Sofort einsetzendes Geselliges Beisammensein von Uwe Johnson, 2005, Transit

Uwe Johnson

Sofort einsetzendes Geselliges Beisammensein
(Leseprobe aus: Sofort einsetzendes Geselliges Beisammensein, Rechenschaft über zwei Reisen, 2005, Transit-Verlag)

Die wissenschaftliche Vorbereitung der Reise umfasste ein Studium der Fahrplanstrecke 600, Berlin-Leipzig/Halle-Erfurt-Eisenach, den Erwerb dreier grossjähriger Fahrtausweise sowie auch dreier Platzkarten im Wagen 3 des D 274, ab Ostbahnhof 14:19, an Leipzig 16:40.

Die wissenschaftlichen Hindernisse begannen im Ostbahnhof um 14:05 mit einer Durchsage, die eine Abfahrt in dieser Station aufkündigte und auf die von Flughafen Schönefeld verschob. Die passende S-Bahn fuhr statt um 14:10 um 14:12, so

dass sie die Station Schönefeld erreichte um 14:42, als der D 274 abfahren sollte. Schwer bepackt huschten die Leute über die Treppen auf den hölzernen Querbahnsteig zum angegebenen Niedergang, wo sie von gleich zwei Beamten auf einen noch weiteren gewiesen wurden. Dort stand ein Zug, zur Hälfte aus Doppelstock-, zur anderen aus gewöhnlichen Wagen bestehend, und die Aufsicht rief die Kunden als »liebe Fahrgäste« zu grösserer Eile auf. Als auch Elisabeth eine Tür geentert hatte, war sie nur bewusstlos am Leben.

Die Hindernisse wurden fortgesetzt durch die Kennzeichnung eines der Doppelstockwagen, im hinteren Zugteil, als Nummer 4. Davor und dahinter hatten solche Schilder gefehlt. Im Inneren des Zuges, im Teil der konventionellen Wagen, kam die 4 noch einmal vor. In einem Durchgang lagen zwei Nummernschilder am Boden, jeweils die 2. Durch anhaltendes Suchen nach der uns vorgeschriebenen 3 gelangten wir bequem an die Spitze des Zuges und wollten uns wenigstens auf die Kopf-Qualität des Bahnhofs Leipzig freuen, wenn wir schon falsch sitzen mussten.

Die Freude zu unterstützen, unternahm ich eine Reise zur Getränke-Ausgabe, auf den Eintrag im Fahrplan vertrauend. Das Buffet befand sich im Doppelstockteil, von uns getrennt durch eine verschlossene Tür und blanke Puffer. Diese Aufgabe wurde gelöst durch einen Dauerlauf in Jüterbog, von der Spitze des Zuges zum hinteren Teil, unter anfeuernden Rufen des Begleitpersonals: Junger Mann, steijn Se ein, mr wolln abfahrn! Der Buffetraum bestand aus zwei unteren Teilen des Wagens, gegen die hinteren mit Segeltuch verhängt. Vor der Theke und auf der angrenzenden Bühne fand eine Kundenversammlung statt. Mann aus Aue erklärte sawjetski offizer: Maja schenzina natschalnik; me budet porusski. Ein Junge aus den frühen Erzählungen Hemingways schnitt den Erwachsenen mit Blicken die Augen aus. Von der Familie getrennt, betrachtete ich mit grösserem Entsetzen zwei Schilder auf dem Boden:


wohin wir gar nicht gewollt hatten. Nach Dauerlauf in Wittenberge zum vorderen Zugteil, das Erworbene zwischen sechs Fingern (-Kuck mal, der hat Radeberger!), fand ich Kind und Weib gleich hinter der Lokomotive. Elisabeth war enttäuscht von der Limonade, die sie bestellt hatte, und tröstete sich mit dem Kognac, den ich in der Hosentasche für M 3.75 mitführte. Dann kamen wir gleich nach Einnahme des Mittagessens in der Dunkelheit des Ägyptischen Hauptbahnhofmuseums von Leipzig an und Béla sagte: Da seid ihr ja!

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