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Zwanzig Facetten
der russischen Natur
(Leseprobe
aus:
Der neue Golem oder der Krieg der Kinder und Greise, Roman, 2003, Suhrkamp
- aus dem Russischen von Elke
Erb und Olga
Martynova)
Die Russen sind klug. Einer weit verbreiteten Meinung nach ist "der Jude klug und der Russe talentiert“, aber das genaue Gegenteil davon ist wahr, wie der idiotisch lakonische Ingenieursjargon sich ausdrückt. In Wirklichkeit sind die Juden ein ziemlich dummes Volk, was ihre anfängliche wie auch schließliche Auffassung von Prozeduren und Begriffen (eingeschlossen die alltäglichen) betrifft, aber ziemlich begabt für deren unverzügliche praktische Anwendung in nicht bis zu Ende durchdachter Form, das heißt: sie sind schnell. Die Russen jedoch gelangen zu jedem Schluß und zu jeder Handlung mit dem Verstand, und ehe jeder von ihnen nicht im einzelnen alles bis zu Ende durchdacht hat, wird er nichts tun, jedenfalls nicht aus freien Stücken.
Die Russen sind Individualisten. Im Unterschied zu den kolonnenweise denkenden und fühlenden Europäern, ganz zu schweigen von den Amerikanern, die vom Säuglingsalter bis zu ihrem Höchstalter von siebzehn Jahren in Teenager-Cliquen (communities) mit streng festgelegten Verhaltensriten und Weltbildern organisiert sind, sind die Russen völlig unfähig zum Leben im Kollektiv. Größere Individualisten, als die Russen von Natur aus sind, gibt es nicht. Deshalb waren die Machthabenden in Rußland, um ein staatliches und wirtschaftliches Leben zu ermöglichen, historisch gezwungen, das Individuum in kollektive Verhaltensmuster massiv zu zwingen. Im Westen ist diese Nötigung längst nicht mehr vonnöten: Dem kollektiven Menschen kann man die individuelle Freiheit des Denkens und Handelns geben – er wird sie nicht nehmen.
Die Russen sind friedfertig. Die Russen führen nicht gern Krieg. Die Europäer aber neigen von Natur aus zu Gewalt, was lange Jahrhunderte ununterbrochenen Gemetzels unstreitig bewiesen haben, nicht zu reden von den beiden Weltkriegen, auf die sie verfielen. Die russische Armee war immer eine Armee ziviler, am Kriegshandwerk nicht interessierter Menschen (die Kosaken sind bekanntlich nicht Russen, sondern beschopfte Nachkommen der beschopften Chasaren). Deshalb führen die Russen immer auf die gleiche Weise Krieg, brauchen ewig, bis sie in Schwung kommen, weichen aus, schimpfen aus, schießen zurück, als verstünden sie nicht ganz, worum es geht, wenn sie doch die Ernte schon vor der Nase haben, erleiden vernichtende Niederlagen, dann werden sie wütend und zerschmettern alles um sich herum ohne Rücksicht auf Verluste, weder auf eigene noch auf fremde. So war es im siebzehnten Jahrhundert, so war es im zwanzigsten, so wird es immer sein. Die Art ihrer Kriegsführung ist eine der konstanten Größen einer Kultur. Die Deutschen werden immer musterhaft beginnen: sich zwanzig Jahre lang vorsichtig vorbereiten, die Schlachten gewinnen, die Städte einnehmen – und es wird immer mit einer ungeheuerlichen Zertrümmerung enden, wenn der Feind imstande ist, wenigstens ein wenig Widerstand zu leisten (also nicht Franzose ist). Die Amerikaner werden immer aus gefahrloser Ferne/Höhe alles, was sich bewegt, vom Antlitz der Erde tilgen, und in den Ruinen dann landen mit Schokolade und Coca-Cola für die einarmigen Kinderchen.
