aus:Das elektrische Herz - Peter Stephan Jungk, 2011, Zsolnay

Peter Stephan Jungk

Das elektrische Herz
(Leseprobe aus:
Das elektrische Herz, Roman, 2011, Zsolnay).

4.

Vier Monate vor meinem fünfzigsten Geburtstag erhielt ich

einen eingeschriebenen Brief, in dem mich das Jerusalemer

Stadttheater, das »Sherover«, herzlich einlud, mit meiner Frau

und meinen Töchtern drei Tage als ihr Gast im Hotel King

David zu verbringen. Zwei Suiten stünden uns zur Verfügung.

Man wisse, was Jerusalem für mich und mein Werk bedeute.

Das 1990 in London uraufgeführte und von 1992 bis

1995 nahezu ohne Unterbrechung am »Sherover« gespielte

Theaterstück »Mamme Gigi« lege dafür mehr als deutlich

Zeugnis ab. Das Theater erachte es als Ehre, mich anlässlich

meines runden »Wiegenfestes«, wie es in der auf Deutsch verfassten

Einladung hieß, samt Familie in Israel begrüßen und

feiern zu dürfen. »Wiegenfest« − wie unjüdisch das klang. Der

Name des Absenders ließ sich nicht identifizieren, es hieß

nur: Die Direktion. Darüber

lag der Schwung einer großspurigen,

mit Tinte verfassten Unterschrift, die der Silhouette einer

Heuschrecke glich.

Ich antwortete postwendend: »Wir freuen uns sehr. Meine

Töchter studieren in den USA und werden leider nicht dabei

sein können, sie erachten das Begehen von Geburtstagsfesten

ohnehin als goyisch und gänzlich überflüssig. Meine Frau

und ich nehmen Ihre Einladung gerne an. P. S.: Natürlich genügt

eine Suite!«

Die beiden Flüge, Business Class tour-retour, wurden von den

Gastgebern bezahlt. Niemand kam zum Flughafen, um uns

abzuholen. Das störte uns nicht, es kam uns nur ein wenig

seltsam vor. Wir nahmen ein Taxi, Catherine empfahl mir, die

Rechnung aufzuheben. Spät abends erreichten wir Jerusalem,

bezogen eine grandiose Zimmerflucht im obersten Stockwerk

des Hotels. Der Blick auf die beleuchtete Altstadtmauer erfüllt

mich jedes Mal mit einer Mischung aus Stolz, Heimatgefühl

und tiefer Verzagtheit. Mein Ruinenblick lässt mich

Zukunft schauen: Jerusalem wird noch vor dem Ende des

einundzwanzigsten Jahrhunderts vollkommener Zerstörung

zum Opfer fallen.

(...)

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