Scheißliebe?
Durch den Blick aus dem Fenster konnte sie nicht erkennen ob der Wagen schon fuhr, doch dann spürte sie die Bewegung als ob sie von ihren Zehen durch die Beine und den ganzen Körper bis in den Kopf fließe. Ihre Hände lagen ruhig auf dem Sitz neben ihren Oberschenkeln, die Erschütterungen der Fahrt ließen sie leicht zittern. Vorsichtig legte sie ihren Kopf gegen die Fensterscheibe und genoß die Vibration, die den ganzen Raum ihres Schädels erfüllte. Kurz schloss sie die Augen um sich ganz auf die Bewegung zu konzentrieren. Als sie spürte wie sich das Gefühl, das sie in ihrem gesamten Körper spürte, das Zittern der Hände und das angenehme Dröhnen des Kopfes, veränderte, öffnete sie die Augen und sah aufmerksam aus dem Fenster. Der Zug wurde langsamer. Sie fuhren in einen Bahnhof ein, klar. Leise seufzend schloss sie wieder die Augen um die Fahrt bis ins letzte auszukosten. Wer weiß, wie lange sie ihr stehen würden, bis es weiter ging, sie musste jeden Moment genießen. Dann stand der Zug. Sie öffnete wieder die Augen und sah sich in ihrem Abteil um. Niemand. Irgendwie erleichtert legte sie den Kopf in den Nacken und betrachtete die Decke. Scheißliebe. Sie musste lächeln. Scheißliebe ? Damit kannte sie sich nicht aus. Es war ihr auch egal. Langsam senkte sie den Kopf und sah an sich hinunter. Normal, wie immer. Warum hatte sie sich nicht mehr zurechtgemacht. Wer weiß wem man begegnet. Jetzt war es ja eh zu spät. Im Augenwinkel plötzlich etwas Großes Gelbes. Sie drehte sich nicht um, der Schaffner konnte es ja nicht sein, Schaffner tragen kein Gelb, jedenfalls nicht im Dienst. Und was ging sie das an wenn ein neuer Reisender sich in ihr Abteil setze. War ja genug Platz. Er sollte sie nur in Ruhe lassen. Dann schloss sie wieder die Augen und lehnte den Kopf in der gleichen Position wie vorher an die Fensterscheibe. Obwohl sie die Augen geschlossen hatte, merkte sie wie es um sie herum auf einmal etwas dunkler wurde. Ganz klar, es stand ihr jemand im Licht. Sofort wurde auch ihr Gesicht, das vorher von der Sonne, die durch das Fenster ins Abteil fiel, gewärmt wurde, kälter. Sie öffnete wütend die Augen und blickte einem jungen Typ ins Gesicht. Er war gerade dabei seinen Koffer in das Gepäcknetz zu wuchten und schien damit etwas Mühe zu haben als er sie schüchtern anlächelte. Dann hatte er es geschafft und setzte sich ihr gegenüber. Zuerst hielt er den Kopf gesengt, starrte auf den Fußboden. Dann drehte er ihn ohne sie anzusehen und blickt aus dem Fenster. Wenigstens kein Gespräch, das war gut. Zufrieden begab sie sich in ihre bewährte Position, den Kopf am Fenster, die Hände auf dem Sitz neben den Oberschenkeln. Nett sah er ja aus. Und nicht so aufdringlich. Eigentlich richtig sympathisch. Wie er da den Koffer nicht ins Gepäcknetz bekam, schon niedlich. Sie lächelte, sah sein Gesicht, als er mit den Schuhen auf dem Sitz stand und auf sie herunter blickte, vor sich. Dann versteinerte sich ihr Gesichtsausdruck wieder. Was ging sie das an wenn da irgend so ein junger Typ mit ihr im Abteil saß und ganz nett aussah. Nichts, und es war ihr auch egal. Sie konzentrierte sich wieder ganz auf dieses Gefühl, das Zittern der Hände, das angenehme Dröhnen in ihrem Kopf. Und dann war da noch was. Ein Pochen. Zuerst nur in der Magengegend, dann verteilte es sich im ganzen Körper. Hinzu kam ein Flattern, das sie vorher noch nie gespürt hatte. Es war sehr angenehm und sie sank immer tiefer in den Sitz, völlig erfüllt von den ganzen Bewegungen, die schon fast aus ihr raus fließen müssten, weil es so viele und so heftige waren. Das Pochen wurde mit der Zeit immer stärker, nahm mehr Raum ein als alles andere. Es wurde schneller, raste mit dem Zug um die Wette. Und plötzlich war da noch was. Wie ein Schmetterling flatterte sein Lächeln vor ihren Augen herum. Sie wusste, ihre Augen sind geschlossen, doch sie erkannte sein Lächeln ganz deutlich. Das innerliche Pochen war nun so schnell, dass es sie fast außer Atem brachte. Es wurde ihr allmählich zu viel. Ruckartig öffnete sie die Augen und das Bild verschwand. Nur das Pochen blieb und es wurde heftiger denn je als sie ihm ins Gesicht blickte. Er hatte seine Augen scheinbar auf einen imaginären Punkt über ihrem Kopf gerichtet, sah ihr aber sofort in die Augen, als er bemerkte, dass sie auch ihn anschaute. Als sich ein breites Lächeln auf seinem Gesicht zeigte, drehte sie verstört ihres zur Seite. Dann hob sie den Kopf und richtete die Augen zur Decke. Scheißliebe. Ja. Scheißliebe ? Ohne ihn anzusehen schaute sie verkrampft aus dem Fenster. Keine Miene verziehen, sich ja nichts anmerken lassen. Was auch. Konnte ihr doch egal sein, ob sie ein Typ im Zug anlächelte oder nicht. Plötzlich wurde der Zug langsamer. Wieder ein Bahnhof. Ihr Bahnhof. Sie stand auf und zog geschickt ihre Reisetasche aus dem Gepäcknetz. Als sie sich umdrehte um das Abteil zu verlassen und aus dem Zug zu steigen sobald er hielt, spürte sie plötzlich wie sie an der Hand sanft zurückgehalten wurde. Sie sah sich um und blickte ihm in die Augen. Dann bemerkte sie wie er seine Lippen bewegte. Er sprach. Lange dauerte es bis er fertig war und dann lächelte er. Verschüchtert lächelte auch sie, dann zog sie einen Zettel aus ihrer Jackentasche. Ich bin taubstumm, stand darauf. Lächelnd blickte sie in sein geschocktes Gesicht. Dann deutete sie mit dem Kinn zur Decke. Scheißliebe. Sie drehte sich um, verließ das Abteil und stieg aus dem Zug. Auf dem Bahnsteig blieb sie stehen und wartete bis der Zug los fuhr. Sie suchte mit den Augen das Fenster ihres Abteils. Nichts geschah. Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, öffnete sich das Fenster. Sie sah kein Gesicht. Der Zug war schon fast aus dem Bahnhof raus, als ein Stück Papier aus ihrem Fenster wehte. Es blieb auf dem Bahnsteig liegen. Lange als der Zug schon weg war, ging sie hin und hob es auf. Ich dich auch, stand in einer krakeligen Schrift auf dem Blatt. Als sie das las sah sie wieder sein Lächeln vor sich und das rasende Pochen war wieder da. Sie dachte an das Graffiti an der Decke im Abteil. Scheißliebe ? Ja, aber trotzdem schön.
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