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Das elektrische Herz
(Leseprobe aus:
Das elektrische Herz, Roman, 2011, Zsolnay).
4.
Vier Monate vor meinem fünfzigsten Geburtstag erhielt ich
einen eingeschriebenen Brief, in dem mich das Jerusalemer
Stadttheater, das »Sherover«, herzlich einlud, mit meiner Frau
und meinen Töchtern drei Tage als ihr Gast im Hotel King
David zu verbringen. Zwei Suiten stünden uns zur Verfügung.
Man wisse, was Jerusalem für mich und mein Werk bedeute.
Das 1990 in London uraufgeführte und von 1992 bis
1995 nahezu ohne Unterbrechung am »Sherover« gespielte
Theaterstück »Mamme Gigi« lege dafür mehr als deutlich
Zeugnis ab. Das Theater erachte es als Ehre, mich anlässlich
meines runden »Wiegenfestes«, wie es in der auf Deutsch verfassten
Einladung hieß, samt Familie in Israel begrüßen und
feiern zu dürfen. »Wiegenfest« − wie unjüdisch das klang. Der
Name des Absenders ließ sich nicht identifizieren, es hieß
nur: Die Direktion. Darüber
lag der Schwung einer großspurigen,
mit Tinte verfassten Unterschrift, die der Silhouette einer
Heuschrecke glich.
Ich antwortete postwendend: »Wir freuen uns sehr. Meine
Töchter studieren in den USA und werden leider nicht dabei
sein können, sie erachten das Begehen von Geburtstagsfesten
ohnehin als goyisch und gänzlich überflüssig. Meine Frau
und ich nehmen Ihre Einladung gerne an. P. S.: Natürlich genügt
eine Suite!«
Die beiden Flüge, Business Class tour-retour, wurden von den
Gastgebern bezahlt. Niemand kam zum Flughafen, um uns
abzuholen. Das störte uns nicht, es kam uns nur ein wenig
seltsam vor. Wir nahmen ein Taxi, Catherine empfahl mir, die
Rechnung aufzuheben. Spät abends erreichten wir Jerusalem,
bezogen eine grandiose Zimmerflucht im obersten Stockwerk
des Hotels. Der Blick auf die beleuchtete Altstadtmauer erfüllt
mich jedes Mal mit einer Mischung aus Stolz, Heimatgefühl
und tiefer Verzagtheit. Mein Ruinenblick lässt mich
Zukunft schauen: Jerusalem wird noch vor dem Ende des
einundzwanzigsten Jahrhunderts vollkommener Zerstörung
zum Opfer fallen.
(...)
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