Redner rund um die Uhr von Gert Jonke, 2003, Verlag Jung & JungGert Jonke

Und Sie werden sehen...
(Leseprobe aus: Redner rund um die Uhr, Sprechsonate, 2003, Jung und Jung)

"Mir passiert es sehr oft, und zwar immer, wenn ich beim Schreiben von Geschichten wieder von vorne beginne, daß deren erstes Wort mir im Mund gefriert, ehe ich es aussprechen könnte wie ein Ort oder der Name eines Ortes, wo noch nie jemand gewesen ist, weil ich mit dieser Geschichte immer wieder jene Orte suche, wo noch niemand gewesen sein kann, um somit neue, unbetretbare Welten zu erfinden, aber ich bleibe schon beim ersten Wort meiner Geschichte stehen und stecken; ich versuche also, dieses Wort auf ein Blatt Papier zu schreiben. Das scheint sehr gut zu gelingen, und beinah wäre das Wort von dem Stift, den ich ergriffen habe, niedergeschrieben worden. Doch kurz bevor er das Wort geschrieben hat, stellt der Stift in meiner Hand sich deutlich als jener Stift eines Forschungsschiffes heraus, das schon vor hundert Jahren mit einer Expedition ins nördliche Eismeer aufgebrochen war und damals unmittelbar nach dem Beginn der Expedition in Vergessenheit geriet, weil das Schiff bis heute noch immer fossiliert in einem versteinerten Nordlichtquader wie eine Fliege im Bernstein steckengeblieben ist und noch immer steckt, dort, verschollen, vergessen, bis jetzt, bis mein Stift quer durchs arktische Eis des Papiers zu diesen nach wie vor in einem riesigen Lichtkristall steckengebliebenen Mitgliedern dieser vergessenen Expedition vorzudringen versucht, mit meiner wie ein Eisbrecher sich zu dem weißen Eispanzer hinüberschreibenden, ihn zerschneidenden Feder des Stifts, um an den erstarrten Minen dieser Leute abzulesen, wo denn der gesuchte Ort, den auch sie noch nicht ganz erreicht hatten, denn etwa liege ..."

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