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aus: Gestern brennt
Der Mond ist voll. Das Laub glänzt.
Ich liege auf dem Rücken, die Hände im Nacken verschränkt. Ruth wimmert. Sie
wimmert jede Nacht. Vielleicht schlafe ich deswegen schlecht. Ich kann nicht
glauben, dass Ruth den Mann auf dem Bild kennt. Vielleicht sieht er jemandem ähnlich.
Sein Gesicht will nicht verschwinden, ob ich die Augen offen halte oder
geschlossen, es bleibt da.
»Psst!«
Mein Zischen schneidet sich in Ruths Wimmern.
»Psst!«
Die gesteigerte Schärfe nützt nichts. Sie wimmert weiter. Es ist nicht zum
Aushalten.
»Psst!«
Ich versuche mich mit ein paar Atemzügen zu entspannen. Nach einer Weile stehe ich trotzdem auf und gehe zu ihr hinüber. Ich greife unter die Decke, suche nach ihren Händen. Sie sind eingebunden. Über Arme und Schultern taste ich mich zu Gesicht und Lippen und schiebe ihr meinen Finger in den Mund. Das Wimmern verstummt. Sie saugt und nagt. Warm und weich umschlossen gleitet mein Finger tiefer. Er dringt in die Enge des Halses. Ruth schluckt und würgt. Erschrocken ziehe ich den Finger heraus. Mit leerem Mund schmatzt sie leise weiter. Ich lausche ihrem Atem. Als er ebenmässig fliesst, gehe ich hinüber zum Tisch, drücke den Schalter der Leselampe und setze mich.
Im begrenzten Lichtschein liegen die Bilder. Das nächste zeigt eine dunkelhaarige Frau. Sie schaukelt in der Hängematte und lacht mich an. Ihr nacktes Bein baumelt über den Rand. Nein, es kann nicht sein. Je länger ich sie betrachte, desto fremder wird sie mir. Es ist unmöglich, dass ich jemals so gelacht habe. Und dieser blonde Mann daneben wirkt verspielt und übermütig, schutzlos mit seinem nackten Oberkörper. Ruths heiseres Wimmern setzt wieder ein. Ich starre in die Dunkelheit des Zimmers. Das Wimmern reizt mich. Es beisst auf der Haut. Die Haare der Frau sind nass. Auch die des Mannes. Meine Füsse erinnern sich an die glitschigen Steine im Fluss.
Es sind die Füsse der dunkelhaarigen Frau, die sich durchs sprudelnde Wasser tasten. Sie klettert hinunter ins Staubecken und taucht in den kleinen See. Vom nahen Wasserfall stiebt Gischt herüber. Das gewaltige Tosen betäubt ihre Sinne. Sie sieht bis auf den Grund. Die riesigen Kiesel verformen sich unter ihren Füssen. Sie rutscht, schlägt mit den Armen Wellen. Das Rauschen des Wassers überdeckt ihren Schrei.
Ich höre dumpfes Schlagen. Ruth keucht und
wimmert. Mein Herz hämmert.
»Ruth, bist du wach? Ruth, was machst du?«
Meine Stimme hallt im Zimmer. Ich beginne zu schwitzen. Die Finger kleben am
Bild. Wo bin ich? Bin ich in der falschen Welt? Ich halte mich am Tisch fest,
bewege zuerst bloss meine Zehen, dann auch Füsse und Beine. Als ich aufstehe,
spüre ich das Blut pulsieren. Meine Schritte führen mich ins Bad. Ich beuge
mich über den Hahn und lasse das Wasser in meine Hände fliessen. Meine Knie
zittern. Ruths wildes Schlagen verfolgt mich. Ich trinke ein paar Schlucke und fühle
mich besser.
»Ich bin ja da, mein Kindchen!«, rufe ich, gehe zurück ins Zimmer, setze mich
aufs Bett, streiche ihr die feuchten Haare aus der Stirn und singe ein Liedchen.
Ein Lichtkegel streift mich. Frau Muralt steht
hinter mir.
»Lassen Sie Ruth schlafen!«
Sie spricht kurz und befehlend. Ihr Gesicht liegt im Dunkeln. Der harte Ton
trifft mich.
»Ich tue, was mir passt.«
»Nicht, solange Sie hier sind.«
»Dann geh ich.«
»Wohin?«
Der Spott in Frau Muralts Stimme schmerzt. Mein Magen krampft sich zusammen. Mir
wird schlecht. Verzweifelt stürze ich mich auf die füllige Gestalt und lasse
mich von den ausgebreiteten Armen auffangen. Ich klammere mich an den weichen,
warmen Körper. Warum, schreit es in mir, warum bin ich hier?
»Sagen Sie mir, wer ich bin, bitte, sagen Sie es. Bin ich Ruth? Bin ich
Veronika?«
Meine Beine geben nach, ich torkle aus der Umarmung.
