte er. »Mit Blicken zu
arbeiten, ist im Film noch wichtiger als die Sprache, Sie müssen in jedem
Moment ganz bei sich sein. Je sparsamer Sie agieren, desto authentischer wird
das Spiel. Vermeiden Sie alle Schnörkel! Keine Faxen, keine Ornamente, dann
haben Sie im Film gesiegt.« Während sie von ihm wegschaute und den Kopf
senkte, überkam ihn auf einmal die Anwandlung, den samtigen hellblonden Flaum
ihres Schädels, auf dem hinten ein winziger Haarwirbel in die Luft ragte, zu
berühren. Aber er hielt sich zurück.
»Verirren Sie sich nachts nicht in dieser riesigen Wohnung?« fragte sie
eingeschüchtert, als er ihr die zur Straße liegenden Räume zeigte, die durch
große Flügeltüren miteinander verbunden waren.
»Berliner Wohnungen sind Lehranstalten für Geschichte«, sagte er. »Auch
diese ist ein Beispiel dafür. Wollen Sie etwas darüber hören?« Nachdenklich
sah er ihr ins Gesicht. »Das Haus wurde 1910 gebaut. Haben Sie den alten Aufzug
gesehen? Der erste Bewohner dieser Wohnung war ein preußischer General. Er
hatte ein Kavallerieregiment geführt, das in Potsdam stand. Sein Sohn fiel im
Ersten Weltkrieg. Der General verarmte. Er erschoß sich, während sein Dienstmädchen
beim Einkaufen war. In den zwanziger Jahren zog ein jüdischer Textilhändler
hier ein, der sein Geschäft auf dem Kurfürstendamm hatte. 1936 verließ er
Deutschland und ging nach England zu Verwandten. In den vierziger Jahren übernahm
ein Offizier der Waffen-SS die Wohnung. Damals war sie wegen der vielen
Ausgebombten schon unterteilt worden.«
»Und weiter?«
»Ende April 1945 eroberten die Russen im Straßenkampf Charlottenburg. Der
SS-Offizier, der in den letzten Wochen davor alte Männer und Knaben für den
Volkssturm ausgebildet hatte, wurde verwundet. Seine Familie war evakuiert
worden und auf der Flucht. Er ging zu der jungen Ärztin, die unten im Haus eine
Ambulanz eingerichtet hatte, und ließ sich verbinden. Die Russen waren wenige
Straßen entfernt. In der Uniform der Waffen-SS wolle er das Haus gegen die
sowjetischen Soldaten verteidigen und sich den Ehrentod geben, wenn die Russen
vor seiner Wohnungstür stünden, sagte er zu der Ärztin. Daraufhin alarmierte
sie die Hausbewohnerinnen, die im Keller das Kriegsende abwarten wollten. Sie
machte ihnen klar, daß das Haus zerstört würde und sie wahrscheinlich
umkommen würden, falls der Offizier aus dem vierten Stock auf die Russen
feuerte. Dann präsentierte sie einen Plan. Als sie an seiner Tür klingelte und
der SS-Offizier öffnete, stürzten sich die Frauen aus dem Haus auf ihn,
fesselten ihm Arme und Beine, und die Ärztin verabreichte ihm eine Spritze, die
ihn schläfrig machte. Sie zogen ihn aus und schoren ihm die Haare. Die Ärztin
legte seine Beine und seinen Oberkörper in Gips und machte ihm einen
Kopfverband. Die Laken, mit denen sie ihn zudeckten, befleckten sie mit dem Saft
von eingemachten Sauerkirschen und Resten von roter Tinte.
Die Ärztin wies die Frauen an, Liegen, Arzneien und Matratzen in den vierten
Stock zu schaffen und sich ebenfalls auf blutig gefärbte Laken zu legen. Und
die Ärztin hängte ein Schild vor die Wohnung, das eine Ukrainerin russisch
beschriftet hatte: ›Provisorische Klinik! Achtung: Typhus-Gefahr!‹«
»Woher wissen Sie das alles?«
»Von der Ärztin. Sie ist jetzt siebenundachtzig Jahre alt und hat noch in dem
Haus gelebt, als ich die Wohnung kaufte. Sie zeigte mir ein Foto, das sie damals
hier im Salon aufgenommen hat. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik.«
Mit Befriedigung stellte er fest, daß sie ihm gebannt zuhörte.