Die Russen hassen Spirituosen. Wer hat dieses widerliche Zeug nur erfunden?! – sagt gern einer, der mit zwei Fingern ein facettiertes Glas hält. Erfunden haben es westeuropäische Mönche. Die trinkenden Russen hassen Spirituosen und ihren Geschmack mehr als die nicht trinkenden. Alle übrigen Völker trinken, um sich zu erwärmen oder in Stimmung zu kommen (die Völker, die trinken, um sich zu erwärmen, unterscheiden sich von den Völkern, die trinken, um in Stimmung zu kommen, darin, daß die ersteren sich erwärmt haben und die letzteren in Stimmung gekommen sind). Die Russen trinken, um (wenn auch nur für eine Weile) die sie peinigende ununterbrochene Arbeit ihres Verstandes anzuhalten.
Die Russen sind wehrlos vor Gedichten. Rußland ist das einzige Land in der Welt, das seinen Namen (Róssija, stammbetont wie bei den Länderbezeichnungen auf ija üblich – Fránzija, Itálija, Ánglija), selbst geändert hat, um ihn besser in den Jambus der feierlichen Ode des 18. Jahrhunderts einzupassen und damit er sich auch als Reimwort eignet (Rossíja reimt sich exakt auf die weiblichen Adjektivsuffixe im Plural – ognewýja – feurige, rokowýja – fatale – usw.).
Die Russen sind tolerant, d. h. sie sind ziemlich gleichgültig gegen fremde Glaubensbekenntnisse und Lebensweisen. Mitte des 16. Jahrhunderts eroberten sie die tatarischen Fürstentümer, doch die Moschee steht immer noch dort, so etwas wäre in der westeuropäischen Geschichte undenkbar. Die Schamanen der Stämme an der Wolga und in Sibirien hexten, wie sie wollten, bis zur Sowjetzeit: Die Moskauer Kanzleien interessierten sich nur für die Naturalsteuer-Rauchware, und den in Sibirien siedelnden Bauern kam nicht in den Sinn, sich mit der "Massenaufklärung der Heiden" abzugeben. Das Petersburger Imperium und die Sowjetmacht, ihrer Herkunft nach europäische Ideologie- und Politikmodelle, haben sich bemüht, diese westliche Intoleranz in das russische Leben einzupflanzen (von oben organisierte Pogrome; staatliche – mehr oder minder träge – Unterdrückung von Angehörigen anderer christlicher und nichtchristlicher Glaubensgemeinschaften; wirtschaftliche und juristische Maßnahmen, die Taufe von Juden zu fördern; dann, nachdem diese Getauften die Revolution bewerkstelligt hatten – den militanten Atheismus fördernde Maßnahmen), aber im Resultat war all das nicht von besonderem Erfolg gekrönt. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der russischen orthodoxen Kirche vorgehalten (von einzelnen orthodoxen Intellektuellen), sie vernachlässige die Missionstätigkeit bei den Götzenanbetern, sogar in der in diesem (wie in jedem andern) Sinn am meisten verwestlichten Sowjetzeit ist es nicht gelungen, eine Nichtgleichgültigkeit gegen das, was andere denken und woran sie glauben, auf länger in den Russen zu befestigen. Den Westeuropäern fällt es schwer, so etwas zu verstehen – sie selbst führten aus unterschiedlichen religiösen Anlässen und Ursachen nahezu zwei Jahrtausende unentwegt Krieg gegeneinander und gegen andere, töteten in Schlachten und bei Belagerungen unzählige Menschen, verstümmelten, verbrannten und ertränkten gerichtlich und bei Pogromen. Die heutige westliche (übrigens auch reichlich streitbare) Toleranz hängt einfach damit zusammen, daß sich die Eiferer und Verfechter in den Jahrhunderten der religiösen Kriege und Verfolgungen gegenseitig ausgemerzt haben oder (wenn sie Sekten angehörten) nach Amerika oder Rußland geflohen sind und die heute lebenden Westeuropäer zumeist die Nachkommenschaft folgsamer Kleinbürger sind, welche den Glauben haben, an den sich die momentan aktuelle Obrigkeit hält, oder keinen Glauben, wenn keiner speziell verlangt wird.