»Bin ich Eva? Maria? Magdalena? Bin ich Magdalena?«
Wortlos blickt sie mich an, steht bewegungslos vor mir. Eine bleierne Müdigkeit
überfällt mich. Ich sinke in die Knie. Sie führt mich zum Bett, deckt mich zu
und streicht mir über den Kopf. Dann folgt sie dem Lichtkegel ihrer
Taschenlampe hinaus aus dem Zimmer.
Ich starre blind. Ein kaum wahrnehmbares Knistern umgibt mich. Versteckt und unheimlich. Meine Arme umschlingen mich, halten mich fest. Die Hitze steigt von unten in die Beine. Hilfe, es brennt! Mit einem gewaltigen Sprung rette ich mich und lande zu meinem Entsetzen wieder mitten im Feuer. Ich strecke die Arme aus, die Hände. Hoch über mir ragt ein verkohlter Balken zum Himmel. Ich strecke die Finger, die Fingerspitzen, zwei, drei Millimeter fehlen noch. Da gleitet ein Engel hernieder. Sein Anblick löst mich auf. Ich schwebe über die Welt hinaus. Weit, weit unten sehe ich das Feuer als einen kleinen, roten Punkt.
Ruths sprödes Haar leuchtet im Morgenlicht. Sie
sitzt bei mir auf dem Bett und löst meine verkrampften Finger von ihrem Arm.
Mein Kiefer schmerzt. Ruth betrachtet die tiefen Kerben, die meine Nägel in
ihrem Fleisch hinterlassen haben. Meine Augäpfel schmerzen und auch mein Kopf,
eigentlich schmerzt mein ganzer Körper.
»Was ist mit deinen Füssen?«, fragt Ruth.
»Nichts.«
»Du hast geschrien.«
»Na und?«
Ruth reibt sich den Arm. Ich horche auf. Die Worte, die sie jetzt flüstert,
kenne ich von irgendwoher. Sie jagen mir Schauer unter die Haut, verwirren mir
den Kopf.
»Die Flamme zischt, zwei Füsse zucken in der Glut…«
»Hör auf!«
»Ein fein halsstarrig Weib…«
Ich schnelle hoch und halte mir die Ohren zu.
»Wo steckt der Junker? Sprich!«
»Halt den Mund!«
»Sie schweigt…«
»Schweig du endlich!«, schreie ich und erschrecke über den heftigen
Ausbruch.
Ruth senkt den Kopf und legt die wunden Finger in
den Schoss. Ein Lichtfleck zittert auf ihrem Schenkel.
»Das habe ich einmal gespielt«, sagt sie leise.
»Was?«
»Die Frau.«
»Welche Frau?«
»Die mit den Füssen im Feuer.«
Ruths Zaghaftigkeit stimmt mich versöhnlich. Ich lege die Hand auf den
Lichtfleck und tätschle ihr knochiges Knie.
»Komm, wir packen deine Hände ein.«
Mein Fuss schmerzt beim Auftreten. Ich hoffe, dass sich die Narbe an der linken
Ferse nicht wieder entzündet. Sorgfältig umwickle ich Ruths Fingerbeeren mit
frischer Mullbinde und stülpe die Handschuhe aus bissfestem Leder darüber.
Ein Gedanke hat sich in meinem Kopf festgesetzt
und drängt sich immer wieder in den Vordergrund. Nein, sage ich, nein, nein,
nein. Aber es nützt nichts. Die Frage wiederholt sich fortwährend: Ist es möglich…,
ist es möglich, dass zwei Menschen sich verwechseln? Dass die eine einmal die
andere war und umgekehrt?
»Ruth, bist du sicher, dass du den Mann auf dem Foto kennst?«
Meine Stimme muss einen ungewohnten Klang haben. Ruth weicht zwei Schritte zurück.
»Auf welchem Foto?«, fragt sie.
»Auf diesem hier!«
»Ich kenne keinen Mann.«
»Gestern hast du behauptet…«
Meine Stimme versagt. Ich schlucke leer. Die Wände wölben sich. Ich greife
nach der Stuhllehne und halte mich fest.
»Ah, den meinst du! Der hat mich hierher gebracht.«
»Und warum hat er dich hierher gebracht?«
»Weil das Kind immer schrie.«
Ruths Ausdünstung steigt mir in die Nase. Sie steht dicht vor mir. Wasser sammelt sich in ihren Augenwinkeln. Ich ertrage jetzt keine Geschichten. Ich will nichts zu tun haben mit dieser Verlorenen. Das kann nicht meine Aufgabe sein. Der Doktor soll ihr helfen. Ich weiss nicht, was ich… Wie ein Stromstoss durchfährt mich die Idee. Natürlich weiss ich, was ich zu tun habe. Blitzschnell greife ich nach dem Bild mit dem blonden Mann, der die Frau durchs Wasser trägt, und zerreisse es in ganz kleine Fetzen. Es soll ihn nicht mehr geben. Und jetzt raus, weg von hier, weg von dieser Ruth, ich will mich nicht verwechseln mit ihr. Ich renne zur Tür. Frau Muralts fülliger Leib versperrt mir den Weg.
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