»Möchten Sie vielleicht etwas Schokolade, zartbitter?« fragte er spontan. »Oder
etwas Käsekuchen?«
»Ich will erst die Geschichte zu Ende hören«, sagte sie irritiert. »Ich mag
keine Schokolade.«
»Schade«, sagte er. »Wieso denken Sie, daß die Geschichte noch nicht zuende
ist?«
»Das habe ich an Ihrem Gesicht gesehen.«
»Also weiter«, sagte er, »etwas verkürzt erzählt. Der Offizier war ein gläubiger
Nazi; wahrscheinlich verehrte er den Führer wie einen Gott. In diesem Raum
hatte er an die zwei Dutzend Hitler-Büsten und Köpfe aufgestellt, Büsten aus
Gips, aber auch aus Keramik, die Mehrzahl aus Bronze. Die Frauen holten Leitern
und schafften die Büsten auf den Hängeboden über dem Bad. Einige hatten noch
Reste von roter Fußbodenfarbe in der Wohnung. Damit malten sie die Büsten an,
um sie unkenntlich zu machen. Die Frauen haben alle überlebt, und keine von
ihnen wurde vergewaltigt. Die Russen hatten panische Angst vor Krankheiten. Der
Offizier wurde von der Ärztin mehrere Tage lang mit Äther und Spritzen
ruhiggestellt. Er soll keinen Mucks von sich gegeben haben. Nach dem Krieg blieb
die Wohnung geteilt. Das Dach war beschädigt. Die Leute stellten Wannen auf,
weil es hereinregnete. Zuletzt wohnten nur noch ein paar alte Leute hier.«
»Und Sie haben das Ganze sanieren lassen und daraus eine Luxuswohnung gemacht!«
Aus ihrem Gesichtsausdruck schloß er, daß die Geschichte sie beeindruckt
hatte, aber im Moment wußte er nicht, worüber er weiter reden sollte.
»Warum haben Sie ausgerechnet mir diesen Brief geschrieben?«
»Ich habe ein paar Überlegungen angestellt«, sagte sie sehr gewählt. »Erstens
möchte ich nicht als Jungfrau sterben, zweitens möchte ich sexuelle
Erfahrungen machen.«
»Und warum suchen Sie sich nicht jemandem in Ihrem Alter? Sex können Sie an
jeder Straßenecke finden!«
»Sex ist Vertrauenssache«, sagte sie altklug. »Ich kenne Sie und Ihr Gesicht
seit Jahren aus dem Fernsehen. Sie sind mir mit ihrer Mimik vertraut. Ich habe
keine Angst vor Ihnen. Wenn ich einen Mann auf der Straße oder in einem Lokal
suchen wollte, müßte ich mich erst an sein Aussehen und Gehabe gewöhnen. Dazu
habe ich keine Zeit.«
»Ich glaube, Sie machen sich etwas vor«, sagte er. »Das ist ja verständlich
in Ihrer Situation. Sie suchen Heilung, Erlösung, ein Wunder, aber ich bin nur
ein normaler Mann und solchen Anforderungen nicht gewachsen. Ich müßte mich
schämen, wenn ich ein solches Angebot annehmen würde!«
»Das nennt man unterlassene Hilfeleistung«, erwiderte sie stur.
»Ich lade Sie gern zum Essen ein«, sagte er. »Dann können Sie mir erzählen,
warum Sie eigentlich mit zweiundzwanzig Jahren noch Jungfrau sind!«
»Das erzähle ich Ihnen erst, wenn Sie mit mir geschlafen haben. Übrigens weiß
ich, daß Ihre Frau nicht da ist.«
»Woher kannten Sie meine Adresse? Mein Agent sagt, er habe sie Ihnen nicht
gegeben.«
»Ich habe Sie vor einigen Tagen in einem Café am Kudamm gesehen. Dann bin ich
Ihnen nachgegangen. Es war ganz einfach.«
»Haben Sie denn noch nie einen Freund gehabt?«
»Nein«, sagte sie.