Die Russen sind heikel gegen Unreinheit. Die Russen sind nicht leichtgläubig (wie Puschkin sagt, daß Othello sei), die Russen sind nicht eifersüchtig (wie Puschkin sagt, daß Othello nicht sei), die Russen sind heikel gegen Unreinheit. Sie erwürgen Desdemona, nicht, weil sie sie einem anderen guten Menschen nicht gegönnt hätten, nicht deshalb, weil sie ihre Eigentumsrechte, die Heiligkeit des Vertrauens oder die Heiligkeit der Ehe verletzt sehen, sondern weil sie heikel gegen Unreinheit sind. Die Reinheit von allem, was ihren eigenen Körper nicht unmittelbar berührt, ist den Russen gleichgültig. Von allem jedoch, was mit ihm in Berührung kommt, verlangen sie völlige Sterilität (deshalb mögen sie es nicht, an fremden Dreck mit den Händen zu rühren). Gehen Sie nur einmal von der gemeinsamen Treppe in eine private Wohnung. In Europa war früher alles sauber, was außen sichtbar war – für die Leute, alles, was man nicht sah, aber schweinischer als jeder Schweinestall – s. die Reisenotizen des russischen Komödiendichters Fonwisin (von Wiesen, 18. Jh.). Jetzt – in dem all-einseitig-sichtbaren Möbiusschen Europa – ist alles außen, alles sichtbar, deshalb auch alles mehr oder weniger sauber (zur Erhaltung der Sauberkeit muß man von überallher Sklaven importieren, sie mit fluoreszierenden roten Westen bekleiden und sie ausländische Mitbürger und Flüchtlinge nennen).
Die Russen wissen nicht, daß sie Russen sind. Die Russen denken, daß sie Europäer sind, Eurasier sind, Christen sind, daß sie Angehörige der Intelligenz sind, Sozialisten sind usw. usf. Der erste und meistverbreitete der genannten Irrtümer ist in der russischen gebildeten und halbgebildeten Schicht so fest verwurzelt (dank der drei Jahrhunderte des Imperiums Peters d. Gr. und der Sowjetmacht), daß er nur zusammen mit Europa tilgbar wäre.
Die Russen wissen nicht, daß die Nicht-Russen sie nicht mögen. Die Russen, wie auch die Juden, denken, daß wenn sie jemand nicht mag, dann liege das an irgendetwas – daß sie etwas falsch gemacht haben, jemanden beleidigt, sich unrichtig verhalten haben u. ä. Weder diese noch jene kommen darauf, daß man sie überhaupt nicht mag, sintemal jeder jeden nicht mag, und manche insbesondere nicht. Deshalb geben sich sowohl diese wie jene stets arge Mühe, alles richtig zu machen, so wie es sein soll, und weil sich dabei ergibt, daß sich nichts ergibt (in dem Sinn, daß sich zwar alles, was sich ergibt, ergibt, aber man sie dann im Ergebnis nicht etwa mehr, sondern weniger mag), macht ihnen das schwer zu schaffen und geben sie ihrer unseligen Natur die Schuld an allem. Die Russen und die Juden haben überhaupt sehr vieles gemeinsam (abgerechnet die verschiedene Veranlagung von Verstand und Instinkt), in erster Linie deshalb, weil sowohl Russen wie Juden kein Volk, keine Rasse, keine Kultur sind, sondern etwas wie eine Menschheit für sich, die viele Völker, Rassen und Kulturen umfaßt. Demnach müßten beide auch leben auf jeweils einem Planeten für sich.
Der Russe hat eine unendliche Menge Persönlichkeiten. Die Russen widerlegen augenfällig die verbreitete Hypothese von einer einzigen Persönlichkeit, die dem menschlichen Individuum erteilt worden sei. Nur ein Amerikaner hat wirklich diese eine, einheitliche, einzige Persönlichkeit (denn die Vermehrung der Persönlichkeiten beginnt in der Regel mit dem Übergang zur Geschlechtsreife, und diese Phase kommt bei dem Amerikaner bekanntlich an kein Ende). Ein Europäer hat einige Persönlichkeiten – eine endliche Zahl: drei oder vier oder sieben – funktionell angepaßt an die verschiedenen sozialen und biologischen Situationen und je nach deren Eintreten oder Enden ein- oder ausschaltbar. Der Russe hat eine unendliche Menge von Persönlichkeiten (mathematisch – eine unscharfe Menge), die sich im Vorraum des Bewußtseins unentwegt drängen und stoßen. Altersstufen, soziale Stufen, sogar Nationalitäten. Schaben Sie an einem Russen, und es kommt ein Tatare zum Vorschein, sagte ein Franzose. Aber schaben Sie an diesem Tataren, erscheint ein Franzose darunter.
Die Russen sind immer unzufrieden. Nicht eigentlich mit ihrem eigenen Leben (das ist eben, wie es ist), sondern mit dem Leben um sie herum allgemein sind sie unzufrieden und beklagen sich gern über es, besonders Ausländern gegenüber (welche ihnen ihrerseits gern glauben). Der Grund: die Russen bewerten das Leben im Vergleich mit dem Paradies, über welches sie alles wissen, als wären sie dort schon gewesen. Als institutioneller Statthalter für das Paradies kann mal die Vergangenheit, mal die Zukunft, mal das Ausland, mal das Dorf, mal der Kommunismus, mal der Kapitalismus dienen – abhängig jeweils von den geschichtlichen und persönlichen Umständen. Oder sagen wir es vereinfacht: Die Russen vergleichen Rußland mit dem Paradies, und die Tatsache, daß es dem Paradies nicht ganz gleicht, erfüllt sie mit Trauer und Zorn.
Persönliche Rechtschaffenheit und Einhaltung der Gesetze sind eine Manie der Russen. Da die staatlichen Gesetze in Rußland immer ohne Rücksicht auf die russische Natur abgefaßt wurden, war und bleibt es absolut unmöglich, sie in der Praxis vollkommen einzuhalten, wie sehr die Russen sich auch bemühen. So sind die Russen genötigt, sich für den praktischen Bedarf eigene Gesetze zu erfinden. Sogar die russischen Diebe haben sich, um redlich zu stehlen, einen Kanon von Gesetzen erfunden und halten sich strikt an ihn. Die Meinung, in Rußland wird gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist, beruht auf einem Mißverständnis: Staatseigentum, d.h. herrenloses Gut, stiehlt man nicht, man findet es.
Die Russen sprechen unübersetzbar. Schriftrussisch ist in andere Sprachen nicht schlechter und nicht besser übersetzbar als eine beliebige andere Sprache. Das mündliche Russische hingegen ist völlig unübersetzbar: die Russen verständigen sich untereinander nicht mit Hilfe in Wörtern und Sätzen ausgedrückter kommunikativer Elemente, die zur Mitteilung einer bestimmten Information dienen, sondern über mündliche Hieroglyphen, die keinerlei ersichtliche Bedeutung haben – komische Vorfälle aus dem eigenen und fremden Leben, literarische Zitate, Sprüche, Scherzwörter, Liedchen und Wortspiele. Die russischen Mutterflüche sind nur ein spezieller Fall dieser hieroglyphischen Kommunikation, mittels derer die Russen einander wunderbar verstehen. Dafür aber sind sie unbeschreiblichen Schwierigkeiten ausgesetzt bei Kommunikationen simpel-pragmatischer Art. Jeder, der es versucht hat, sich mit Russen über etwas Konkretes zu verständigen, weiß das.
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Die weiteren sieben Facetten sind Geheimnisse, die ich nicht zu lüften wage. Aber für den frontalen Blick sind sie sowieso unsichtbar.
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