»Kann ich jetzt bitte Ihr Schlafzimmer sehen?« fragte sie und hob wieder den
Blick. »Oder ist Ihnen das peinlich?«
»Ihre Generation ist wirklich sehr direkt«, sagte er. »Da kann man allerhand
lernen.«
»Das hat nichts mit meiner Generation zu tun. Ich kann es mir nicht leisten,
Zeit zu verlieren.«
»Da drüben«, sagte er widerwillig bewundernd. »Sie können ruhig reingehen.
Außer einem Bett steht nicht viel drin.«
Ohne zu zögern, ging sie in den Korridor und öffnete die Schlafzimmertür.
Nachdem sie eine Weile fortgeblieben war, befürchtete er schon, sie hätte sich
umstandslos in sein Bett gelegt und würde sich freiwillig nicht mehr erheben.
Wie sollte er sie loswerden? Er hatte noch ein paar harte Drehtage vor sich.
Schließlich ging er ihr nach und sah, daß sie auf dem Boden kniete und einzeln
die Bücher betrachtete, die er las, wenn er schlaflos lag – sein ganzer
Vorrat an Lebensweisheiten und angestrichenen Stellen, der sich in den Bänden
neben seinem Bett stapelte; Sätze, mit denen er sich nachts tröstete und seine
Trauer relativierte, indem er sie mit dem Leiden anderer verglich. Immer wieder
las er Schriften von Mystikern verschiedener Kulturen. Texte, die Paradoxes
ausdrückten und sich mit der Unlogik des Daseins beschäftigten und der Geringfügigkeit
der eigenen Existenz.
»Es ist so weiß und kahl wie ein Krankenzimmer«, sagte sie, als sie zurückkam.
»Mit dem Schlafzimmer haben Sie sich gar keine Mühe gegeben.«
»Haben Sie schon einmal davon gehört, daß auch von Seiten des Mannes Gefühle
im Spiel sind, gewisse Voraussetzungen für sein Begehren?«
»Sie finden, daß mein Wunsch ungehörig ist«, stellte sie nüchtern fest. »Ich
dachte, ein Mann wie Sie stünde über solchen Konventionen.«
»Ganz und gar nicht.«
Sie spielt die Rolle der Todeskandidatin, dachte er, souverän, unsentimental,
herzlos. Eine unberührbare wesenlose Undine, die jede Annäherung verhindern
will. Wahrscheinlich ist sie deswegen noch Jungfrau.
Um ihren Besuch abzukürzen, versuchte er gar nicht erst, ein weiteres Gespräch
in Gang zu bringen, und schützte einen Termin vor, für den er sich umziehen müsse.
Danach holte er ihren Anorak und den kleinen Rucksack, den sie mitgebracht
hatte. Ohne Widerstand ließ sie sich von ihm hinausführen; den Versuch, eine
neue Verabredung mit ihm zu treffen, unterließ sie zu seiner Erleichterung. Das
Taxi, das er gerufen hatte, wartete bereits vor der Tür. Sie hatte die Perücke
wieder aufgesetzt und sah in der Jacke so unförmig eingepackt aus wie beim
Hereinkommen. Eiskalter Regen stach ihnen ins Gesicht, während sie die paar
Schritte zum Auto gingen.
»Wohin müssen Sie jetzt?«
»Nach Friedrichshain.«
Er gab dem Taxifahrer einen Fünfzigmarkschein.
»Irgendwann können wir mal zusammen essen gehen«, sagte er freundlich zu ihr
und ging zur Haustür zurück. Mit einem Seitenblick erfaßte er noch, daß das
Taxi hundert Meter weiter anhielt, wo sie ausstieg und den kleinen Rucksack über
ihre Schulter hängte. Sie schaute sich nicht um. Wie gejagt lief er die Treppen
zu seiner Wohnung hoch bei dem Versuch, warm zu werden. Dabei fiel ihm ein, daß
sie der erste Mensch war, der ihn in der neuen Wohnung besucht hatte. Auf der Küchentheke
standen die Blumen, die sie mitgebracht hatte – knallrote Tulpen, die schlaff
von den Stielen hingen, die Blüten mit den schwarzen Staubgefäßen weit geöffnet.
Plötzlich hatte er das Gefühl, alles verkehrt gemacht zu haben.
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